Bern

Umarmung ins Leere

Von Dölf Barben, Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 10.11.2011 7 Kommentare

SVP-Wähler haben im ersten Wahlgang der Ständeratswahlen die beiden anderen bürgerlichen Kandidaten stark unterstützt. Die Gegenliebe hielt sich aber in engen Grenzen: Das zeigt eine exklusive «Bund»-Analyse.

1808 Wahlzettel unter der Lupe

Eine Gemeinde in der Region Bern hat es letzte Woche zwei «Bund»-Journalisten erlaubt, im Gemeinderatszimmer und unter klaren Auflagen mehr als die Hälfte der eingegangenen Wahlzettel durchzublättern, Strichlisten zu führen und Notizen zu machen. Zur Verfügung gestellt wurden die nackten Wahlzettel – also keine Stimmausweise oder Auszüge aus dem Stimmregister.

Die Auswertung der 1808 Zettel, die es genau waren, führte zu einem Teilresultat, das dem Gesamtresultat der Gemeinde ziemlich genau entspricht. Das heisst: Die Stichprobe war einigermassen zufällig und kann somit als repräsentativ für die Gemeinde betrachtet werden.

Was es aber zu beachten gilt: Die Ergebnisse in «unserer» Gemeinde stimmen – wie es in der Region Bern nicht anders zu erwarten ist – nicht ganz mit jenen des Kantons überein: Statt Amstutz, Luginbühl, Stöckli, von Graffenried, Wasserfallen lautet die Rangfolge: Luginbühl, Stöckli, Amstutz, von Graffenried, Wasserfallen.

In diesen Tagen landen die Wahlunterlagen für die zweite Runde der Ständeratswahlen in den Briefkästen. Im ersten Wahlgang lag Adrian Amstutz (SVP) mit 143'350 Stimmen knapp vor Werner Luginbühl (BDP, 142'423) und deutlich vor Hans Stöckli (SP, 128'633) und den weiteren sieben Kandidaten. Seit dem 23. Oktober ist klar, wer wo wie viele Stimmen erhalten hat und wie gross der Anteil jener Wähler ist, die nur einen Namen auf den Stimmzettel schrieben. Dies tat immerhin fast jeder fünfte.

Manche Fragen blieben allerdings offen. Vor allem jene nach den Kombinationen: Welche Kandidaten wurden in welcher Häufigkeit zusammen auf einen Wahlzettel geschrieben? Darüber konnten selbst Politstrategen nur spekulieren – was sie auch taten: Eine Vermutung lautet, das bürgerliche «Päckli» Amstutz /Luginbühl habe gut gespielt – einfach deshalb, weil die beiden ähnlich viele Stimmen erzielten. Und aus dem grünen Lager war zu vernehmen, Alec von Graffenried habe auch viele Stimmen von Luginbühl-Wählern erhalten.

Wo ging die zweite Stimme hin?

Was stimmt? Ohne die Betrachtung einzelner Wahlzettel lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Deshalb hat der «Bund» bei einer Gemeinde in der Region Bern angefragt, ob es möglich wäre, eine Stichprobe zu untersuchen – letzte Woche kam die Erlaubnis dazu (siehe Box oben links).

Anders als bei Nationalratswahlen können auf den Wahlzetteln für den Ständerat keine Parteien vermerkt werden. Steht «Luginbühl/Amstutz» auf einem Zettel, kann deshalb nicht zweifelsfrei eruiert werden, ob es sich um einen Amstutz-Wähler handelt, der Luginbühl «mitgenommen» hat – oder umgekehrt. Die Annahme scheint aber sinnvoll zu sein, dass ein Wähler seinen Favoriten in aller Regel auf die erste Linie setzt. Davon sind wir ausgegangen. Und haben bei 1808 Wahlzetteln geprüft, wo die zweite Stimme hingegangen ist. Die Ergebnisse sind sicher nicht repräsentativ für den ganzen Kanton. Trotzdem lassen sich gewisse Tendenzen erkennen.

Schlecht geschnürtes Päckli

Nach dem SVP/BDP-Streit interessiert vor allem die Konstellation innerhalb des bürgerlichen Lagers. Erste Feststellung: Das bürgerliche Päckli war keine Symbiose, sondern eher ein «Stipendium» – der SVP an die BDP. Zwar wählte jeder dritte Amstutz-Wähler ebenfalls Luginbühl. Die «Gegenfahrbahn» (siehe Grafik) wurde jedoch nur von jedem achten Luginbühl-Wähler in Anspruch genommen. Am meisten Stimmen von Luginbühl-Wählern (30 Prozent) gingen an Christian Wasserfallen (FDP). Und dann folgt bereits Genosse Stöckli, der von jedem vierten Luginbühl-Wähler berücksichtigt wurde.

Auch bei der FDP stiess die SVP – immer gemäss Stichprobe aus der Region Bern– auf wenig Gegenliebe. 26 Prozent der Amstutz-Wähler bedachten Wasserfallen ebenfalls mit einer Stimme. Für den umgekehrten Vorgang liess sich dagegen bloss jeder zehnte Wasserfallen-Wähler erwärmen. Die Amstutz-«Pfeile» ins bürgerliche Lager hinein erscheinen wie eine Umarmung ins Leere.

Im Gegensatz dazu war das rot-grüne Päckli recht gut geschnürt: Die Austauschquote liegt beidseits über 65 Prozent. Anders als Luginbühl haben Wasserfallen und vor allem Amstutz von rot-grünen Wählern kaum Stimmen erhalten: Die «Linie» zwischen grünen Wählern und SVP ist nahezu inexistent.

Was auch auffällt: Wer Amstutz wählte, wählte ihn als Ersten. Über 85 Prozent seiner Stimmen erhielt er, weil sein Name auf einer ersten Linie stand. Und: Über 28 Prozent aller Wähler, die ihn auf die erste Linie setzten, wollten ihn und niemand sonst. Auch hier ein Vergleich: Nur 2,7 Prozent der Wähler, die Stöckli auf den ersten Platz setzten, liessen die zweite Linie leer. Fazit: Amstutz hat viele Fans, aber wenig Sympathisanten.

Und was nun?

Bleibt die nicht ganz einfache Frage, wohin am 20. November die Stimmen jener Kandidaten gehen, die nicht mehr antreten. Nicht ins Gewicht fallen dabei beispielsweise jene Stimmen von Luginbühl-Wählern, die bereits am 23. Oktober Stöckli wählten. Interessanter sind jene 18 Prozent der Luginbühl-Wähler, die ebenfalls von Graffenried wählten. Werden sie nun Stöckli wählen? Falls dies ein beträchtlicher Teil tun würde, kämen alleine dadurch – auf den Kanton hochgerechnet – rasch einmal mehrere Tausend Stimmen zusammen. Klar ist, dass Luginbühl massiv von Grünen und von SP-Wählern profitieren wird, die nun nicht mehr von Graffenried zu berücksichtigen brauchen. Der Vorsprung von Amstutz dürfte gegenüber Luginbühl dahinschmelzen; sein Potenzial für neue Stimmen ist kleiner. Hoffnungen machen kann er sich am ehesten auf die BDP-Wähler, die Wasserfallen mittrugen – und auf die Wasserfallen-Wähler, die ihren Kandidaten allein auf den Wahlzettel setzten. Das sind nicht wenige. (Der Bund)

Erstellt: 10.11.2011, 06:48 Uhr

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7 Kommentare

Herbert Hasler

10.11.2011, 08:24 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Vielleicht sollte die Wahlfrage heissen;
Welchen Kandidaten wollen sie auf keinen Fall im Ständerat...
Da wäre Amstutz mit Sicherheit auch ganz vorne!
Antworten


Peter R. Suter

10.11.2011, 09:25 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Luginbühl/Amstutz oder Amstutz/Luginbühl das ist egal. Hauptsache bürgerlich. Es soll auch nicht vergessen werden, wer Stöckli ins Stöckli wählt, der schubst auch noch Alexander Tschäppät in den Nationalrat. Antworten



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