Stau vor der Studierstube
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 03.09.2010 1 Kommentar
Jubiläumskonzerte und Buch
Zum 40. Geburtstag feiert sich der ISC mit drei kleinen Gratis-Open-Airs in der Innenstadt selbst: Das ISC-Rockout findet an drei Wochenenden im September statt:
Samstag, 4. September: Rathausplatz
Gemma Ray, Wendy McNeill, Lisa Catena. ab 17 Uhr. Ab 22 Uhr im ISC Club: Oldies – das Original mit DJs Hanspi und Tom.
Samstag, 11. September: Ringgenpärkli
(vis-à -vis Stadttheater): The Monofones, Animal Boys, Stan Or Itchy, The Catamaran, ab 17 Uhr. Anschliessend, ab 22 Uhr, im ISC Club: Saturday Night Fever – 70s-Disco mit DJ Corey
Samstag, 18. September: Kleine Schanze
Mama Roisin, Pamela Méndez, Norman Palm, ab 17 Uhr. Anschliessend, ab 22 Uhr, im ISC Club: Indie Zone – mit DJs Olive Oyl & Phrank.
Freitag, 24. September: ISC Club
Zoot Woman
Samstag, 25. September: ISC Club Johnossi und Moto Boy
Zum Jubiläum ist das Buch «4 Decades of Rock ’n’ Roll – 40 Jahre ISC Club» erschienen, mit Bildern und Texten zur Geschichte des ISC. Es liegt an den Konzerten auf oder kann beim ISC bestellt werden: www.isc-club.ch. (ane)Link
Er hat schon bessere, aber auch schon wesentlich schlechtere Zeiten erlebt, der Internationale Studentenclub (ISC) an der Neubrückstrasse 10. Viele Musikgeschichten sind in den 40 Jahren seines Bestehens geschrieben worden – himmeltraurige und wunderschöne. Zum Beispiel diese: Nach einem Konzert im ISC begehrte der irische Liedermacher Luka Bloom eine kleine Stadtbesichtigung zu unternehmen. Danach sei er ob all den Schildern und Netzen, welche die Lebensmüden Berner vom Sprung in den Selbsttod abhalten sollen, dermassen deprimiert gewesen, dass er kurz darauf sein bekanntestes Lied, «Bridge of Sorrow», verfasst habe. Robbie Williams sei im ISC schon gesichtet worden, doch die Zeugen dafür sind einigermassen unzuverlässig. Die Toten Hosen, und dies ist verbürgt, kehrten hier gerne als Gäste ein, der Sänger der Gruppe Walkabouts beging im Hinterbühnenbereich des Clubs Ehebruch, und Musiklegenden wie Townes Van Zandt und Jeffrey Lee Pierce spielten im ISC, kurz bevor sie das Zeitliche segneten. Zuweilen war die Betreuung der auftretenden Künstler dermassen gut, dass diese gar nicht mehr schlafen gehen mochten: So fand die Gruppe H-Blockx nach ihrem ISC-Konzert und nach intensivem Absinth-Konsum den Eingang ihres Hotels nicht mehr, obschon man sie direkt davor absetzte – sie nächtigten in der Folge auf städtischen Kehrichtsäcken in der Rathausgasse.
Es traten hier Bands auf, kurz bevor sie den internationalen Durchbruch schafften, so die Gruppe HIM, die aufgrund einer eingereichten Demo-Kassette gebucht wurde und etwas später nur noch auf den Grossbühnen der Welt anzutreffen war. Gleiches geschah mit Bands wie Mando Diao, The Hives, Fettes Brot oder Jan Delay. Und auch Berner Musikinstitutionen wie Züri West (1984) oder Lunik (1999) gaben im ISC, dessen Konzertraum in etwa die Ausmasse eines grösseren Wohnzimmers aufweist, ihre ersten grösseren Konzerte.
Fondue und Imageprobleme
Doch ganz so wild ging es im ISC in den 40 Jahren seines Bestehens nicht immer zu und her. Gerade in den Anfangsjahren war vom Club, wie er sich heute präsentiert, noch nicht viel zu erahnen. Die Studentenunruhen hatten sich gelegt, die Brände waren weitgehend gelöscht, und die Regierungen der Welt waren bemüht, die Bildungselite bei Laune zu halten, weshalb allerorts eifrig Jugendhäuser eröffnet wurden.
Auch in Bern kam man im Februar 1970 zur Erkenntnis, dass der muffige Kellerraum Zum rostigen Schlüssel als einziger Studententreff der Stadt keine Zukunft mehr hatte. Auf dem Gelände des alten Tierspitals an der Neubrückstrasse 10 wurde der Studentenschaft ein neuer Raum zur Verfügung gestellt, der bei der Schlüsselübergabe jedoch noch auf wenig Begeisterung stiess. Die Decken bröckelten ab, es gab einen Wassereinbruch – die Umbauarbeiten am Internationalen Studentenclub zogen sich über mehrere Monate hin. Doch obwohl für die Eröffnung des Lokals am 11. Dezember 1970 sogar das Schweizer Fernsehen aufgeboten werden konnte, war es um das Renommee des ISC in den Gründerjahren eher schlecht bestellt. Das Lokal wurde für Fondue-Abende unter Studenten geöffnet, es gab Spaghetti-Partys, Pantomimen- und Theaterabende, Konzerte und Tanzveranstaltungen. Eine Bar war damals noch nicht installiert, die alkoholfreien Getränke wurden aus einem Automaten bezogen und der Kaffee selber gekocht. Zu den misslichen Rahmenbedingungen kam hinzu, dass auch das Verhältnis zwischen Männchen und Weibchen eher ungünstig war. 1972 notierte der Vorstand in einem betrübten Protokoll: «Unser Problem ist, dass zu wenig Studentinnen vom Keller wissen oder ihn alter Schauermärchen wegen meiden.» Die Schauermärchen rührten von einem ominösen Sofa, auf dem sich ab und an lüsterne Liebespaare vergnügt haben sollen, was böse Zungen zur Behauptung veranlasste, die Abkürzung ISC stehe für «Intrigen- und Sexclub». Mit erleichterten Eintrittsbedingungen für die Dame versuchte man dem Missstand Herr zu werden – lange Zeit blieb der Erfolg aus.
Konkurrenz herbeigesehnt
So richtig aufwärts ging es mit dem Studentenclub erst Mitte der Achtzigerjahre. 1983 wurde in einer angrenzenden alten Garage endlich eine Bar eingerichtet (sie dient noch heute als Barraum), und Mitte der Achtziger wurde die Regelung getroffen, dass auch Nichtstudenten Clubmitglieder werden durften.
Bald wurde der ISC zum «Place to go» in Bern, die Warteschlangen vor dem Lokal wurden länger und länger, und wenn das Quick in der Marktgasspassage am Wochenende seine Pforte schloss, pilgerte die Berner Schickeria an die Neubrückstrasse und vermischte sich mit dem studentischen Jungfreisinn und sonstigen unternehmungslustigen Partygesellen. Die musikalisch wirklich aufregenden Sachen spielten sich indes noch anderswo ab – ab 1983 im Freiburger Frison, ab 1984 im Zaff oder ab 1986 im Keller des Berner Meerhauses, wo Bands wie The Young Gods oder Christian Death ihre ersten Berner Konzerte spielten.
In der ersten Hälfte des Jahres 1987 wurde die Lage im ISC prekär. Der Andrang vor der unscheinbaren Metalltüre war dermassen gross, dass sich das Vorstandsmitglied Renato Cecchet in einem Artikel in der «Berner Zeitung» zu einem aus heutiger Sicht schier unvorstellbaren Schritt genötigt sah: Er plädierte für eine Belebung der Konkurrenz: «Wir wünschen uns, dass es in Bern auch andere Räume gibt, die feste Angebote haben, sodass sich die Leute etwas verteilen.»
Mit der Eröffnung der Berner Reitschule im Oktober 1987 wurde dieser Wunsch erfüllt, und es entstand das berüchtigte magische Dreieck des Berner Nachtlebens. Im Dachstock besuchte man ein Konzert, im ISC tanzte man in den Morgen, und im nahe gelegenen Dead End ging man den Restdurst löschen. Es war die Zeit Ende der Achtziger- bis weit hinein in die Neunzigerjahre, in welcher der ISC seine wohl aufregendste Phase erlebte. Das Veranstalterteam (vor allem Dominik Hug, der heutige People-Verantwortliche beim «Blick») verschlief keinen der aktuellen Trends, und das Renommee des Clubs unter den hippen Konzertagenturen war gross.
Verliebt in die Bassistin
Im Jahr 1989 beispielsweise traten im kleinen Berner Club die grössten Helden der damals florierenden Electronic Body Music (Frontline Assembly, Klinik) ebenso auf wie die hippsten englischen Musikexporte (My Bloody Valentine, The Shamen) sowie die Speerspitze des helvetischen Musik-Undergrounds (Der böse Bube Eugen, Dnjepr oder die Maniacs). In dieser Zeit war der ISC der beste Club der Stadt. Er war weniger ideologisch verkrustet als die Reitschule (bis im Dachstock erstmals elektronische Musik akzeptiert wurde, bedurfte es so einiger Krisensitzungen), mutiger und trendiger als das Bierhübeli und geräumiger als Das Boot in der Münstergasse. Man ging hin, weil nirgendwo sonst Punks neben Psychos, Grufties neben Wirtschaftsstudenten tanzten, weil es nirgendwo sonst ein DJ wagte, Nirvana neben die Einstürzenden Neubauten und LL Cool J zu setzen, oder man ging hin, weil man heimlich in die Bassistin der Berliner Band Lolitas verliebt war, die mit ihrer Gruppe eine ganze Weile lang im Jahresrhythmus im ISC einkehrte.
Schwedische Enklave
In diesen wilden Jahren Anfang der Neunzigerjahre hatte der ISC einen damals noch unbekannten, aber schon damals etwas sonderbaren Garderobier angestellt. Der schlaksige Mann war den ganzen Abend in Bücher und Lehrmittel vertieft, erledigte seine Arbeit ansonsten aber tadellos. Der Mann hiess Pedro Lenz, ist heute ein landesweit berühmter Autor, im ISC häufte er sich Geld und Wissen für sein Studium an: «Ich habe mir im ISC die Fähigkeit angeeignet, auch bei Lärm lesen zu können», erzählt er. «Nach getaner Arbeit hatte ich stets das gute Gefühl, im Ausgang gewesen zu sein und doch was fürs Studium getan zu haben.» Am lebhaftesten in Erinnerung sind ihm die damals florierenden Tollerdance-Schwulenpartys: «Da war zünftig was los, und die Jungs brachten mir jeweils gläserweise Whiskey vorbei.» Im Club ist er heute kaum mehr anzutreffen. «Ich bin zu alt. Ich komme mir da immer ein bisschen vor wie ein Vater, der seine Tochter sucht. Darauf kann ich gut verzichten.»
In den Nullerjahren waren im ISC zwei Hauptströmungen auszumachen: eine gewisse Versteifung auf den Indie-Rock und aufs schwedische Musikschaffen, eine Herzensangelegenheit der honorigen Karin Feusi, die zwischen 1996 und 2009 im ISC Konzerte veranstaltete. «Ich habe im ISC die Möglichkeit bekommen, meine Träume zu verwirklichen», sagt die Frau mit den roten Haaren. «Am Anfang meiner Amtszeit profitierte der ISC vom grossen Grunge- und Seattle-Hype, später, als die Technowelle über Europa schwappte, erlebten wir als Live- und Rock-Club eher schwierige Zeiten.»
Doch auch in dieser Zeit hat es Karin Feusi geschafft, eine Stammkundschaft aufzubauen: «Die Berner sind treue Seelen und lassen sich nicht von jedem Hype den Kopf verdrehen», sagt die Freiburgerin, die heute neben einem Amt in der schwedischen Botschaft die geschäftlichen Geschicke des Singer-Songwriters Pierre Omer leitet. Zur Konzentration auf die schwedische Musik kam es im letzten Jahrzehnt aus ganz pragmatischen Gründen: «Das Verhandeln mit englischen oder amerikanischen Konzertagenten wurde zunehmend mühsam, weil auf deren Schweizer Karte nur noch Zürich zu existieren schien. Die Skandinavier waren von den Standortvorteilen Berns eher zu überzeugen, viele dieser Bands konnte ich bald darauf ans Gurtenfestival buchen, das sprach sich herum, und es entwickelten sich gute Freundschaften», sagt Karin Feusi.
Damals wie heute ist das Schicksal des ISC, dass die Bands, die im 300 Leute fassenden Club gross geworden sind, schnell aus dem Kleinclub-Alter herauswachsen. «Wir leisten im ISC eine Art Aufbauarbeit. Ein Act wie Danko Jones spielte zweimal hier, dann wechselte er selbstredend auf grössere Bühnen – damit haben wir uns abgefunden.»
Die neue Ära
Nach dem Abgang von Karin Feusi hat für den ISC eine neue Ära begonnen. Das letzte Jahr war musikalisch ein eher durchzogenes, und trotzdem hat der Club in einer Periode, in welcher einige Veranstalter Besucherrückgänge von bis zu 30 Prozent zu beklagen hatten, keine nennenswerten Einbussen erlitten. Bis heute weist der ISC eine der besten Auslastungsraten aller Schweizer Clubs auf, die finanziellen Reserven sind gehörig. Nun müssen – da das Freiburger Frison seine regionale Führerrolle im Abzweigen aufstrebender, hipper Indie-Bands einzubüssen droht – wieder programmatische Akzente gesetzt werden. Mit dem Septemberprogramm (mit Bands wie Johnossi und Zoot Woman) ist ein vielversprechender Auftakt gemacht. Die Kolonne vor der Metalltüre an der Neubrückstrasse 10 dürfte wieder länger werden. (Der Bund)
Erstellt: 03.09.2010, 10:40 Uhr
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Boris Nork
Schöner Artikel, so habe ich das ISC auch erlebt. Antworten