«Sportler sind nicht a priori die besseren Menschen»

Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 03.09.2010

Experte Roland Seiler über die Grenzen der präventiven Wirkung von Sport.

Midnight im Fischermätteli

Midnight-Projekte Schweiz öffnet seit 1999 jedes Wochenende Sporthallen, um Jugendliche ab 12 Jahren von der Strasse wegzuholen. Die Jugendlichen können gratis Ballsportarten betreiben, aber auch zuschauen und Kontakte knüpfen. Midnight ist aktuell an 94 Standorten in der Schweiz aktiv. In Bern-West und in Ostermundigen ist das Angebot nach erfolgreichen Pilotversuchen definitiv eingeführt worden (der «Bund» berichtete). In Ittigen startet Ende Oktober eine viermonatige Pilotphase. Morgen Samstag, 4. September, 20.30 Uhr wird erstmals die Turnhalle Fischermätteli für Jugendliche geöffnet. Midnight-Projekte Schweiz ist ein gemeinnütziger Verein. 80 Prozent der Mittel für konkrete Projekte stammen von der öffentlichen Hand. (bob)

Herr Seiler, die Midnight-Projekte Schweiz wollen mit Sport und Musik Jugendliche «von der Strasse» holen. Kann man mit diesem Angebot am Samstagabend Jugendliche vor einem Absturz bewahren?

Unmittelbar haben solche Projekte
sicher einen Effekt: Wer den Samstagabend in der Turnhalle verbringt, macht nichts Dümmeres. Die Jugendlichen lernen dabei zudem, als Junior-Coaches oder Schiedsrichter Mitverantwortung für das Einhalten von Regeln zu übernehmen. Mittel- und längerfristig stellt sich aber die Frage, ob damit die Einstellung positiv beeinflusst werden kann. Dass mit drei Stunden Sport pro Woche zum Beispiel der Einfluss negativer Kollegen kompensiert werden kann, ist eine sehr optimistische Erwartung.

Die Organisatoren von Midnight Schweiz haben speziell den Anspruch, Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten anzusprechen. Kann man diese Jugendlichen damit tatsächlich erreichen?

Die Teilnahme an den Midnight-Projekten ist gratis. Zudem spielt das Bildungsniveau keine Rolle. Es können auch Jugendliche mitmachen, deren Deutschkenntnisse nicht perfekt sind. Damit gelingt es, solche Jugendliche anzusprechen.

Wie ist der geringe Frauenanteil bei den Midnight-Projekten erklärbar?

Der Sport an und für sich ist eine Männerdomäne. Zudem stammen junge Frauen aus sozial benachteiligten Schichten häufig aus Kulturen, die gemeinsamen Aktivitäten von weiblichen und männlichen Jugendlichen eher ablehnend gegenüberstehen. Es ist aber auch richtig, dass mit Präventionsprojekten wie Midnight junge Männer angesprochen werden. Der Grossteil aller Delikte wird von dieser Gruppe begangen.

Hat Sport überhaupt eine Wirkung, wenn es um die Prävention von Jugendgewalt geht?

Alt-Bundesrat Adolf Ogi hatte stets propagiert, dass Sport nicht nur gesund sei, sondern auch die Gewaltbereitschaft vermindere und die Integration Jugendlicher in die Gesellschaft fördere. Wir haben vor ein paar Jahren rund 2500 Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren nach ihren sportlichen Aktivitäten, ihrer Einstellung zur Gewalt und nach einer allfälligen eigenen Gewalttätigkeit befragt. Die Annahme war, dass Sport zur Steigerung des Wohlbefindens beitrage, die Stresswahrnehmung vermindere und dadurch die Bereitschaft zur Gewalt reduziere. Das Ergebnis: Sport fördert in der Tat das Wohlbefinden. Aber der Zusammenhang zwischen dem Betreiben eines Sports und der Verringerung der Gewaltbereitschaft ist nur ganz gering. Man kann nicht a priori sagen, dass Sportler bessere Menschen sind.

Aber es ist doch sicher sinnvoll, Jugendliche zum Sport zu animieren?

Man muss differenzieren: Gewisse moderne Kampfsportarten wie zum Beispiel Mixed Martial Arts, wo alles erlaubt ist, sind sicher weniger sinnvoll als Karate.

Da geht es um Kampfsport. Gegen Ballsportarten ist aber doch nicht einzuwenden?

Auch hier muss man differenzieren: Eine Studie der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) hat gezeigt, dass Jugendliche, die in einem Fussballclub engagiert sind, mehr Alkohol konsumieren als ihre Kollegen in der Leichtathletik. In unteren Fussballligen wird nach dem Spiel gerne gebechert. Teamsportarten können positive Effekte haben. Sie bergen aber eben auch Risiken in sich.

Demnach ist Ogis Optimismus bezüglich der positiven Effekte des Sports mit Vorsicht zu geniessen?

Man muss, wie gesagt, differenzieren: Sport hat ein unheimlich grosses Potenzial für mögliche positive Effekte. Mit Sport können Jugendliche ihr Selbstwertgefühl und ihre sozialen Kompetenzen steigern. Je nach Konstellation kann Sport aber leider auch die gegenteiligen Effekte haben. (Der Bund)

Erstellt: 03.09.2010, 07:42 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Bern

Populär auf Facebook – Privatsphäre

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Mitarbeiter/in Administration Esprit Personalberatung AG, Zürich

Sales- & Business SupporterIn Esprit Personalberatung AG, Zürich

Sachbearbeiterin/ Sachbearbeiter Buchhaltung 80 oder 100% Esprit Personalberatung AG, Glattbrugg

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Telefonbuch

Marktplatz