Urbaner OL mit minimalem Bike
Von Felicie Notter. Aktualisiert am 14.07.2010
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Was zum Teufel macht der bärtige Typ mit den vielen Bierflaschen im Gummiboot mitten auf der Aare, mögen sich die Badenden am Samstagnachmittag bei der Felsenau gefragt haben. Die Antwort kommt unvermittelt: Eiligst radelt eine Schar Velofahrer an, wirft die Gefährte hin, rennt an den Strand. Sie lachen, als sie das Gummiboot sehen – ihre Aufgabe ist klar: Unter den Augen der verwunderten Badenden springen sie mitsamt der Kleider ins kühle Nass, schwimmen zum Gummiboot, und der Bärtige reicht eine Flasche Bier zur Belohnung. Geschafft ist Posten eins des Alleycat.
Gestählte Waden in der Stadt
Ein Alleycat ist eine Art Schnitzeljagd im urbanen Raum, die aus der Velokurierszene stammt. Alleycats werden etwa im Rahmenprogramm von Velokurier-Meisterschaften durchgeführt, an denen die Kuriere abgesperrte Parcours abfahren und fiktive Aufträge erledigen. Im Gegensatz dazu finden die Alleycats auf offener Strasse statt. Nicht zu verwechseln sind sie mit Mountainbike-Orienteering («Bike-OL»), in dem die Könizerin Christine Schaffner soeben eine WM-Medaille geholt hat (siehe auch Seite 15).
In der Velokurierszene wurzelt auch der Trend der sogenannten Fixies – Lust- und Identifikationsobjekt der meist männlichen Fahrer. Das sind Starrgangvelos («fixed gear»), die nur einen Gang haben und keinen Freilauf – eine sportliche Angelegenheit, welche die Waden stählt: Tretpause gibt es keine. Durch die 1:1-Übersetzung wird mit den Pedalen nicht nur gebremst, sondern auch rückwärtsgefahren. Die minimal ausgestatteten, äusserst wendigen Fahrräder wurden in den letzten Jahren zunehmend populärer – auch im topografisch wenig geeigneten Bern. Die meisten der Teilnehmenden am Samstag haben ein solches Fixie, aber es sind auch «Gümeler» mit von der Partie – diejenigen mit Rennrad.
Pete – man kennt sich nur mit Vornamen – hat das Alleycat diesmal mitorganisiert. Es geht los, nachdem er die Karten mit den Anweisungen ausgeteilt hat, das Manifest, auf dem die verschiedenen Checkpoints eingezeichnet sind. Am Start sind sechzehn Leute, schätzungsweise zwischen zwanzig und dreissig Jahren, darunter zwei Frauen. Manche sind sportlich gekleidet, andere fahren in Röhrchenjeans.
Man spornt sich gegenseitig an
«Es ist eine Herausforderung, sich jedes Mal ein Thema als roten Faden des Alleycat auszudenken», sagt Pete. So mussten sich bei einem «Pink Alleycat» die Teilnehmer an jedem Posten einen Fingernagel lackieren. Oder konnten im «Gamble Alleycat» beim Blackjackspielen wertvolle Minuten dazugewinnen oder verlieren.
Diesmal ist es ein «Brewery Alleycat», bei dem an weiteren Stationen in Brunnen oder Schachteln versteckte Bierflaschen gefunden und eingepackt werden müssen. Nach dieser ersten, erfrischenden Station teilen sich die Wege: Die Route ist frei wählbar und führt die Orientierungsfahrer nach Reichenbach, zum Gurten, zum Bärengraben und in die Matte, das spätere Ziel – vorerst gibt es hier aber erst einmal nur einen neuen Plan, der auch noch nach Worb führt.
Die Ersten – einer der beiden ist professioneller Restaurant-Kurier – fahren eineinhalb Stunden nach dem Start ins Ziel in der Matte ein, die Letzten brauchen zweieinhalb Stunden. Die Bilanz: ein ausgerissenes Pedal-Körbchen, eine blutende Schramme am Schienbein, ein geplatzter Reifen – und doch nur zufriedene Gesichter. «Es geht schon um die sportliche Leistung», sagt Pete. «Das Erlebnis, in der Gruppe zu fahren, ist aber fast genauso wichtig. Wir üben zusammen Tricks und spornen einander gegenseitig an. Wir leben das Fixiefahren, es ist fast eine Lebensphilosophie.» Vernetzt sind die Fahrer über einen Blog, der die öffentlichen Alleycats wie auch das regelmässig stattfindende Bikepolo ankündigt.
Bei der Preisverleihung werden die Ersten, die beste Frau und die Letzten ausgezeichnet – diesmal nicht wie andere Male mit gesponsorten Veloteilen, sondern mit Fleisch fürs gemeinsame Bräteln. Später gehts weiter in die Reitschule, wo ein Velofilmabend stattfindet. Das zusammengesammelte Bier ist bis dahin noch nicht ausgetrunken. (Der Bund)
Erstellt: 12.07.2010, 08:29 Uhr
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