«Spitälern droht eine Flurbereinigung»

Der Spardruck bei den Spitälern führe zu mehr als ein paar kosmetischen Massnahmen, sagt Annemaria Müller Imboden, Leiterin des Spitalamts. In Randregionen verlagere sich die Versorgung weg vom Spital.

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«Bund»: Die Berner Spitallandschaft wird umgepflügt. Was reizt Sie an ihrer schwierigen Aufgabe?

Annemaria Müller Imboden: Ich liebe es, Probleme zu lösen. Als ich die Stelle ausgeschrieben sah, dachte ich erst: Oh nein, das ist eine dieser Verwaltungsstellen. Ich wusste aber, dass es beim Spitalamt sehr viel zu tun gibt. Ich liebe es, die Ärmel hochzukrempeln, an eine Aufgabe zu gehen und ein Resultat zu sehen. Und diese Aufgabe sollte nicht allzu einfach sein.

Sie sind 100 Tage im Amt. Haben sie ihre Aufgabe nie unterschätzt?

Unterschätzt habe ich sicher den Verwaltungsapparat. Es geht nicht so schnell vorwärts, wie ich es gewohnt bin. Die Bürokratie ist zum Teil wahnsinnig schwerfällig.

Jüngst gaben die Solothurner Spitäler den Abbau von 250 Stellen bekannt. Droht im Kanton Bern bald ein ähnlicher Kahlschlag?

Es droht sicher eine Flurbereinigung. Die Ausgangslage ist in Solothurn aber einfacher als bei uns, weil alle Spitäler zu einer AG gehören. Wir haben zahlreiche Regionale Spitalzentren. Auch wir machen uns aber Gedanken, ob die aktuelle Spitallandschaft noch zeitgemäss ist. Ich bin nicht glücklich, dass wir gleichzeitig Eigentümerin der Spitäler und Planungs-, Steuerungs- und Aufsichtsbehörde sind. Das ist eine schwierige Ausgangslage.

Wie viel müssen Sie wegen der neuen Spitalfinanzierung bei den Spitälern ab 2012 einsparen?

Wir müssen bei den Spitälern im dreistelligen Millionenbereich sparen.

Und was bedeutet dies konkret für die einzelnen Spitäler?

Das wissen wir noch nicht. Wir können den Berner Bär aber nicht waschen, ohne den Pelz nass zu machen. Wir haben ausgerechnet, dass die Mehrbelastung im Zusammenhang mit der Mitfinanzierung der Privatspitäler (siehe Faktenbox) ab 2012 fast 300 Millionen Franken ausmacht. Für den Regierungsrat kommt dies nicht infrage. Er verlangt eine drastische Senkung der Mehrbelastung. Diesen Abbau können wir nicht mit ein paar kosmetischen Massnahmen machen.

Die einzelnen Spitalgruppen sind im Kanton Bern autonom. Sind sie überhaupt auf 2012 vorbereitet?

Sehr unterschiedlich. Einige haben ihre Hausaufgaben gemacht. Wir wissen aber alle noch nicht, was genau auf uns zukommt. Es sind noch viele Fragen offen. So wissen wir noch nicht konkret, wie es mit den Spitalinvestitionen laufen soll. Für einen Spitaldirektor ist dies aber kein Grund, sich nicht Gedanken zur Positionierung und zu Stärken und Schwächen zu machen.

Einen guten Ruf hat das Spital Thun. Können Sie sagen, wer die Hausaufgaben gemacht hat?

Thun geniesst in der Tat einen sehr guten Ruf. Ich will aber lieber keine Namen nennen. Es ist nicht unsere Aufgabe, den Spitälern zu sagen, was sie machen sollen.

Seitens einiger Spitäler gibt es aber Kritik, dass Sie zu passiv seien – etwa beim Simmentaler Spitalstreit.

Das war noch vor meiner Amtszeit. Im Simmental hätte es aber sicher nicht weniger getobt, wenn wir vom Schreibtisch von Bern aus diktiert hätten, welches Spital es nicht mehr braucht.

In ländlichen Regionen sind die Spitäler ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Dort gibt es nun Ängste, zu kurz zu kommen, während es im Raum Bern Überkapazitäten gibt.

Es stellt sich die Frage, ob die Spitäler in der heutigen Form noch das sind, was es für die Versorgung der ländlichen Regionen braucht. Ist ein Spital der richtige Faktor, um regionale Wirtschaftspolitik zu betreiben? Die Leute hängen mit Herzblut an ihrem Spital. Das verstehe ich. Aber wir müssen in die Zukunft schauen. Internationale Entwicklungen zeigen, dass spezialisierte Spitäler in wenigen Zentren konzentriert sind und in den Randregionen Gesundheitszentren die Grundversorgung wahrnehmen.

Spitalschliessungen sind ein sehr emotionales Kapitel. Was bedeutet der Abbau nun für kleinere Spitäler wie Langnau oder Burgdorf?

Das kann ich nicht sagen. Wir unterstützen die Umwandlung von Spitälern in Gesundheitszentren mit Pilotprojekten wie in Meiringen oder Huttwil. Wir wissen von Studien, dass das Spital für die Versorgung in Zukunft immer weniger wichtiger wird. Die Grundversorgung verlagert sich in spitalferne Einrichtungen. Mit Gesundheitszentren können wir zwei Fliegen mit einer Kappe schlagen. Wir stellen die ärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten sicher und bieten attraktive Arbeitszeitmodelle für junge Ärzte, welche nicht mehr bereit ist, sieben Tage die Woche in einer Einzelpraxis als eine Art Winkelried die Stellung zu halten.

Sie reden von Abbauplänen. Gerade im Raum Bern machen die Spitäler aber doch genau das Gegenteil und rüsten auf, um sich im Hinblick auf 2012 in Position zu bringen?

Logisch. Das machen alle – auch die Regionalspitäler im Emmental oder im Jura wollen wachsen. Das verstehe ich. Aber ist das Gesundheitswesen ein Bereich, wo wir als Planungsbehörde ein Wachstum zulassen dürfen? Wollen wir das?

Wann verhindern Sie also endlich den geplanten Kauf eines teuren Spitzenmedizingeräts des Zieglerspitals, welcher in der Kritik steht?

Diese Pläne stehen zu Recht in der Kritik. Wir können nicht einfach wegschauen, wenn ausserhalb des Leistungsauftrags teure, hochspezialisierte Geräte angeschafft werden. Es ist jedoch heikel: Wenn wir als Eigentümer eines Spitals ins operative Geschäft eingreifen, können wir die Spitäler auch direkt kantonalisieren und als Staatsbetrieb führen. Wir haben der Spital Netz Bern AG die Frage gestellt, ob sie sich das Gerät überhaupt leisten kann. Nun rechnen sie noch einmal. Das Risiko ist doch recht hoch.

Laut einer Studie werden Brustkrebspatientinnen in Spitälern schlecht behandelt, in denen die Fallzahlen gering sind. Wie sieht es in den bernischen Spitälern aus?

Das weiss ich nicht. Wir haben aber die Mindestfallzahlen intensiv diskutiert. Experten sagen, dass dies nur in einem geringen Prozentsatz der Fälle etwas bringt. Das Problem der Mindestfallzahlen ist, dass die Spitäler anfangen, Fälle zu generieren. Wir wollen nicht künstliche Fälle, nur um die Mindestzahl zu erreichen. (Der Bund)

Erstellt: 21.08.2009, 11:28 Uhr

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