Bern

Stolz feiert sich das junge Bern

Von Renzo Ruf, New Bern. Aktualisiert am 20.09.2010

Das Städtchen New Bern, 1710 durch den Berner Auswanderer Christoph von Graffenried gegründet, hat seine reiche Geschichte gefeiert. Anwesend war auch eine Delegation aus dem «alten» Bern.

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Der Bär als Maskottchen darf auch in New Bern nicht fehlen.
Bild: Renzo Ruf

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Er mag erst mit grosser Verspätung im «neuen» Bern eingetroffen sein, weil ihn das Parlament des «alten» Bern nicht gehen lassen wollte – doch kaum hat Stadtpräsident Alexander Tschäppät am Freitagabend den Weg nach New Bern im US-Bundesstaat North Carolina endlich gefunden, zieht er alle Register. Tschäppät charmiert, witzelt, grüsst, küsst, verteilt kleine Geschenke aus der Heimat; er umarmt, posiert, winkt und prostet mit einem Gläschen Wein (oder zwei) den Anwesenden zu. Trocken kommentiert sein Amtskollege Lee Bettis, Stadtpräsident von New Bern seit Dezember 2009, bereits kurz nach dem ersten Zusammentreffen: «Er hat eine etwas zurückhaltende Natur, nicht wahr?»

«There is no business like showbusiness», kalauert Urs Ziswiler, abtretender Schweizer Botschafter in Washington und alter Freund des Berner Stadtpräsidenten. Und niemand weiss dies besser als Alexander Tschäppät. Diese Meinung teilen auch die Amerikaner, die ungeduldig auf den Beginn der Vorstellung von «Mayor Schappat», wie er hier lautmalerisch genannt wird, gewartet haben. «Wir sind froh, dass er es doch noch geschafft hat», sagt eine Vertreterin des Organisationskomitees für das 300-Jahre-Jubiläum von New Bern – eine unverhohlene Anspielung auf den hitzigen Politstreit über die USA-Reise von Tschäppät und von Finanzdirektorin Barbara Hayoz.

Barbara Hayoz ist «froh»

Im Berner Stadtparlament regte sich vor zwei Wochen harsche Kritik, weil Hayoz just in derjenigen Sitzung fehlen wollte, in der die Debatte über das Budget des kommenden Jahres stattfinden sollte. Hayoz und Tschäppät verwiesen darauf, dass die Einladung aus New Bern schon vor langer Zeit eingetroffen und die Überschneidung nicht gewollt sei. Doch der Schaden war angerichtet, zahlreiche Parlamentarier zeigten sich tief beleidigt über die angebliche Geringschätzung; deshalb entschlossen sich die beiden Mitglieder der Stadtregierung schliesslich, ihren Flug nach North Carolina umzubuchen und erst mit grosser Verspätung in New Bern einzutreffen.

«Ich bin froh, dass wir uns letztlich für dieses Vorgehen entschieden haben», sagt Hayoz am Samstagmorgen nach geschlagener Budget-Schlacht. «Ich hätte sonst nicht ruhig schlafen können.» Tschäppät andererseits kann es sich nicht verkneifen, ein Witzchen über die Berner Budgetkrise zu reissen. Er sagt während des Mittagessens am Samstag, an dem zahlreiche Präsente die Hand wechseln: «Wie Sie wissen, hatten wir ein bisschen Verspätung. Glücklicherweise segelte das Budget durch das Parlament. Und nun können wir wieder Geschenke verteilen.»

Von Graffenrieds im Rampenlicht

Bisweilen muss Tschäppät, der New Bern erstmals in den Siebzigerjahren als Reiseleiter besuchte, allerdings das Rampenlicht mit den anderen Gästen aus der Schweiz und den USA teilen; und an denen fehlt es an diesem langen Festwochenende in der Innenstadt von New Bern nicht. So haben sich zahlreiche Mitglieder der Familie von Graffenried eingefunden, direkte oder indirekte Nachfahren des Gründers von New Bern (siehe Kasten). Franz von Graffenried ist hier, der Präsident der Burgergemeinde Bern – während des Umzugs am Samstagmorgen winkt er stolz vom Rücksitz eines herausgeputzten Strassenkreuzers. Er wird von Tschäppät während eines Mittagessens mit den Worten vorgestellt: «Jedes wichtige Gebäude in meiner Stadt gehört ihm.» Auch Christine von Graffenried und ihr Bruder Aloys von Graffenried haben die Reise in die USA unternommen.

Für die Geschwister besitzt der Aufenthalt in North Carolina eine emotionale Komponente: Ihre mittlerweile verstorbenen Eltern Helmuth und Blanche waren es, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Freundschaft zwischen den beiden Städten pflegten. Zu ihrem Andenken ersteigerten Christine und Aloys von Graffenried ein Gemälde, das sie anschliessend der Stadt New Bern überreichten. «Nur Schweizer machen das», kommentiert Tschäppät: «Ein Bild für teures Geld ersteigern und es dann verschenken.»

«Atemberaubende Schönheit»

Der Berner Stadtpräsident nimmt sich aber auch Zeit für die zahlreichen Schweizer Touristen, die in New Bern anwesend sind. So begrüsst er zusammen mit Botschafter Ziswiler eine Gruppe von 35 Schweizer Schützenveteranen, die sich auf einer Rundreise durch die USA befinden. Tschäppät macht auf die illustre Vergangenheit eines Reiseleiters aufmerksam und schwärmt von dessen Qualitäten auf dem Eis: Peter Stammbach, Mitglied der SCB-Meisterteams 1959 und 1965. Ziswiler hingegen nimmt Bezug auf das Alter der Berner Schwesternstadt und sagt: «Wenn jemand 300 Jahre wird, würde man eigentlich einige Falten erwarten. Doch New Bern hat keine Falten, sondern ist immer noch eine atemberaubende Schönheit.»

Das Städtchen am Zusammenfluss von Neuse und Trent hat sich tatsächlich für das Jubiläumswochenende herausgeputzt. Am Freitag gibt das Symphonieorchester des Staates North Carolina ein Freiluftkonzert; anschliessend wird der Himmel von einem Feuerwerk erleuchtet. Am Samstagmorgen folgt ein Umzug, wie ihn nur Amerikaner veranstalten können – vor dem Gebäude, in dem Caleb Bradham in den 1890er Jahren ein klebriges Getränk erfand, das heute unter dem Namen Pepsi erhältlich ist, ziehen Musikanten, Geschäftsleute und Politiker vorbei. Tosenden Applaus gibt es für die Darbietungen der lokalen Schulmusikgruppen; die «Fighting Scots» sind akkurat in Kilts gekleidet und tanzen in der brütenden Spätsommerhitze wie ihre schottischen Vorbilder. Dazu wedeln die Zuschauer begeistert mit den Fähnchen.

«Die engen Bande verstärkt»

Auch die Village Street Band aus Münchenbuchsee hat ihren grossen Auftritt und liefert den Sound für die Jubiläumsfeierlichkeiten.

Der Schlusspunkt der Geburtstagsparty folgt am Samstagabend: ein rauschender Ball im Konferenzzentrum von New Bern, an dem 600 Gäste in Smoking und im kleinen Schwarzen erscheinen. Stadtpräsident Lee Bettis zeigt sich hochzufrieden: «Das Fest hat die bereits engen Bande zwischen den Städten noch verstärkt. Beide können aber weiter voneinander lernen.» Tschäppät vergisst derweil auch im Festrummel nicht, die Vorzüge seiner Stadt herauszustreichen. Während einer seiner improvisierten Ansprachen verkündet er, dass er in der schönsten Stadt der Welt lebe. Und lachend erklärt er den verdutzten Einwohnern von New Bern: Das «alte» Bern sei vor über 800 Jahren gegründet worden und deshalb ein halbes Jahrtausend älter als das «neue» Bern – die «Tochterstadt» in Amerika habe also noch viele Jahre Zeit, um Boden gutzumachen.

Tschäppät sagt aber auch, dass er aus den USA eine wichtige Botschaft mit nach Hause nehme. «Wir Bernerinnen und Berner könnten uns ein Stück von diesem Enthusiasmus abschneiden, den die Bewohner von New Bern zeigen. Während wir uns in Bern ewig hinterfragen, ist man hier stolz auf die eigene Stadt.» (Der Bund)

Erstellt: 20.09.2010, 08:21 Uhr

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