Bern

«Stadttauben» möchten Nest bauen

Von Rahel Bucher. Aktualisiert am 26.03.2010 2 Kommentare

Alternative Gruppen wie die «Stadttauben» stossen auf Kritik. So auch in Bümpliz, wo sie Ende Mai die besetzte Parzelle verlassen müssen. Doch wer sind die «Stadttauben», und wieso leben sie im Bauwagen?

Die «Stadttauben» wollen ein freies Leben führen. (Adrian Moser)

Die «Stadttauben» wollen ein freies Leben führen. (Adrian Moser)

Stadt Bern setzt auf Rotation

Neben den «Stadttauben» gibt es in Bern noch zwei weitere Gruppen, die experimentell wohnen: das «Zaffaraya» und die «Stadt­nomaden». Im Oktober 2008 wurde unter der Führung des Stadtpräsidenten entschieden, alternativen Wohngruppen jeweils für drei Monate ein Grundstück der Stadt, des Kantons oder der Burgergemeinde zur Verfügung zu stellen.

Die Stadt erwartet, dass das Grundstück von allen Gruppen gemeinsam genutzt wird. «Das Rotationssystem ist grundsätzlich geeignet, um illegale Besetzungen öffentlicher oder privater Grundstücke zu verhindern», sagt Roland Meyer, Generalsekretär in der Direktion für Finanzen, Personal und Informatik. Die «Stadtnomaden» halten sich an das dreimonatige Rotationsprinzip, die «Stadttauben» sehen darin keine Perspektive. Sie würden gerne länger an Ort bleiben. Langfristiges Ziel der Stadt ist die Schaffung einer Hüttendorfzone, auf der mobile Wohngruppen leben könnten. Über die Realisierung dieser Zone müsste wieder das Volk entscheiden. 1996 wurde sie abgelehnt. (reh)

Sie wollen Freiheit leben. Das zeigt sich schon an der Wohnung, die vier Räder hat. Damit können sie jederzeit weiterziehen. Von Platz zu Platz und in die möglichst grosse Unabhängigkeit vom staatlichen System. Trotzdem arbeiten sie für Lohn, füllen eine Steuererklärung aus und haben auch einen mobilen Internetanschluss. «Jeder soll so Leben, wie er will», ist ihre Devise. Die Rede ist von den «Stadttauben», der alternativen Wohngruppe, die sich vor knapp zwei Wochen am Waldrand von Bümpliz niedergelassen hat. «Wir wollen unseren Lebensraum selber gestalten», sagt Ruben. Zusammen mit drei anderen «Stadttauben» sitzt er an einem Gartentisch, draussen vor den bunten Bauwagen. Unter dem weissen Zelt, das eine Art Mittelpunkt der Wagenburg bildet, schläft der Hund. Kennengelernt haben sich die «Stadttauben» vor über zehn Jahren, beim Häuserbesetzen. Vor einigen Jahren haben sie sich Bauwagen gekauft und diese zu fahrenden Wohnungen umgebaut. Seither sind sie unterwegs. «Wir sind flotte junge Herren», sagt Ruben.

System holt sie immer wieder ein

Doch überall, wo sie ankommen und ihre Wagen abstellen, stossen sie auf Widerstand. Meist sind es Anwohner, die sich bei der Stadt beschweren. So auch in Bümpliz. Der Nordquartierleist Bümpliz meldete sich bei der Stadt und verlangt die Räumung der Parzelle. Zu einem Gespräch zwischen den «Stadttauben» und den umliegenden Anwohnern ist es laut Ruben bisher nicht gekommen. «Die meisten Leute urteilen über uns, ohne uns zu kennen, und machen sich ein falsches Bild», sagt Thomas.

«Wir haben sogar ein Klo und einen Sanitärwagen mit Waschmaschine», sagt er. Doch da sie im Moment nirgendwo Strom beziehen können, müssen sie ohne Waschmaschine und fliessendes Wasser auskommen. Ihr Lebensstil sei sehr umweltschonend, meint Noah. «Wir brauchen von allem nur so viel wie nötig.» Was sie bezüglich Vorurteilen auch ärgert, ist die Verhaltensweise von SVP-Grossrat Thomas Fuchs. In einem Schreiben unterstellt er den «Stadttauben», dass sie allenfalls Sozialhilfeempfänger sein könnten. Eine Unterstellung, die sie so nicht stehen lassen können. «Wir würden nie Sozialhilfe beziehen, weil wir dadurch vom staatlichen System abhängig würden», sagt Ruben. Genau das wollen sie aber vermeiden. Vielmehr streben sie «ein gewisses Mass an Freiheit» an. Dazu gehört für sie vor allem die Förderung des Zusammenlebens sowie gemeinsam etwas zu schaffen. Schaffen tun sie auch für Geld, um sich das Überleben zu sichern. Doch viel wichtiger ist ihnen das Schaffen gemeinsamer Projekte. «Das ist auch Luxus, der basiert aber nicht auf dem Schönsten und Besten», sagt Max.

Miete für festen Platz

«Natürlich können wir auch vom System profitieren», sagt Thomas. So zum Beispiel, wenn Leute Möbel oder Esswaren einfach wegschmeissen. Gleichzeitig müssten sie aber den Ansprüchen des Systems auch gerecht werden, sagt Max und fügt an, dass sie natürlich Rücksicht auf ihre Nachbarn nähmen und nicht nächtelang Lärm und laute Musik machten.

Das System holt sie immer wieder ein. Nach dem Konflikt rund um ihre Gruppe und die Parzelle in Bümpliz, auf der eine andere Person schon seit drei Jahren wohnt, hat die Stadt vergangenen Montag eingelenkt (der «Bund» berichtete). So beauftragte sie die ehemalige Regierungsstatthalterin Regula Mader, eine Lösung für mobile alternative Wohnformen zu finden. Sie soll mit den alternativen Gruppen eine vertragliche Vereinbarung ausarbeiten. Am Dienstag kam es bereits zu einem ersten Gespräch zwischen Regula Mader und den «Stadttauben». Die Stadt will über die laufenden Gespräche nicht orientieren, sondern erst, wenn konkrete Ergebnisse vorliegen.

Am liebsten hätten die «Stadttauben» einen festen Platz, auf dem sie etwas aufbauen könnten. Dafür wären sie auch bereit, eine «angemessene Miete» zu bezahlen, sagt Max. Ein Vorschlag, den sie der Stadt bereits unterbreitet haben. Allerdings ist sie bisher nicht darauf eingegangen. Vonseiten der Stadt heisst es, dass man keine Ausnahmen mache. Doch die Hoffnung bleibt. Irgendwann wollen die «Stadttauben» sesshafter werden und ein Nest bauen; mit «Werkstätten, Ateliers, einem Konzertraum oder gar einer eigenen Schule». (Der Bund)

Erstellt: 26.03.2010, 10:57 Uhr

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2 Kommentare

Nicole Meier

26.03.2010, 10:29 Uhr
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Wo kommen wir hin, wenn jeder so lebt wie er es möchte, ohne Rücksicht auf die andern? Es gibt nun mal Regeln und Gesetzte an die sich jeder zu halten hat. Das sie keinen Lärm machen stimmt nun auch nicht, sie sollen sich nicht besser hinstellen als sie sind. Kauft eine Parzelle, haltet Euch an die Bauordnung, Vorschriften und Auflagen wie jeder andere auch, Zahlt Eure Abgaben. Antworten


Martin Waeber

26.03.2010, 11:12 Uhr
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In einer urbanen Region mit begrenzten Verhältnissen ist ein solcher Lebensstil schlicht kaum umsetzbar. Antworten




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