Strassentheater: Inspektoren jagen Abfallsünder
Von Hanna Jordi. Aktualisiert am 26.08.2009
Einsichtig räumt «Elvis» seinen Müll weg: Szene aus dem Strassentheater gegen Littering. (Manuel Zingg)
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«Littering», neudeutsch für die Tätigkeit «Abfall liegen lassen», ist ganz einfach. Etwas fallen lassen und flugs vom Tatort verschwinden oder selbiges liegen lassen und in der Folge unbeteiligt dreinschauen erfordert kaum Aufwand, es ist im Bruchteil einer Sekunde vollbracht. Nicht so gestern auf dem Waisenhausplatz: Da befestigt ein vermeintlicher «Abfallinspektor» einer Passantin eine lange Schnur mit einer angehängten Dose an der Tasche – und macht sie zu einer Abfallsünderin wider Willen, deren «Vergehen» den üblichen Sekundenbruchteil überdauert und so nur mehr schlecht zu verhehlen ist.
Am Schmelztiegel der Litterer
Diese Szene ist Teil eines Strassentheaters im Rahmen der städtischen Kampagne «Subers Bärn – zäme geits!», das gestern auf dem Waisenhausplatz gezeigt wurde. «Wir betreiben hohen Aufwand, um die Stadt sauber zu halten. Ohne die Mithilfe der Berner drohen unsere Bemühungen aber zu verpuffen», sagte Stefan Schwarz, Generalsekretär der Direktion Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS), vor den Medien. Als Bühne wurde der Waisenhausplatz auserkoren, dessen Abfallkübel in der Mittagszeit ganze vier Mal geleert werden müssen. Am 28. August, 16. und 17. September wird die Theatergruppe weitere «Hotspots» in Bern aufsuchen.
Die Respektsgrenze anheben
Inzwischen hat sich zu den beiden schnauzbärtigen Abfallinspektoren ein Delinquent gesellt. Er ist hochgewachsen und hat grosse Ähnlichkeit mit Elvis. Achtlos entledigt er sich seiner Zigarette, einzeln wirft er die gelesenen Seiten der Gratiszeitung zu Boden. Dieses Gebaren sanktionieren die Inspektoren aber flugs – «Elvis» erhält die gelbe Karte. Eine harmlose Metapher angesichts der bis zu 80 Franken teuren Busse, die der Abfallsünder zahlte, hätte ihn nicht der Inspektor, sondern ein Polizist in flagranti ertappt.
«Konfrontationstheater eignen sich, um bei den Zuschauern ein Aha-Erlebnis zu erzeugen», sagt Markus Schrag von der Theatergruppe Konfliktüre, welche das 15-minütige Schaustück inszeniert. Bewegte Bilder blieben eher im Gedächtnis haften als Botschaften auf Flyern, sagt er. Konfliktüre, eine neunköpfige Gruppe aus Bern, hat es sich zum Ziel gemacht, die «sinkende Respektsgrenze zu bekämpfen», sagt Mitglied Rolf Brügger, der den «Elvis» gibt. Dies funktioniere am Besten über das Mittel der Überraschung.
Gerade seitens der unfreiwilligen Ensemblemitglieder, den einbezogenen Passanten, kommt dieses Element nicht zu kurz. «Ich war so irritiert, ich wusste gar nicht, worum es geht», sagt Karin Büchler aus Herrenschwanden, die als Opfer des Büchsentricks dem Publikum vorgeführt wurde. Hingewiesen auf das Thema der Veranstaltung, findet sie die Aktion aber eine gute Idee. Auch wenn Littering sie nicht betreffe: «Ich lasse grundsätzlich nichts liegen.»
«Eine Frage der Erziehung»
Auch das Publikum, etwa 20 Stehengebliebene und Abgesessene, nimmt die Possen der Inspektoren gut auf. Als aus einem Abfallkübel eine Flagge mit der Aufschrift «Subers Bärn – zäme geits!» gehisst und damit das pädagogische Ziel der Inszenierung offengelegt wird, applaudieren die Neugierigen bereitwillig. Auch Anuschka Stüdle, die als NMS-Schülerin fast jeden Mittag auf dem Waisenhausplatz isst. Eine Mitschuld am hier täglich anfallenden Abfall verbittet sie sich aber: «Das ist doch eine Frage der Erziehung, dass man den wegräumt», sagt sie. Dennoch findet sie die Aufführung «amüsant»: «Sicher kann man so Leute abholen.»
Zielgruppe verfehlt?
Gerade dies wird derweil von freisinniger Seite bezweifelt. FDP-Stadtrat Pascal Rub drückt in einem Brief an die Redaktion seine Zweifel darüber aus, ob die Aktion die wahren Delinquenten auch erreiche. «Für die geschätzt 20000 Franken könnten echte Inspektoren drei Wochen lang Bussen verteilen», schreibt er. Bei der TVS stösst dieses Argument auf wenig Verständnis. «Wir sind repressiv auch aktiv. Mit Bussen allein ist es aber nicht gemacht – Prävention ist ebenso wichtig», sagt Schwarz. Das Honorar der Theatergruppe von 8900 Franken sei gut angelegtes Geld – «Das Theater ist neben anderen Massnahmen geeignet, um Menschen zu mehr Sauberkeit anzuhalten», sagt er.
Dass Litterer in flagranti zu ertappen nicht so einfach ist, zeigt sich indes im Gespräch mit potenziellen Delinquenten auf den Treppen der Lauben, wo besonders gern gelittert wird: «Bitte? Das wollte ich grad in den Kübel werfen, echt», kriegt man zu hören. Ja, die Schuldfrage beim Littering entscheidet sich eben im Bruchteil einer Sekunde. (Der Bund)
Erstellt: 26.08.2009, 09:50 Uhr
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