«Vielleicht ist die Einweisung in den offenen Vollzug zu lasch»

Martin Kraemer, Vorsteher des kantonalen Amts für Freiheitsentzug und Betreuung, spricht über Einweisungspraxis und Informationspolitik im bernischen Strafvollzug.

Martin Kraemer ist Vorsteher des kantonalen Amts für Freiheitsentzug und Betreuung. (Franziska Scheidegger)

Martin Kraemer ist Vorsteher des kantonalen Amts für Freiheitsentzug und Betreuung. (Franziska Scheidegger)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Massnahmezentrum St. Johannsen steht nach dem Ausbruch zweier Sexualstraftäter in der Kritik (siehe Kasten). Wie funktioniert der Vollzug in der Anstalt St. Johannsen?

Wie der Name sagt, ist es eine Institution, in der Massnahmen in Form von Therapien vollzogen werden. Das Gericht kann entweder zu einer Strafe oder zu einer Massnahme verurteilen. St. Johannsen ist eine offene Anstalt, das heisst, wir versuchen die Sicherheit nicht ausschliesslich mit baulichen und technischen Mitteln zu erreichen, sondern durch Einsatz von professionell geschultem Personal. Die Insassen arbeiten zum Beispiel in der Gärtnerei, im Landwirtschaftsbetrieb oder in einem Atelier, wo die Türen nicht jederzeit abgeschlossen sind.

Wer sitzt in St. Johannsen ein?

Dort sitzen Verurteilte, die wir in den offenen Vollzug einweisen. Das ist unabhängig von ihren Delikten. Ihre Delinquenz steht aber im Zusammenhang mit einer Krankheit, etwa einer psychischen Störung.

Sitzen Verwahrte in St. Johannsen?

Nein, Verwahrungen werden im Kanton Bern, abgesehen von wenigen Spezialfällen, auf dem Thorberg durchgeführt. Die Entscheidung, wer wohin kommt, liegt bei der Einweisungsbehörde und der Vollzugsanstalt. Jeder Einzelfall wird unter anderm auf Gefährlichkeit, Rückfälligkeit hin beurteilt.

Werden Häftlinge vom Thorberg nach St. Johannsen verlegt?

Ja. Im Rahmen eines Fortschrittes im Vollzug ist es möglich, dass jemand von einer geschlossenen in eine offene Anstalt verlegt wird. Auch das Umgekehrte ist möglich. Bei den meisten haben wir den Auftrag, sie fit zu machen, damit sie nachher wieder ein rechtskonformes Leben führen.

Ist die Auslastung der Anstalten ein Faktor bei der Platzierung?

Das darf nicht sein. Bei den Massnahmen haben wir die Auflage, sie sofort zu vollziehen, wohingegen bei kürzeren Strafen auch zugewartet werden kann. Das darf aber nicht dazu führen, dass jemand aus Platzmangel bewusst in eine falsche Anstalt eingewiesen wird.

Einer der Häftlinge entwich unbemerkt. Können Sie noch genauer beschreiben, wie man in St. Johannsen für Sicherheit sorgt?

Das Personal ist aufmerksam, aber nicht jede Minute wird ein Insasse voll überwacht. Das gehört zum offenen Vollzug. Sonst müssten wir neben jeden Insassen einen Betreuer stellen. Es ist die schwierige Aufgabe der Anstalt, bei jedem Insassen richtig einzuschätzen, wie weit man ihm vertrauen kann.

Ein Häftling kann mehr oder weniger problemlos entweichen?

In St. Johannsen wie in allen offenen Anstalten ist ein Entweichen möglich.

Komisch ist aber, wenn das in der Anstalt nicht bemerkt wird, wie im August geschehen.

Es kommt darauf an, wie geschickt sich ein Insasse anstellt. Wenn er das während der unbeobachteten Zeit macht, ist es durchaus möglich, dass man es zu spät bemerkt.

Gibt es Zahlen darüber, wie viele Häftlinge pro Jahr in welcher Anstalt entweichen?

Wir sind dabei, eine solche Information auf Amtsebene statistisch aufzubauen. Im Moment bin ich auf die Zahlen der Institutionen angewiesen.

Es gibt offensichtlich auch Häftlinge, die nie mehr eingefangen werden, wie der «Blick» publik machte.

Ja, das ist so. Wenn jemand flüchtet, wird die Fahndung ausgelöst. Wir haben den Vollzugsauftrag, deshalb müssen wir sofort die Verfolgung aufnehmen. Je nachdem wird die polizeiliche Fahndung national oder international in Gang gesetzt.

Wann ist es angezeigt, die Bevölkerung zu informieren?

Wir informieren sicher nicht, wenn es um eine reine Sensationsmitteilung gehen würde. Wenn wir den Eindruck haben, es bestehe erhöhte Gefährdung in der Umgebung gegenüber dem Zustand von vorher, dann informieren wir. In einem der aktuellen Fälle wurde nicht informiert, weil sich der Flüchtige sofort ins Ausland abgesetzt hatte. Aber er wurde international ausgeschrieben.

In einem der beiden Fälle steht bezüglich der Information der Öffentlichkeit nun der Vorwurf der Vertuschung im Raum.

Vertuschung muss ich bestreiten. Der Vorfall ist aber sehr bedauerlich. Wir hatten anfänglich informieren wollen, doch die Informationshoheit liegt beim Untersuchungsrichter. Er wird Gründe gehabt haben, damals nicht informiert zu haben und jetzt erst im Nachhinein, als die Medien recherchierten.

Vor Kurzem stand Witzwil in der Kritik und nun St. Johannsen. Was ist im Berner Strafvollzug los?

Die Anforderungen an den Vollzug nehmen ständig zu. Viele Insassen sind psychisch und physisch kränker als früher. In Witzwil und St. Johannsen findet der offene Freiheitsentzug statt, wo Entweichungen vorkommen können. Vielleicht ist die Einweisung in den offenen Vollzug in den Augen mancher zu lasch. Aber ich bin ein Befürworter des offenen wie des geschlossenen Vollzugs. Es braucht beides. Die hohe Schule ist aber, dass wir die Verurteilten richtig einschätzen und einweisen.

Müsste die Bevölkerung nicht gerade vor psychisch Kranken geschützt werden?

Im Grundsatz ist das richtig. Nur bleibt die Frage, wie wir die Bevölkerung schützen und in welchem Ausmass. Die Null-Risiko-Garantie gibt es nicht, auch in der psychiatrischen Klinik nicht.

Muss man gegen die zu lasche Einweisungspraxis etwas unternehmen?

Wir müssen in jedem Fall genau hinschauen. Ob man etwas unternehmen muss, entscheiden wir aber nicht von heute auf morgen anhand eines Einzelfalls. (Der Bund)

Erstellt: 03.11.2009, 07:41 Uhr

Werbung

Immobilien

Blogs

KulturStattBern Vergnüglicher Musical-Schabernack

Von Kopf bis Fuss Mit Selbstliebe an die Spitze

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Feuer frei für Feuerwerk: Wenn die Griechen auf Hydra die Seeschlacht gegen die Türken vom 29. August 1824 nachspielen, versinkt die türkische Flotte mit viel Schall und Rauch im Meer (24. Juni 2017).
(Bild: Alkis Konstantinidis) Mehr...