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Bern

Tower Power in den USA

Zytglogge, «American Edition»:?Pünktlich zum Schweizer Nationalfeiertag weiht das US-Kleinstädtchen Berne seinen originalgetreu nachgebauten Clock Tower ein.

Die Zytglogge-Kopie in Berne, USA. (zvg)

Kleinstadt in den USA

Berne im US-Bundesstaat Indiana wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Mennoniten gegründet, einer Abspaltung von Täufern, die in der Schweiz vor allem im Emmental, im Berner Jura und im Kanton Baselland angesiedelt waren. Die Siedler in Berne betrieben Ackerbau.

Heute gilt das Städtchen mit etwas mehr als 4100 Einwohnern als Zentrum des Möbelbaus im Norden der USA. Viele seiner Bewohner gehören noch immer den Glaubensrichtungen der Mennoniten und der Amischen an.

Letzten Sommer weilte der Stadtpräsident von Berne auf Höflichkeitsbesuch in der Schweiz – und zeigte sich hell begeistert von der «Original-Stadt» Bern.

Berne ist nicht zu verwechseln mit der viel grösseren US-Stadt New Bern in North Carolina, die fast 30?000 Einwohner zählt. Das Historische Museum Bern widmete New Bern Anfang dieses Jahr eine Ausstellung anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums der Stadt. In den USA gibt es mehrere weitere Orte mit Bern im Namen. (pmg)

Da steht sie nun also, in ihrer ganzen, reichlich surreal anmutenden Pracht: die amerikanische Version des Zytglogge. Sie soll künftig das Wahrzeichen des Kleinstädtchens Berne im US-Bundesstaat Indiana sein. Morgen wird der fast 50 Meter hohe «Muensterberg Clock Tower» mit einer rauschenden Party eingeweiht, abgestimmt auf den Schweizer Nationalfeiertag.

Denn schliesslich hat Berne seine Wurzeln in der Schweiz (siehe Kasten unten). Auch der Zusatz im Namen des Turms erinnert an die Ursprünge Bernes: Nein, nicht etwa auf die Berner Münsterplattform wird angespielt, sondern auf den Weiler Münsterberg (Montagne de Moutier) im Berner Jura. Von da stammten die ersten mennonitischen Siedler und Stadtgründer Bernes.

Nancy Brown, verantwortlich für die Vermarktung des Clock Towers, rechnet mit 1000 Besucherinnen und Besuchern am Einweihungsfest, wie sie in einer E-Mail auf Anfrage schreibt. Es könnten aber auch gut und gerne doppelt so viel sein, meint sie, denn schliesslich sei der Samstag gleichzeitig auch Schlusstag der «Swiss Days». Dieses Festival mit viel Folklore, Essensständen und einem «Handwerkermärit» findet jährlich während vier Tagen in Berne statt.

Bernes Bevölkerung darf ihren Clock Tower mit einem gewissen Stolz feiern, denn er kann genau gemäss Zeitplan eröffnet werden – und wurde nach gut amerikanisch-liberaler Tradition ohne einen Cent staatlicher Zuschüsse erbaut. Innerhalb von fünf Jahren kamen die nötigen 3 Millionen Dollar zusammen, gestiftet vor allem von Einzelpersonen und Familien. Noch vor einem Jahr fehlten 600 000 Dollar («Bund» vom 24. Juli 2009), heute steht der Turm. Verhältnisse, von denen wir von der Mutterstadt im Land der Baugesuche, Rückkommensanträge und Mitwirkungsverfahren nur träumen können.

Eine weitere Million Dollar muss gemäss Brown jetzt aber noch gesammelt werden, um das ganze Projekt zu realisieren. Denn einst soll der Turm in einer richtigen Parkanlage stehen mit Sitzbänken, Wegen, einem Springbrunnen und einem Gartenpavillon: die «Muensterberg Plaza». Noch nicht verwirklicht sind auch Elemente im Innern des Turms: eine Treppe, Aussichtsfenster nach allen vier Richtungen hin auf 25 Metern Höhe und ein Museum mit historisch Wissenswertem.

Der eigentliche Stolz der Erbauer prangt aber selbstverständlich schon in Bernes Zytglogge-Version: das – auch im Amerikanischen so genannte – «glockenspiel», das Uhrwerk also und die Spielfiguren. Anders aber als im Berner Original besteht das Glockenspiel aus 12 Figuren. Ein lokaler Künstler hat sie eigens entworfen, eine lokale Firma hat sie nach seinen Skizzen erstellt.

Die Figuren erzählen die bewegte Siedlungsgeschichte von Berne. Die erste Figur stellt ein Segelschiff dar mit dem klingenden Namen «The Hahnemann». Auf diesem brachen 1852 die ersten 82 Schweizer Mennoniten vom französischen Le Havre auf in die Neue Welt und landeten 41 Tage später in New York. Fünf Kinder seien auf der entbehrungsreichen Überfahrt ums Leben gekommen, erzählt man sich in Berne. Weitere Figuren stellen die Siedler dar, wie sie Bäume fällen, Land bestellen – und beten. Viele der Immigranten seien wegen der Religionsfreiheit nach Amerika gekommen, heisst es in einer Broschüre zur Bedeutung der Figuren. Von der Gründerzeit bis zum heutigen Tag prägten ein starker Glaube und Religiosität die Menschen in Berne.

Weniger auf die Gegenwart übertragbar ist dagegen wohl die Figur einer dozierenden Lehrerin: Denn sie soll dafür stehen, dass die Kinder der Siedler in der Schule Schweizer Bräuche und Deutsch lernten. Nach der jüngsten Bankenkrise ist zu befürchten, dass Amerikaner heute von Schweizer Bräuchen etwas weniger halten als früher.

In den höchsten Tönen lobt Marketing-Fachfrau Nancy Brown den Hauptsponsor des Clock Towers, Keith Reinhard. Er ist in Berne geboren und aufgewachsen und ist heute gross im Werbegeschäft tätig. Sein Unternehmen DDB Worldwide mit Sitz in New York gehöre zu den grössten globalen Werbefirmen, schreibt Brown.

Sie zitiert einen der bekanntesten Werbeslogans von Reinhard: «You deserve a break today» (Du hast dir eine Pause verdient). Der Spruch ist, will man Frau Brown glauben, von der Branche zum «Number 1 jingle of all time» erkoren worden, zum besten Werbeslogan aller Zeiten. Also müsste auch hier auf dem alten Kontinent, zum Beispiel in Bern, dem Spruch einiges abzugewinnen sein. Warum nicht wieder einmal vor dem altehrwürdigen Zytglogge stehen bleiben und ihn bewundernd betrachten? Diese Pause haben wir uns verdient. (Der Bund)

Erstellt: 30.07.2010, 07:33 Uhr

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