Von Berner Graffitis zu Zürcher Kunst

Angefangen hat er als «Toast» in der Graffitiszene in Bern. Heute lebt Ata Bozaci als Gestalter in Zürich – und geniesst den Luxus der Unabhängigkeit. Er ist der Gestalter des diesjährigen Fasnachtsplakats.

Die Wurzeln im Graffito sind auch in «Toasts» neuesten Arbeiten deutlich. (Adrian Moser)

Die Wurzeln im Graffito sind auch in «Toasts» neuesten Arbeiten deutlich. (Adrian Moser)

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Über der Türklingel steht kein Name, nur ein Zeichen. Der Affenkopf des «Pyrochimp». Er ist das Markenzeichen von Ata «Toast» Bozaci, der seine Gäste in seinem Haus im zürcherischen Küsnacht empfängt. Auch das trübe Winterwetter vermag die privilegierte Wohnlage nicht zu verbergen. Vom Wohnzimmer und Atelier aus – jene Grenzen sind im Hause Bozaci schwer zu ziehen – zeigen sich der Zürichsee und seine Südküste. Er könne hier nur dank einem guten Geschäft wohnen, erklärt der 35-Jährige auf Nachfrage. Es soll klar sein: Da gibt es immer noch eine Grenze zwischen dem Lebensstandard der Goldküste und jenem des Neuzuzügers aus Bern, der seine Künstlerkarriere mit nächtlichem Graffitisprayen angestossen hat.

Unzähmbar, rebellisch und naiv

Aufgewachsen ist Bozaci als Kind türkischer Einwanderer in Bern. Die Begeisterung fürs Zeichnen entstand auf Papier, das der Vater von der Arbeit in der Druckerei mitbrachte. «Wahrscheinlich habe ich das Zeichnen noch vor dem Laufen gelernt», sagt er. Als Jugendlicher will Bozaci seinen Ideen viel Raum geben. Als Mitglied der Graffitiszene wird «Toast» bald schweizweit und im Ausland ein Begriff.

«Der Pyrochimp bringt mein Wesen und Schaffen auf den Punkt», sagt Bozaci. Er malt den Schimpansen oft mit einem Streichholz in der Hand. Das steht für den kreativen Funken, sagt er. Doch auch durch den unzähmbaren, naiven Affen selbst fühlt sich Bozaci gut vertreten. Als genauso rebellisch und unberechenbar beschreibt sich der Künstler. «Toast» provoziert gerne. Das hat er auch mit dem diesjährigen Plakat zur Berner Fasnacht bewiesen. Während die Fasnacht in Thun lanciert ist, werden die Bernerinnen und Berner dem Sujet bis zum 18. Februar auf den Strassen begegnen. Der Affe gibt da den Zirkusdirektor, welcher mit einem lädierten Teddybären spielt.

Ist das legal?

Ein Künstler ohne Botschaft sei kein Künstler, meint er. «Toast» versteht seinen «Pyrochimp» als Kämpfer gegen ein schweizerisches Sicherheits- und Regeldenken: «Ja kein Risiko, alles muss vorsichtig und wo möglich präventiv sein», sagt er. Dieselbe Vorsicht schränke die Ideen und die Kreativität ein. Für Intuition und Launenhaftigkeit bleibe in der Gesellschaft kein Platz. Bozaci fragt provokant: «Ist es richtig, dass ein Kind, dem man die Möglichkeit gibt, eine Mauer zu bemalen, als Erstes fragt, ob dies denn legal sei?»

Bozaci sträubt sich deshalb auch, will man ihn in einen Käfig von Konventionen und Stilen sperren. Nie hat er sich nur als Sprayer verstanden. In Bern hat er die Diplomausbildung in Grafik abgeschlossen. Sowohl Architektur als auch klassische Ölmalerei interessieren ihn. Seine Arbeiten zeugen von diesem breiten Fundus. «Jemand, der diese verschiedenen Stile sieht, fragt sich vielleicht, ob sie vom selben Menschen stammen», sagt Bozaci. Doch «Toast» scheut sich nicht, sich in anderen Kunstbereichen umzusehen.

Heute kennt Bozaci den Luxus der künstlerischen Freiheit. Um Geld zu verdienen, geht er keine grossen Kompromisse mehr ein. «Statt mich für die Erwartungen eines Galeristen zu verbiegen, ernähre ich mich lieber von Brot und Nutella», sagt er. Den Grundstein für die Unabhängigkeit hat Bozaci mit dem Grafikstudio Atalier in Bern gelegt. Im Betrieb in der Berner Matte produzierte er mit zwei Partnern während zehn Jahren Internet-Werbespiele. Es ist ein lukratives Geschäft, doch vor einem Jahr hatte Bozaci davon genug. Zu viel Bürokratie, zu viele Vorgaben hielten ihn von der kreativen Arbeit ab, findet er.

«Senkrecht nach oben»

Unterdessen hat Bozaci auch in Galerien in Deutschland, Österreich und den USA ausgestellt. Dann tritt der wichtigste Kunde seines Lebens auf den Plan: Gunter Sachs, der Mann, der schon Andy Warhol unterstützte, bittet Bozaci und seinen Basler Mitstreiter Sigi von Koeding, seine Wohnung im Schloss Wörthersee zu gestalten.

«Wir haben ihm ein richtig gutes Konzept präsentiert», sagt Bozaci. Unter dem Namen «Point of View», Blickwinkel, malen die Sprayer zehn raumübergreifende Bilder in die sachsschen Gemächer. Nur von zehn Punkten aus fügen sich die Muster zu einem Bild zusammen. Sachs ist begeistert von «Toast». «Die Romantik des Sprayers weht ihm um die Nase», sagt er über ihn. Fast ein Ritterschlag. «Toast» ist endgültig vom Sprayer zum modernen Künstler geworden. Die Karriere kennt nur noch eine Richtung: «Senkrecht nach oben», sagt Bozaci. Der lukrative Auftrag am Wörthersee stösst viele Türen auf.

Ein stiller Mäzen wie Sachs kommt «Toast» recht. Auf den Kunstmarkt, wo das grosse Geld wartet, verzichtet er lieber. «Früher glaubte ich, dass ein guter und engagierter Künstler auch ein erfolgreicher Künstler wird», sagt er. Heute bestimmten wenige Leute mit viel Geld, was Kunst wert sei. Bozaci kommt aus seiner Erfahrung in der eingeschworenen Graffitiszene zu einem anderen Schluss. «Letztlich müssen die Künstler selbst entscheiden, was gute Kunst ist», sagt er.

(Der Bund)

Erstellt: 01.02.2010, 11:10 Uhr

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