Streit um Turmwohnung mündet in Exmission

Ein Mieter kämpft gegen seinen Rauswurf aus dem historischen Berner Holländerturm. Es ist der aussichtslose Kampf eines Einzelunternehmers gegen den mächtigen Besitzer und Medienunternehmer Charles von Graffenried.

Im zweiten Stock des historischen Holländerturms wird noch gewohnt. Die Von-Graffenried-Holding will die Räume fürs Geschäft nutzen. (Franziska Scheidegger)

Im zweiten Stock des historischen Holländerturms wird noch gewohnt. Die Von-Graffenried-Holding will die Räume fürs Geschäft nutzen. (Franziska Scheidegger)

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Charles von Graffenried gefällt es, schwierige Entscheide selber zu fällen. Im Sommer feiert er seinen 85. Geburtstag, der nimmermüde Medienunternehmer und Präsident der Von-Graffenried-Gruppe, die Bank, Liegenschaften, Treuhand, Rechts- und Vermögensberatung aus einer Hand anbietet. Für strategische Geschäfte steigt von Graffenried mit Vorliebe ins Dachgeschoss des Holländerturms am Waisenhausplatz, einst sein Privatbesitz, heute Eigentum der Holding AG Dienstleistungen für das Vermögen. Der ehemalige Panzeroberst nutzt den mittelalterlichen Wehrturm als Trutzburg fürs Business. Der diskrete Eingang befindet sich an der Waaghausgasse 16. Der Aufstieg führt über eine schmale Wendeltreppe am zweiten Stock vorbei, wo der Unternehmer Mathias F. Baumann in zwei Kleinstudiowohnungen eingemietet ist.

Baumann wohnt seit über 30 Jahren an dieser Adresse im Herzen der Altstadt. Er sei auf die zentrale Wohnlage angewiesen, sagt der 59-jährige Medizinalingenieur. Von hier gelangt Baumann in zehn Minuten zu Fuss zu seinem Büro; und hier betreut Baumann zeitweise seinen betagten Vater. Er sagt: «Wohnen und Arbeiten im Stadtzentrum ist mein Lebenskonzept.» Oft verreist Baumann nach Nepal, wo er ein Tochterunternehmen führt und rund zwanzig Patenkinder unterstützt. Der Alpinist unternahm auch zahlreiche Besteigungen im Himalaja-Massiv.

«Gewerbefeindlicher Mieter»

Am 28. April 2007 erhält Baumann die Kündigung – «ohne jegliche mündliche Ankündigung», wie er festhält. Er bittet um Begründung und Gespräch. Ein Brief an Charles von Graffenried bleibt unbeantwortet. Auf Nachfrage werden Ungereimtheiten im Mietverhältnis als Kündigungsgrund genannt. Von Graffenried persönlich habe die Kündigung angeordnet, erfährt Baumann später. Auslöser sei Baumanns frühere Intervention bei der Gewerbepolizei der Stadt Bern gewesen, bei der er sich wegen Nachtlärms beklagte, ausgelöst durch eine defekte Wasserleitung in der Nachbarliegenschaft. Anderthalb Jahre lang hatte er die Pfeifgeräusche ausgehalten; erst auf Intervention der Gewerbepolizei liess sich die private Besitzerin zur Behebung der technischen Störung bewegen. In der Folge verunglimpft sie ihren Nachbarn als «gewerbefeindlichen Mieter». Baumann versucht dieses «Missverständnis» zu klären, was nicht gelingt. Anwälte werden eingeschaltet. Baumann erstreitet eine Fristerstreckung beim Mietamt. Nun plötzlich macht von Graffenried Eigenbedarf geltend: Die Turmwohnungen sollen als Geschäftsräume dienen.

Baumann lässt die Frist verstreichen, sieht sein Lebenskonzept gefährdet und kämpft weiter. Der Kampf um den Verbleib im Turm mündet in einen zivilrechtlichen Streit, über den Baumann akribisch Protokoll führt. Am 28. 11. 2008 notiert er: «Wider Erwarten antwortet mir Herr von Graffenried plötzlich direkt und schriftlich.» Von Graffenried bekräftigt die Umnutzungspläne: Die Holding habe beschlossen, im Hinblick auf die Zunahme der geschäftlichen Treffen den dritten Stock in Konferenz- und Besprechungszimmer umzubauen. Baumann reagiert umgehend: «Ich wohne nicht im dritten, sondern im zweiten Stock.» Auf Baumanns Schreiben wünscht von Graffenried keinen persönlichen Kontakt mehr.

Ausser Spesen nichts gewesen

Der Besitzer hat nicht mit der Kämpfernatur des Mieters gerechnet. Dieser erachtet den Kündigungsgrund als nichtig, glaubt an eine gütliche Einigung, reicht einen Schlichtungsvorschlag ein, in dem er die Verlängerung des Mietverhältnisses bis 2015, zu seinem 65. Lebensjahr, vorschlägt, zumal für die Umnutzung der Turmwohnungen noch keine Baubewilligung vorliege.

Das Gerichtsverfahren nimmt seinen Lauf. Baumann verliert vor Kreisgericht, Obergericht, Bundesgericht. Er muss Anwalts- und Gerichtskosten von über 95 000 Franken zahlen. Überdies hat Baumann inzwischen Hunderte Stunden für die Wohnungssuche aufgewendet – eine enorme Belastung für den Einzelunternehmer. Am 1. 2. 2010 notiert er: «Herr von Graffenried lässt über seinen Anwalt eiskalt das Exmissionsverfahren anlaufen.» Baumann droht – wie einem illegalen Besetzer – die polizeiliche Räumung. Er muss sich in ärztliche Behandlung begeben und will über ein Härtefallgesuch die Exmission stoppen. Das Verfahren ist hängig.

Aus seinem zivilrechtlichen Einzelfall macht der Kleinunternehmer mit ethischen Prinzipien einen grundsätzlichen Kampf gegen den Verlust von Wohnraum in der Altstadt und für mehr Anstand und Menschlichkeit in der Geschäftswelt. «Von Graffenried stellt mein gesamtes Lebenskonzept infrage wegen eines kleinen Problems, das in fünf Minuten gelöst werden könnte.»

«Wir finden uns nicht mehr»

Das Baugesuch für die Umnutzung der Turmwohnungen sei noch nicht eingereicht worden, sagt Guido Albisetti, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Von-Graffenried-Gruppe. Das Umnutzungsprojekt sei noch nicht ausgereift. Nochmalige Verhandlungen mit Baumann seien aber nicht möglich, da dieser sich über alle Abmachungen hinweggesetzt und sämtliche Rechtsmittel unter Beizug von Anwälten ausgeschöpft habe. «Wir finden uns nicht mehr. Es muss eine Möglichkeit geben, sich von einem Mieter zu trennen», gibt Albisetti zu bedenken. Am Exmissionsverfahren werde deshalb festgehalten, zumal es sich beim alleinstehenden Baumann nicht um einen Härtefall handle. Der belebte Standort am Waisenhausplatz stelle wegen der Lärmimmissionen keine besonders privilegierte Wohnlage dar. Die Von-Graffenried-Gruppe habe Baumann übrigens auch Ersatzangebote unterbreitet, die er jedoch ausgeschlagen habe. Baumann bestreitet diese Darstellung.

Die «NZZ am Sonntag» widmet von Graffenried ein ausführliches Porträt; im Sommer soll die Saga des adligen Geschlechts erscheinen. Manche hielten ihn für einen Raubritter, schreibt Margrit Sprecher über den Jubilar. «Doch was andere über ihn denken, braucht den Grandseigneur nicht zu kümmern. Sein Lebenswerk trotzt allen Stürmen.» (Der Bund)

(Erstellt: 12.04.2010, 07:32 Uhr)

Geschäftsviertel Altstadt

In der oberen Berner Altstadt, wo sich der Holländerturm befindet, hat das Wohnen keine grosse Bedeutung mehr. Gemäss Bauordnung sind lediglich noch die «Gebäudevolumen über dem obersten Vollgeschoss» dem Wohnen vorbehalten. In vielen Geschäftshäusern, wie etwa im Warenhaus Loeb, gibt es keine Wohnungen mehr. In der übrigen Altstadt liegt der Wohnanteil zwischen 35 bis 55 Prozent. Die städtische Bauordnung steht erneut vor einer Teilrevision, ausgelöst durch die Aufhebung des Wohnraumerhaltungsgesetzes durch den Grossen Rat. (dv)

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