«Spielen Sie mir eine Bloody Mary»

Von Matthias Raaflaub. Aktualisiert am 13.08.2010

Seit gestern regiert in der Berner Altstadt dank des Buskers wieder die Strassenmusik aus aller Welt. Am «Pianococktail» von Géraldine Schenkel gibts dazu auch noch Hochprozentiges – gemixt mit einem Klavier.

Géraldine Schenkel erfüllt an ihrer klingenden Bar mit Eigenkompositionen die Cocktailwünsche ihrer Zuhörer. (Adrian Moser)

Géraldine Schenkel erfüllt an ihrer klingenden Bar mit Eigenkompositionen die Cocktailwünsche ihrer Zuhörer. (Adrian Moser)

Kläglich kratzt die Nadel auf dem Grammofon, Ketten rattern, während ein Glas wie von Geisterhand über die Klaviatur fegt. Géraldine Schenkel ist die Meisterin eines surrealen Spektakels. Die Genferin sitzt im zu grossen, abgenutzten Anzug, mit müden Augen auf dem Hocker vor einem Piano. In ihrem «wahren» Leben ist sie Pianistin, komponiert Musik für Theaterdarbietungen oder Zirkusaufführungen. Am Berner Strassenmusikfestival Buskers wird sie auf dem Münsterplatz zur Zauberin, die ihrem Instrument Dinge abringt, die nicht ganz von dieser Welt zu sein scheinen. Ihres ist ja auch kein gewöhnliches Klavier. Ihre Stücke destillieren zu Hochprozentigem. Géraldine Schenkel spielt das «Pianococktail».

«Ich nehme die Bloody Mary», sagt einer der Passanten, die sich innert Kürze um die Pianistin versammelt haben, seit sie das erste Mal in die Tasten griff. Nach ein paar dezenten Vorbereitungen, einem Griff hier und da, beginnt das Kurzkonzert. Nach ein paar Tonläufen kommt das Glas unter der Wodkaflasche zum Stillstand. Jetzt stemmt sich Schenkel mit dem ganzen Unterarm auf die Tasten – und im Rhythmus des Stücks spritzen ein paar Zentiliter der Spirituose ins Glas. Dann zieht die Melodie weiter, mit ihr der Wodka. Jetzt zwei dissonante Akkorde – zwei Portionen Tomatensaft ergiessen sich in das Wässerchen, der nächste Tonlauf beschleunigt die Fahrt erneut. Im Staccato entlockt die Musikerin der Tabascoflasche ein paar Tropfen – «ich habe etwas Mühe, sie zu justieren, vielleicht ist er etwas scharf geraten», sagt sie später. Nach einer wilden Fahrt erreicht der Cocktail schliesslich die Pfeffermühle, irgendwo über der dritten Lage der Klaviatur. Schenkel greift an einen grossen Holzgriff. Es klingelt zweimal. Voilà.

Gestern Abend ist der Startschuss zum Buskers 2010 gefallen. Bis Samstag treten in der unteren Altstadt unter freiem Himmel 142 professionelle Musiker und Künstler auf. Auch bei der siebten Ausgabe hat es der Band-Cocktail der künstlerischen Ko-Leiterin Lisette Wyss in sich. Musik von Folklore und Mundart bis Jazz und Rock kommt aus 42 Nationen nach Bern. Daneben bietet der «Bizaar» auf dem Münsterplatz auch Darbietungen, die nicht nur das Trommelfell animieren. Das «Pianococktail» gehört dazu. Hier muss der Kunde auch mal selbst Hand anlegen und trägt dann die Verantwortung für die Stärke seines Drinks.

In einem Sinne ist Schenkel aber eine gewöhnliche Barpianistin: «Um es spielen zu hören, muss man trinken», sagt sie. Das Klavier erklingt nur bei Bestellung. Rund ein Dutzend Cocktails stehen zur Auswahl, auch alkoholfreie Stücke sind im Angebot. Den Preis für den Apéro bestimmt ein Glücksrad. «Sie dürfen natürlich auch mehr geben, wenn Sie möchten», sagt Schenkel zu den Passanten. Das Hutgeld ist für die Künstler die einzige Einnahmequelle. «Und die Alkoholflaschen sind eben auch nicht günstig», sagt sie mit einem Lächeln.

«Solche Künstler ermöglichen einen anderen Kontakt mit dem Publikum», sagt Wyss. Beim «Pianococktail» kommen die Passanten mit der Pianistin auch einmal ins Gespräch. Und das Hindernis Sprachbarriere senkt sich nach einem degustierten Cocktail schnell. Darüber, dass sie die Berner mit ihrem Spektakel zum Trinken verführt, macht sich Schenkel keine Sorgen. «Gefährlich wird es erst, wenn man alle Stücke hören will», sagt sie schmunzelnd. Das scheint am Buskers die einzige Gefahr zu sein. Bei den übrigen musikalischen Leckereien, die das Festival heuer serviert, ist Zurückhaltung fehl am Platz.

Das siebte Strassenmusikfestival Buskers findet bis am Samstag in der Altstadt von Bern statt. Alle Musiker und Künstler sind während dreier Tage zwischen 18 und 24 Uhr mehrmals zu hören. Festival- und Gönnerbändeli sind für 10 respektive 20 Franken erhältlich. (Der Bund)

Erstellt: 13.08.2010, 08:20 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Bern

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Telefonbuch

Marktplatz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Specialist Regulatory Affairs Phonak AG, Stäfa, Stäfa

CONTROLLING-SPEZIALIST Medici & Sprecher AG, OW UR SZ ...

Technischer Projektleiter (Ingenieur / Mikrotechniker) (m/w) advisca gmbh, BE