Thuner Wahlen: Sehr viel Spannung garantiert
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Wer wird nach 20 Jahren den Thuner Stadtpräsidenten und Sozialdemokraten Hans-Ueli von Allmen ablösen? Es ist die Frage, welche die Thuner vor den Wahlen am 28. November am meisten umtreibt. Auch wenn der künftige Stadtpräsident oder die künftige Stadtpräsidentin Teil eines Fünfergremiums sein und selber auch einer Direktion vorstehen wird, so trägt er oder sie kraft des Amtes einen grossen Teil der Verantwortung für die Zukunft der Stadt. Und: Nicht zuletzt repräsentiert das Stadtoberhaupt seine Gemeinde auch und pflegt ein grosses Netzwerk - oder sollte dies zumindest tun. Gerade für die wirtschaftspolitische Entwicklung einer Stadt sind Repräsentation und die Fähigkeit fürs Netzwerken nicht zu unterschätzende Faktoren.
Wer also wird am 28. November im Rennen um das anspruchsvolle Amt in den zweiten Wahlgang kommen: CVP-Stadtrat Konrad Hädener, BDP-Gemeinderätin Ursula Haller, EVP-Grossrat Hans Kipfer, EDU-Stadtrat David Külling, SVP-Stadtratspräsident Raphael Lanz oder SP-Gemeinderat Peter Siegenthaler? Die Favoriten heissen: Haller, Lanz und Siegenthaler. Thun wird dann zwei Wochen später, am 12. Dezember, im zweiten Wahlgang das künftige Stadtoberhaupt wählen.Dies bedeutet mitnichten, dass der erste Wahlgang nicht von Bedeutung wäre. Denn dieser bestimmt die Ausgangslage für den zweiten Wahlgang. Wer hat wie viele Stimmen gemacht, und wen stützen etwa die Mitte-Parteien für den zweiten Wahlgang? Und: Können sich die Bürgerlichen auf eine Person für diesen zweiten Wahlgang einigen? Zwar haben sie gezeigt, dass sie sich einigen können, wenn es sein muss, allerdings brauchte es Anschub von aussen: Die Listenverbindung von SVP und FDP ist erst zustande gekommen, als die Thuner Wirtschaftsverbände Druck aufsetzten. Für diese ist klar, dass nach 40 Jahren Stadtpräsidium in sozialdemokratischer Hand die Wende folgen muss.
Und wenn Haller reüssiert?
Interessant werden wird die Ausgangslage dann, wenn etwa Ursula Haller im ersten Wahlgang mehr Stimmen machen würde als Raphael Lanz: Wird sich in einem solchen Fall die SVP einen Ruck geben und die Kandidatin, die bei der Parteispaltung zur BDP übergelaufen ist, unterstützen?
2006 erreichte Haller das beste Wahlresultat aller Kandidaten. Sie gilt zudem als unbestrittene Panaschierkönigin. Vor vier Jahren war sie allerdings noch in der SVP. In diesem Jahr müssen Haller und ihre Partei 16,6 Prozent der Stimmen machen, um überhaupt einen Gemeinderatssitz erobern zu können. Und: Voraussetzung für die Wahl als Stadtpräsidentin ist die Wahl in den Gemeinderat.
Parteiexponenten der Mitte-Parteien rechnen nun damit, dass ihre Listenverbindung Wirkung zeigt und sie so in etwa auf gleich viele Stimmen kommen werden wie die BDP. Bei den letzten Gemeinderatswahlen erhielten EVP, CVP und EDU zusammen etwas über 13 Prozent der Stimmen.Im Gegensatz zu den Stadtratswahlen ist die Wahl fürs Stadtpräsidium eine Persönlichkeitswahl: Auch aus diesem Grund haben Haller, Lanz und Siegenthaler, der auch von den Grünen unterstützt wird, die besten Chancen, im ersten Wahlgang am meisten Stimmen zu machen. BDP-Gemeinderätin Ursula Haller wie auch SP-Gemeinderat Peter Siegenthaler treten mit dem Bisherigen-Bonus an. Raphael Lanz kennt man, im Gegensatz zu den Vertretern der drei christlichen Parteien, in breiten Thuner Kreisen. Er gilt als ebenso breit abgestützt.
Gewinner und Verlierer 2006
Gespannt sein darf man bei den Thuner Wahlen nicht nur auf das Abschneiden der Männer und Frauen, die das höchste politische Amt in Thun anstreben, sondern auch auf das Abschneiden der einzelnen Parteien. Bis jetzt hielt die SP im Gemeinderat zwei Sitze, je einen Sitz hatten die SVP, die BDP und die FDP inne. Im Stadtrat hielt die SP bis jetzt elf, die SVP zehn, die FDP sieben , die GFL fünf, die EDU zwei, die EVP zwei, die CVP zwei und die Schweizer Demokraten einen Sitz.
Verliererin der letzten Wahlen wareindeutig die SP. Ihre zwei Gemeinderatssitze konnte sie zwar halten, verlor indes drei Mandate im Stadtrat. Die SP fiel von 31,8 Prozent (2002) auf 25,4 Prozent zurück. Anders die Grüne Freie Liste – heute Grüne Thun –, die zu ihren drei bisherigen Mandaten zwei dazugewonnen und damit Fraktionsstärke erreichte.
Auf bürgerlicher Seite war die FDP erfolgreich: Sie eroberte einen zusätzlichen Sitz im Stadtrat, obwohl sich ihr Wähleranteil nur gering erhöhte: von 15,5 auf 15,8 Prozent. Stärker war indes die SVP: Ihr Wähleranteil bei den Stadtratswahlen stieg von 23,6 auf 24,2 Prozent.
SP fürchtet Debakel
In der SP fürchtet man für die kommenden Wahlen erneut ein Debakel. Schuld daran könnte das neue SP-Parteiprogramm sein. Die darin geforderte Abschaffung der Armee sorgte bei der SP Thun für Kopfschütteln. In einer hektischen Aktion machte sie in einem Communiqué klar, dass sie mit diesem Parteiprogramm nicht in allen Teilen einverstanden ist. Zudem lud die Thuner SP ihren obersten Parteigenossen Christian Levrat ins Städtchen ein, um ihm bezüglich Armeeabschaffung kritische Fragen stellen zu können. Die SP wollte so demonstrieren, dass man als linke Partei in einer Stadt, die auch von der Armee lebt, etwas andere Vorstellungen von der Zukunft dieser Armee hat.
Doch nicht nur das Parteiprogramm könnte der SP zum Verhängnis werden: Nebst der vor vier Jahren erfolgreichen Grünen Freien Liste treten erstmals auch die Grünliberalen zu den Wahlen an. Die Partei ist einer der unbekannten Faktoren dieser Gemeindewahlen, sie könnte die linke Wählerschaft (weiter) spalten.Dasselbe gilt indes auf bürgerlicher Seite für die BDP, die erstmals antritt: Wird sie eher auf Kosten der SVP oder der FDP Stimmen machen?
Alles in allem sind die diesjährigen Thuner Wahlen die wohl spannendsten seit einem Jahrzehnt. Was das Stadtpräsidium betrifft, sogar die spannendsten der letzten 40 Jahre. Auch wenn die Wahlbeteiligung damals viel höher lag: 1970 bei 62 Prozent – 2006 sank sie auf 32,4 Prozent. (Der Bund)
Erstellt: 19.11.2010, 08:57 Uhr
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