Bern

Unia enttäuscht Arbeitervertreter

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 06.04.2011 9 Kommentare

Der Präsident der Betriebskommission in Deisswil kehrt der Gewerkschaft Unia frustriert den Rücken.

Die inzwischen geschlossene Kartonfabrik Deisswil: Der Präsident der Betriebskommission fühlt sich von der Unia im Stich gelassen. (Archiv Bund/Manuel Zingg)

Die inzwischen geschlossene Kartonfabrik Deisswil: Der Präsident der Betriebskommission fühlt sich von der Unia im Stich gelassen. (Archiv Bund/Manuel Zingg)

Manfred Bachmann ist wütend. Unterdessen treibt ihn aber nicht mehr der österreichische Konzern Mayr-Melnhof auf die Palme, der vor einem Jahr die Kartonfabrik schliessen liess, sondern die eigene Gewerkschaft. Der 55-Jährige ist seit über 20 Jahren Präsident der Deisswiler Betriebskommission und mindestens so lange Unia-Mitglied. Jetzt hat er sich entschieden, auszutreten.

Vor einem Jahr ist Bachmann noch Seite an Seite mit Unia-Vertretern marschiert und hat an vorderster Front gegen die Schliessung der Fabrik und später für einen guten Sozialplan gekämpft. Unterdessen steht Deisswil aber weniger im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit und Bachmann fühlt sich von der Gewerkschaft zunehmend im Stich gelassen. Zur Rolle von Corrado Pardini, dem Leiter des Sektors Industrie bei der Unia Schweiz und Neo-SP-Nationalrat, sagt Bachmann: «Wie ein Helikopter landet er an den Brennpunkten, macht Wind und wirbelt viel Staub auf.» Wenn es danach aber um die Knochenarbeit gehe, sei von Pardini nichts mehr zu erwarten.

Unia-Vertreter taucht nicht auf

Bis Mitte oder Ende Jahr die Betriebskommission aufgelöst wird, kümmert sich Bachmann weiter um die vielfältigen Anliegen der ehemaligen Mitarbeiter der Kartonfabrik, berät jene rund 20 Männer und Frauen, die noch immer keinen neuen Job gefunden haben und verhandelt mit den neuen Herren von Deisswil. Von der Unia bekomme er dabei immer weniger Unterstützung. In letzter Zeit komme es immer wieder vor, dass an der wöchentlichen Sprechstunde für die Arbeiter niemand von der Gewerkschaft auftauche.

Die Unia arbeite unprofessionell und beschäftige sich nur noch mit sich selber, klagt Bachmann. Je weniger aber die Gewerkschaft mit ihrem grossen Verwaltungsapparat am Karren ziehe, desto mehr Arbeit bleibe an der Betriebskommission hängen. Diese ist unterdessen von 14 auf 2 Mitglieder geschrumpft. Vor einem Monat kam zu allem Übel auch noch der Kassier bei einem Skiunfall ums Leben – nun führt Bachmann auch noch die Kampfkasse selber.Die Probleme mit der Unia führt Bachmann vor allem auf deren interne Streitereien rund um die Absetzung des Leiters der Sektion Bern, Roland Herzog, zurück. Herzog hatte mit Bachmann zusammen den Arbeitskampf in Deisswil organisiert und war eine der letzten Stützen für den Präsidenten der Betriebskommission. «Einen anderen Ansprechpartner bei der Unia werde ich nicht akzeptieren», sagt Bachmann heute. Es sei unmöglich, für die verbleibende Zeit jemanden in die komplexen Zusammenhänge einzuarbeiten. Ob Herzog jedoch sein Amt zurückerhält, ist höchst ungewiss. Voraussichtlich heute will die Unia bekannt geben, ob sie ihren Konflikt bereinigen konnte.

Unia: «Unser Möglichstes getan»

Unia-Geschäftsleitungsmitglied Pardini verwahrt sich derweil gegen die Vorwürfe aus Deisswil. Als er vom Unmut erfahren habe, sei er an einer Betriebsversammlung dreieinhalb Stunden hingestanden und habe sich die Sorgen der Arbeiter angehört. «Insgesamt hat die Unia einen guten Job gemacht», sagt Pardini, «wir konnten aber nicht alle Erwartungen erfüllen.» Herzog, der umstrittene Unia-Sektionsleiter, gesteht ein, dass insbesondere in den letzten sieben Wochen Erwartungen in Deisswil enttäuscht worden sind: «Die Situation in unserer Sektion ist nicht einfach.» Der interne Unia-Konflikt habe sich auch auf die Arbeit in Deisswil ausgewirkt. Vorher sei er aber jede Woche in der ehemaligen Kartonfabrik gewesen: «Wir haben unser Möglichstes getan, alle Probleme konnten wir aber nicht lösen.» (Der Bund)

Erstellt: 06.04.2011, 10:36 Uhr

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9 Kommentare

hubert schoch

06.04.2011, 10:56 Uhr
Melden 3 Empfehlung

schön, dass ihr darüber schreibt.
Viele Mitglieder hatten einfach noch nie wirklich Unterstützungsbedarf, sonst hätten sie schon lange gemerkt, dass die Unia vor allem von grossen Versprechungen lebt, sich inszeniert. Die Unia ist schlecht für's Klima: sie produziert zuviel heisse Luft
Antworten


Hans Gfeller

06.04.2011, 18:16 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Es liegt am Berner Wahlvolk, dem medienwirksamen Staubaufwirbler im Herbst die Meinung zu sagen... Antworten



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