Tribüne: Gesundheitspolitik müsste alle interessieren

Von . Aktualisiert am 12.03.2010

Die Diskussion um die Berner Spitalpolitik soll mehr in die Öffentlichkeit, sagt Urs P. Gasche

(zvg)

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Urs P. Gasche

Der Autor, einst Leiter des «Kassensturz» im Schweizer Fernsehen, später Chefredaktor der «Berner Zeitung», ist freier Publizist, spezialisiert u.?a. auf Gesundheitsfragen. In der Arzneimittelkommission vertritt er die Konsumenteninteressen. Auf www.testbeste.ch veröffentlicht er Resultate unabhängiger Produktetests.

Es besteht der dringende Bedarf, über die Gesundheitspolitik des Kantons Bern zu diskutieren. In meinem Artikel «Bern schröpft die Prämienzahler» («Bund» vom 8. September 2009) hatte ich ausgerechnet, dass ein Berner Haushalt allein für die Grundversicherung 11 000 Franken im Jahr an Prämien und Steuern zahlen muss. Das sind 1000 bis 2000 Franken mehr als in fast allen Kantonen östlich von Bern.

Die Ärzte weisen die Bernerinnen und Berner häufiger und länger in ein Spital ein. Die überdurchschnittlich vielen Spezialärzte behandeln aufwendiger und operieren häufiger. Medizinisch wird das nicht begründet. Ob die Berner davon einen Nutzen haben oder im Gegenteil ihre Gesundheit riskieren? Es scheint niemanden zu interessieren. Ein Beispiel: Ärzte im Kanton Bern entfernen die Gebärmutter 30 Prozent häufiger als Ärzte in den Kantonen St. Gallen oder Wallis. Diese Überbehandlungen bringen den Frauen keine Vorteile, sondern nur Nachteile und Risiken.

Keine Schlagzeilen über Opfer

Über Qualitätsmessungen und Behandlungsergebnisse herrscht im Kanton Bern noch grössere Intransparenz als in einigen andern Kantonen. Das ist gravierend, denn es geht um Leben und Tod. Aufgrund internationaler Daten gehen Schweizer Fachleute davon aus, dass im Kanton Bern rund 250 Patienten wegen Pannen, Irrtümern oder unsorgfältigen Behandlungen sterben. Und nochmals 250 Berner Patientinnen sterben jedes Jahr vorzeitig an Infektionen wie Lungenentzündungen oder Abszessen, welche sie in Berner Spitälern aufgelesen haben. Weitere rund 3000 Bernerinnen und Berner erkranken an Infektionen, die sie in Spitälern oder Pflegeheimen erwischt haben. Sie bleiben deshalb länger pflegebedürftig und lasten die Spitäler besser aus. Im Gegensatz zu den paar Schweinegrippeopfern machen die rund 500 vermeidbaren Todesfälle in den Berner Spitälern nur selten Schlagzeilen.

Nicht in jedem Spital gibt es gleich viele Infektionsfälle und Pannen. Auch nach Operationen kommt es nicht in jedem Spital gleich oft zu Komplikationen und ungeplanten Nachoperationen. Die Fehlerquote kann in einem Spital leicht ein Mehrfaches erreichen. Doch vergleichbare Daten, die extern kontrolliert sind, gibt es kaum, und dort, wo sie vorhanden sind, sind sie im Internet nicht einsehbar. Schade, denn sonst wäre schnell klar, welche Spitalabteilungen zu schliessen sind. Schade auch, weil sich selbst kleinere Spitäler mit einer Spezialisierung profilieren könnten.

Kanton muss ab 2012 investieren

Frühere Spitallisten waren nach dem Jekami-Prinzip so locker erstellt, dass sogar das Bundesverwaltungsgericht den Kanton Bern rügen musste. Für die künftige Spitalliste will Regierungsrat Perrenoud den Spitälern so geringe minimale Fallzahlen vorschreiben, dass die Patientensicherheit weiterhin gefährdet ist. Und obwohl es im Kanton Bern bereits zu viele der kostentreibenden Spezialärzte gibt, dürfen diese für die gleichen Leistungen erst noch höhere Tarife verlangen als ihre St. Galler, Thurgauer oder Luzerner Kollegen. Diese Tarife hat der Regierungsrat abgesegnet. Mit einer solchen Politik wird es ab 2012 tatsächlich einen «Sachzwang» für Steuererhöhung geben. Denn dann muss der Kanton neu auch den Privatspitälern mit etwa 250 Millionen Franken die Kosten der Grundversicherten mitfinanzieren. Andere Kantone zahlen das schon längst und konnten diese Kosten nicht jahrelang auf die Prämienzahler abwälzen.

Um höhere Steuern zu vermeiden, dürfen die politischen Parteien die Probleme nicht aussitzen. Vielmehr müssen sie dringend eine öffentliche Diskussion ankurbeln. Es stehen zur Debatte: die Schliessung der Spitäler Ziegler und Tiefenau, Mindestfallzahlen für Operationen gemäss internationalen Standards, die extrem hohe Zahl von teuren halbstationären Behandlungen, die überhöhten Tarife von Spezialärzten, eine transparente Qualitätserfassung, externe Kontrollen, die Rolle des Kantons als gleichzeitiger Besitzer und Regulator der Spitäler. Gerade jetzt vor den Wahlen wollen wir wissen, was die einzelnen Parteien zu tun gedenken. (Der Bund)

Erstellt: 12.03.2010, 09:26 Uhr

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