Umstrittener Brunnen ist Geschichte
Von Lisa Stalder. Aktualisiert am 03.09.2010
Der Brunnen auf dem Dorfplatz in Boll hat ausgeplätschert: An jener Stelle, wo Anfang Woche noch das aus sechs Betonsäulen und drei Wasserhüten bestehende Objekt stand, war gestern Nachmittag nur noch ein Loch im Boden zu sehen. Der Gemeinderat habe den Abriss des Brunnens veranlasst, bestätigte der Vechiger Gemeindepräsident Walter Schilt (SVP) gestern auf Anfrage.
Die Gründe seien vielfältig: Während der Zeit, die der Brunnen im Dorfzentrum Bolls gestanden habe, seien Reparatur- und Unterhaltungsarbeiten in der Höhe von rund 50 000 Franken angefallen, sagte Schilt. Nun hätte eine weitere Reparatur durchgeführt werden müssen, die gemäss Offerten mindestens 10 000 Franken gekostet hätte. Trotz verschiedener Reparaturen habe der Brunnen praktisch nie funktioniert. Zudem seien immer wieder Vechiger an den Gemeinderat gelangt und hätten ihn gebeten, den Brunnen endlich abzureissen. Zwar hätten sich die meisten mit der Zeit daran gewöhnt, «doch das Kunstwerk war auch rund 15 Jahre nach seiner Einweihung immer noch ein Ärgernis gewesen», sagte er.
Brunnen hat bewegte Geschichte
Der Brunnen war in der Tat stets umstritten: Viele sahen darin eher eine optische Beleidigung als eine Platzverschönerung. Besonders den Geschäftsinhabern war das Objekt ein Dorn im Auge, wie der «Bund» am 8. November 1996, einen Tag vor der Einweihung, schrieb. Sie befürchteten grosse Umsatzeinbussen. Dies, weil der Brunnen den Platz in zwei Hälften trenne und so die Sicht zu den anderen Geschäften versperre. Spontaneinkäufe würden dadurch seltener, hiess es damals. Auch in der restlichen Bevölkerung hielt sich die Begeisterung in Grenzen. So nahm denn eine kleine Dorfrevolution ihren Lauf, die in einem Sabotageakt gipfelte: An der Einweihung floss das Wasser nicht; dies, weil Brunnen-Gegner kurzfristig die Schrauben zu fest angezogen hatten, welche die Wasserzufuhr regelten.
Zweckgebundenes Legat
Dabei war die ursprüngliche Idee hinter dem Brunnen einst eine sehr verdienstvolle. Die wohlhabende Vechiger Bürgerin mit dem ungewöhnlichen Namen Fritzi Jordi hatte der Gemeinde 100 000 Franken zur Gestaltung des Dorfkerns zur Verfügung gestellt. Die Summe war allerdings kein Geldgeschenk in bar, sondern ein zweckgebundenes Legat, wie die «Berner Zeitung» am 22. April 1999 schrieb. Jordi hatte die «Ausschmückung des Dorfkerns» verlangt. Für diesen Brunnen habe sie sich allerdings nie begeistern können, sagte Hans-Jörg Rytz, der Fritzi Jordi gut gekannt hat, auf Anfrage des «Bund». Doch als sie sich aus dem Projekt habe zurückziehen wollen, sei es wohl schon zu spät gewesen. Bei der Auswahl des Brunnens war Jordi nicht involviert, dies übernahm eine Expertenkommission.
Gemeindepräsident Schilt betont denn auch, dass der Entscheid des Gemeinderats nichts mit der Künstlerin zu tun habe, die den Brunnen einst gestaltete. «Sie hat gute Arbeit geleistet und die Ausschreibung damals nicht umsonst gewonnen.» Und sie habe damals auch gar nicht wissen können, was ihr Werk im Dorf auslösen würde. Er habe Kontakt zu ihr gehabt und ihr zu erklären versucht, warum der Gemeinderat diesen Schritt beschlossen habe. «Sie war zwar nicht sehr erfreut, hatte aber ein gewisses Verständnis.»
Vorerst kein neuer Brunnen
Wer sich gestern ein wenig im Dorf umhörte, vernahm, dass nur die wenigsten den Brunnen vermissen werden. «Er hat mir nie gefallen, unter Kunst verstehe ich etwas anderes», sagte eine ältere Frau. Im Winter sei es zudem gefährlich gewesen, da der ganze Dorfplatz gefror. «Endlich haben wir wieder freie Sicht», sagte eine Drogerie-Angestellte. Zudem hätten die Marktfahrenden nun wieder mehr Platz für ihre Stände. Doch es gab auch wehmütige Stimmen: «Meine Kinder haben es im Sommer genossen, beim Brunnen zu spielen», sagte eine Anwohnerin. Sie hoffe daher, dass bald ein neuer Brunnen auf den Dorfplatz zu stehen komme.
Dies wird vorerst nicht geschehen: Im Moment bleibe der Dorfplatz erst einmal leer. Sollte sich aber ein Sponsor melden, der einen «ganz normalen Dorfbrunnen» finanzieren wolle, würde sich der Gemeinderat dieses Angebot bestimmt ansehen, sagt Schilt. (Der Bund)
Erstellt: 03.09.2010, 08:55 Uhr
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