Urban Swimming
Von Daniel Vonlanthen. Aktualisiert am 18.06.2009
Ferdi Hellweger zurrt den Gürtel fest und sagt zur Gruppe: «Jungs, fixiert eure Badehosen, die Strömung ist stark.» Die Gruppe Studentinnen und Studenten der Northeastern University Boston nimmt im Marzilibad die letzten Instruktionen entgegen, bevor sie sich in die reissende, 16 Grad kalte Aare stürzt. Allesamt sind sie zwar gute Schwimmer, aber nicht strömungserprobt. Der hiesige Spezialist für Binnengewässer erklärt den Gästen, was es zu beachten gilt: «Kämpft nicht gegen die Strömung. Und lauscht auf das mystische Geräusch der Kieselsteine im Flussbett», sagt Markus Zeh, Limnologe und stellvertretender Abteilungsleiter beim kantonalen Amt für Wasser und Abfall. Dieses Geräusch sei einmalig, sagt Zeh, der selbst ein begeisterter Aareschwimmer ist und die Gruppe aus den USA auf Anfrage von Präsenz Schweiz in Bern empfangen hat. Ein Student fragt nach der Wasserqualität. Zeh beruhigt: «Wer einen Schluck Aarewasser trinkt, wird gewiss nicht krank.»
Urschreie vor dem Sprung
Nur zwei verzichten freiwillig und bleiben bei den Utensilien der Studentenschaft, die gegen Diebstahl gesichert werden müssen. Der Gruppenleiter ruft zum Aufbruch: «Let’s go!» 19 marschieren Richtung Schönausteg; der Gruppendruck ist mindestens so stark wie die Aareströmung. Beim Steg wird nicht lange gefackelt. Einer um den anderen baut sich auf dem Geländer auf. Der Urschrei des Leithammels gibt das Signal zum Absprung. Innert Sekunden ist der Spuk vorbei. Nach kurzem Taucher treiben 19 kreischende Köpfe flussabwärts Richtung Marzili.
Badeverbot in Boston
«Perfect, great.» Die Studentinnen und Studenten sind des Lobes voll. Die Aare ist der Höhepunkt ihrer vierwöchigen Studienreise quer durch Europa zum Thema «Schwimmen in städtischen Gewässern» mit Halt in Budapest, München, Basel und Zürich. «Nirgendwo ist die Badekultur so ausgeprägt wie in Bern», berichtet Universitätsassistent und Gruppenleiter Hellweger. Vor Ort erhoben die angehenden Bau- und Umweltingenieure Daten zur Wasserqualität und sammelten Informationen über Badegewohnheiten und Erholungsräume. Sie werden einen Reisebericht abliefern mit vergleichenden Angaben über die jeweiligen urbanen Gewässer. Ziel sei es, Erkenntnisse im Hinblick auf die Öffnung des Charles River für Schwimmende zu erhalten, sagt Hellweger. Am Fluss, der vom Echo Lake in Hopkinton durch 58 Städte und schliesslich zum Hafen von Boston fliesst, gilt bislang aus hygienischen Gründen ein Badeverbot.
Inzwischen wurden Millionen in Kanalisation und Abwasserreinigung investiert. In einigen Jahren soll das Schwimmen mitten im Stadtzentrum von Boston möglich sein. Und wie die Aare vor dem Bundeshaus fliesst auch der Charles River am Regierungsgebäude mit goldener Kuppel vorbei. Die Aare ist allerdings mit fast 300 Kilometern mehr als doppelt so lang und reissender als der träge Charles River. Und punkto Wasserqualität gehört die Aare zur höchsten A-Klasse. (Der Bund)
Erstellt: 18.06.2009, 17:18 Uhr
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