Bern

Ungemach für unberührte Gewässer

Der Kanton gebe seine wertvollsten Gewässer, seine Aushängeschilder, «zum Abschuss» frei, sagen die Umweltschutzorganisationen. Solch massive Kritik an SP-Energiedirektorin Barbara Egger überrascht.

Ob Perlen der Natur wie Wasserfälle der Energiegewinnung dienen sollen, ist heiss umstritten.

Ob Perlen der Natur wie Wasserfälle der Energiegewinnung dienen sollen, ist heiss umstritten. (Bild: Keystone)

Wie viel Kraft hat Wasserkraft?

Will die Schweiz aus der Atomenergie aussteigen, braucht sie Wasserkraft. Wie viel und wo ist indes unklar.

Aus der Atomenergie könnte die Schweiz bis 2035 aussteigen – das glaubt zumindest das Bundesamt für Energie. Damit dies nicht bloss eine Möglichkeit in Amtsstuben bleibt, forciert der Bund erneuerbare Energien. Für Kleinwasserkraft, Wind, Sonne, Biomasse wie Holz, Abfälle aus Biomasse und Geothermie hat er die kostendeckende Einspeisevergütung eingeführt. Diese Subvention macht unrentable Energieträger lukrativ, indem sie Strom daraus verbilligt.

Damit die erneuerbaren Energien künftig aber tatsächlich einen substanziellen Beitrag an die Energieversorgung der Schweiz leisten, müssen die Kantone mithelfen. Für den Kanton Bern bedeutet dies, dass er bis 2035 15 Prozent der Wasserkraft, welche die Schweiz benötigt, bereitstellen müsste. Auch um dieses Ziel, das sich übrigens mit seinen Vorstellungen deckt, zu erreichen, forciert der Kanton die Wasserkraft. «Es leuchtet aber nicht ein, dass Bern 15 Prozent beitragen muss», sagte Rosmarie Kiener vom WWF Bern gestern vor den Medien in Bern (siehe auch Text links). Diese Berechnung beruhe einzig und allein auf der Fläche des Kantons, es fehle die ganzheitliche Sichtweise. «Man müsste sich eigentlich fragen, ob diese intensive Nutzung den bernischen Gewässern zugemutet werden kann.» Aus den bereits laufenden Verfahren für neue und zu erneuernde Wasserkraftwerke lassen sich laut Kiener bis 2015 bereits 65 Prozent des Ziels erreichen. «Zudem kann man Werke technisch nachrüsten und so ihre Kapazität steigern.» Es sei also angebracht, so viele wertvolle Gewässer wie möglich unter Schutz zu stellen und von der Energienutzung auszunehmen – zumal kleine Wasserkraftwerke nur marginal zur Energiegewinnung beitrügen. (sn)

Gewaltige Wassermassen rauschen seit langer Zeit ins Tal, ohne sich beirren zu lassen – Kraft und Beständigkeit der Giessbachfälle über dem Brienzersee regten früher romantische Maler an und beflügeln heute Brautpaare. Überhaupt sind die Kaskaden, genauso wie die Trümmelbachfälle und der Staubbachfall im Lauterbrunnental, eine der Quellen des touristischen Erfolgs des Oberlands. Mit der wässrigen Wucht könnte aber bei diesen drei Fällen bald Schluss sein, denn auf dem Papier sind die Wahrzeichen zur Energiegewinnung freigegeben. Das Versiegen von Wasserfällen prophezeiten gestern alle wichtigen bernischen Umweltschutzorganisationen. Vor den Medien in Bern kritisierten sie die Wasserstrategie, die der Kanton vor zwei Monaten vorgestellt hatte, ungewohnt scharf: Sie sei «ernüchternd und einseitig», die Nutzung werde ungleich höher gewichtet als der Schutz, sagte Jan Ryser von Pro Natura.

«Gravierende Auswirkungen»

Das sind nicht bloss Einwände irgendeiner Interessengruppe, die den Entwurf in der Mitwirkung kritisiert, um sich möglichst viele Vorteile zu verschaffen. Die Strategie wird durch diese geballte Kritik vielmehr in ihren Grundfesten erschüttert, soll sie doch gerade dazu dienen, Schutz und Nutzung von Gewässern in Einklang zu bringen. Seit der Bund kleine Wasserkraftwerke subventioniert, wollen Energiekonzerne nämlich an fast jedem Wildbach investieren – gegen die meisten Vorhaben gehen Naturschützer, Fischer und Touristiker auf die Barrikaden. Die kantonale Energiedirektorin Barbara Egger (sp) hat ein Moratorium für neue Werke verhängt, um Wildwuchs zu verhindern. Dieses gilt so lange, bis die Wasserstrategie klärt, an welchen Fliessgewässern das Nass in Zukunft zu Strom werden darf. Bevor der Regierungsrat das wichtige Papier aber absegnen kann, muss das Amt für Wasser und Abfall nun wohl noch einmal über die Bücher gehen.

«Landschaftliche, touristische und kulturhistorische Aspekte fehlen in der Strategie. Fische hat man zwar berücksichtigt, andere Tiere aber nicht», sagte Ryser. Dies erkläre, warum es nicht einmal die «Aushängeschilder» der bernischen Natur verdienten, unter Schutz gestellt zu werden. «Zudem wären die Auswirkungen der Strategie für die Gewässer als Lebensräume gravierend.» Angesichts dieser Tatsachen sei es zweifelhaft, ob der Kanton bei der Einteilung der Gewässer in die Kategorien wertvoll und weniger wertvoll überhaupt eine adäquate Methode verwendet habe. Dies finden neben Pro Natura auch der WWF, der bernische Fischereiverband, die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, Aqua Viva und Mountain Wilderness.

Uri macht es besser

«Eigentlich tut der Kanton viel für sein Wasser. Erst letztes Jahr konnte Barbara Egger eine Auszeichnung für den Renaturierungsfonds entgegennehmen. Deshalb ist es doppelt schade, wenn nun eine solche Wasserstrategie folgt», sagte Markus Meyer, Präsident des Fischereiverbands. Vielerorts, wo gemäss der Vorlage Kraftwerke entstehen könnten, würde den Fischen dadurch das Laichen unmöglich gemacht.

Neben dem Kanton Bern hat auch Uri versucht, sich einen Überblick über das Potenzial seiner Fliessgewässer zu verschaffen. «Die Urner haben das besser gemacht als die Berner», sagte Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz. Tatsächlich hält die Urner Regierung in ihrer Antwort auf eine Frage aus dem kantonalen Parlament fest, Gewässer seien «wichtige Landschaftselemente in Erholungs- und Erlebnisräumen für Einheimische und Touristen».

Beim Kanton Bern mag man zu dieser massiven Kritik im Moment nur rudimentär Stellung nehmen. «An der Strategie waren alle beteiligt, auch Touristiker und Landschaftsschützer», sagte Heinz Habegger, Leiter des Amts für Wasser und Abfall, gestern auf Anfrage. Und auch wenn nicht explizit von «Tourismus» und «Landschaft» die Rede sei, so kämen doch Begriffe wie «Erholungsgebiet» vor. Zudem sei die Stellungnahme der Umweltschutzorganisationen nur eine von vielen. «Andere, zum Beispiel die Gemeinden, sind genauso wichtig.»

Kommenden Montag ist die Phase der Mitwirkung vorbei. Bis zum Sommer will der Kanton die Eingaben prüfen und aufnehmen, was er für sinnvoll hält. Danach wird die Regierung die Strategie absegnen. Habegger schliesst nicht aus, dass in der endgültigen Fassung noch mehr Gewässer unter Schutz gestellt werden – aber auch nicht, dass noch mehr zur energetischen Nutzung freigegeben werden. (Der Bund)

Erstellt: 12.03.2010, 07:21 Uhr

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