Universität Bern ehrt Nobelpreisträger
Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 03.12.2011
Dies Academicus: Die Namen
Am heutigen Dies Academicus im Berner Kultur-Casino vergibt die Universität Bern zwölf Ehrendoktortitel. Die Geehrten sind: Felix Amiet, Solothurn (Biologie), Moritz Arnet, Luzern (Bildungspolitik), Claudio Besozzi, Cantley, Kanada (Rechtssoziologie), Hannah Cotton, Jerusalem (Geschichte), Alice Eagly, Chicago (Sozialpsychologie), Gerhard Greif, Hannover (Veterinärmedizin), Marshall Lindheimer, Chicago (Medizin), Guy Palmer, Pullmann, USA (Veterinärmedizin), Jacques Rognon, Cortaillod NE (Medizin), Rudolf Strahm, Herrenschwanden, Thomas Sargent, New York, George Steinmann, Bern.
Weiter vergibt die Universität unter anderem folgende Preise: den Theodor- Kocher-Preis an Arne Stollberg, Bern (Musikwissenschaft), die Haller-Medaille an Susanne Jäggi, Bern (Psychologie/Neurowissenschaft), den Hans-Sigrist-Preis an Nicola Lacey, Oxford (Recht).
Nein, die Universität Bern ist keine Trittbrettfahrerin. Der Entscheid, Thomas Sargent zum Ehrendoktor zu ernennen, sei lange vor dem Entscheid des Nobelpreiskomitees gefallen, sagte der Berner Volkswirtschaftsprofessor Klaus Neusser gestern zu Beginn der Gastvorlesung des Amerikaners. «Aber irgendwie haben wir es geahnt.»
Dann trat der 68-jährige Sargent vor die vollen Ränge des Vorlesungssaals. Es mache ihn nervös, vor so vielen Leuten zu sprechen, sagte der New Yorker Professor – und man wusste nicht, ob man ihm glauben sollte.
Denn heute verleiht ihm die Universität Bern vor einem ebenso grossen Publikum im Berner Kultur-Casino anlässlich des Dies Academicus einen von zwölf Ehrendoktortiteln. Und morgen wird Sargent nach Stockholm weiterfliegen, wo ihm eine ungleich grössere Beachtung zuteilkommen wird: Am Samstag wird ihm und Christopher Sims für ihr makroökonomisches Werk der «Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel» – kurz Wirtschaftsnobelpreis – verliehen.
Der Kalifornier Sargent studierte in Berkeley und Harvard und lehrt heute an der New York University. In ihrer Laudatio streicht die Universität Bern seine «bahnbrechenden Arbeiten» im Bereich der makroökonomischen Forschung hervor. Bereits vor 30 Jahren entwickelte Sargent gemeinsam mit Sims Instrumente, die heute weltweit von den Notenbanken angewendet werden. Ein Forschungsschwerpunkt war die rationale Erwartungsbildung. Sargent revidierte die bis dahin geltende Annahme, dass Erwartungen von der Vergangenheit bestimmt werden.
Wie Professor Neusser in der NZZ ausführte, sei die Theorie rationaler Erwartungen jüngst von der Schweizerischen Nationalbank angewendet und bestätigt worden. Denn die Ankündigung der Nationalbank, den Franken mit allen Mitteln auf einen Eurokurs von 1.20 zu drücken, habe die Erwartungen des Markts beeinflusst. So habe die Nationalbank ihr Ziel erreicht, ohne dass sie am Markt gross habe intervenieren müssen. Selbst Neusser, der wie andere Berner Wirtschaftswissenschaftler mit Sargent regelmässig Kontakt pflegt, schreibt, dass die Arbeiten der beiden Nobelpreisträger «oft spröde und technisch» wirkten. «Doch zeichnen sie sich durch eine tiefe Durchdringung ökonomischer Zusammenhänge sowie durch Wissen historischer Fakten aus.»
In Bern referierte Sargent gestern unter dem Titel «Die Vereinigten Staaten damals, Europa heute». Gleich zu Beginn seiner Vorlesung kokettierte er jedoch damit, dass Amerikaner «provinziell» seien und nicht viel anderes als die USA kennen würden. Und so betonte er, dass er es ausschliesslich auf die Geschichte der USA beziehe, wenn Stichwörter wie «Staatsschulden» und «Fiskalunion» fielen.
«Mathematik ist immer wahr»
Doch zu Beginn, so warnte Sargent die Studenten, behandle er einige Power-Point-Folien zur Ökonometrie. «Einige Leute mögen Mathematik nicht, aber sie ist immer wahr. Egal ob man links oder rechts ist – sie ist wahr.» Dann erläuterte der Professor mit aller Gründlichkeit die Formel zur Berechnung des Budgetüberschusses. «George Washington und sein Finanzminister Alexander Hamilton kannten diese Formel», sagte Sargent schmunzelnd und kam so zum Hauptthema zurück.
Denn wie Sargent erklärte, stand zu Beginn der Vereinigten Staaten eine Schuldenkrise. Um den Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) gegen England zu finanzieren, hatten sich die damals 13 amerikanischen Bundesstaaten unterschiedlich stark verschuldet. Die Regierung sei hingegen noch schwach gewesen, und ihr habe die Kompetenz gefehlt, direkte Steuern einzutreiben. Washington und Hamilton erreichten schliesslich, dass die Regierung mehr Kompetenzen erhielt und die Schulden der Bundesstaaten übernehmen konnte.Die Parallelen zur EU und zur Eurozone der heutigen Tage drängten sich richtiggehend auf, doch Sargent verwies nochmals darauf, dass er als Amerikaner Europa keine Ratschläge geben wolle. Er strich jedoch die Parallelen zur damaligen amerikanischen Konföderation hervor. Und so entliess der Ehrendoktor und Nobelpreisträger in spe die etwas ratlosen Berner Studenten mit der Aufgabe, die weiterführenden Fragen selbstständig «beim Bier» zu diskutieren. (Der Bund)
Erstellt: 03.12.2011, 09:09 Uhr
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