Sozialhilfebezüger werden auf die «Arbeitsprobe» gestellt
Von Rahel Bucher. Aktualisiert am 17.06.2010 1 Kommentar
Ausgestattet mit Mülltonne, Schaufel, Besen und einer Zange mit langem Griff ziehen seit Anfang Juni einige Sozialhilfebezüger durch Berner Quartiere, um den Dreck von anderen aufzuräumen. Mit dem Pilotprojekt «Testarbeitsplätze» will das Sozialamt der Stadt Bern während jeweils eines Monats die Arbeitsmotivation von Sozialhilfeempfängern prüfen und Schwarzarbeit besser erkennen. Das Projekt dauert vorerst ein Jahr und kostet 676 000 Franken. Der Kanton beteiligt sich an den Kosten.
«Die Zielgruppe des Projekts sind Leute, die nicht kooperieren», sagt Jürg Fassbind, Leiter Kompetenzzentrum Arbeit. Von den acht für Juni angemeldeten Sozialhilfeempfängern haben nur fünf die Arbeit aufgenommen. Mittlerweile sind nochmals zwei abgesprungen, wie Simona De Berardinis, Sektionsleiterin beim Sozialdienst der Stadt Bern, sagt. Übrig geblieben sind drei Sozialhilfebezüger, die im Moment auf Test arbeiten – Platz hätte es für zehn.
Aktiviert und motiviert
«Mir öffnet der Arbeitseinsatz die Augen», sagt Niklaus Steiner (Name von der Redaktion geändert). Er sei wieder motiviert, sich zu bewerben. Am liebsten würde er auf dem Bau arbeiten. «Ich weiss am Abend, was ich getan habe», sagt sein Arbeitskollege Alex Bangerter, der froh ist, wieder eine Tagesstruktur zu haben. Eingesetzt werden sie bei der Citypflege, einem Arbeitsintegrationsprojekt für ausgesteuerte Langzeitarbeitslose des Contact-Netzes Bern. Dort kümmern sie sich um die Reinigung und die Pflege von Grünanlagen. «Wir verstehen uns als eine Art Aktivierungsmassnahme», sagt Peter Mürner, Leiter der Citypflege. In einem Luftschutzkeller im Schulhaus Wankdorf wurden eine Garderobe, ein Aufenthaltsraum und Lagermöglichkeiten für das Material eingerichtet. Von hier aus machen die Sozialhilfebezüger ihre Reinigungstouren. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt für ein Vollzeitpensum 40 Stunden. Dafür erhalten sie einen Grundlohn von 2600 Franken. Die Entlöhnung sei etwas höher als der Betrag, den sie sonst von der Sozialhilfe bekommen würden, sagt Fassbind.
Konsequenzen für Verweigerer
«Am Anfang habe ich mich extrem geschämt», sagt Steiner. Er habe sich etwas anderes vorgestellt. Er dachte eher an Gärtner- als an Reinigungsarbeiten. Mittlerweile habe er das Gefühl, dass viele Leute seine Arbeit schätzten. «Vor allem ältere Menschen bedanken sich», sagt er. Ähnlich ging es Bangerter. Doch er habe die Arbeit schnell positiv gesehen. Zudem mache er einen Dienst für die Öffentlichkeit und lerne ein Arbeitsfeld kennen, in dem die Jobs bestimmt nie ausgehen werden. Eine Festanstellung in der Citypflege könnte er sich gut vorstellen.
So tönt es vonseiten der motivierten Sozialhilfebezüger. Die Verweigerer des Einsatzes dagegen werden bald die Konsequenzen spüren. «Ihnen wird per Ende Monat die Sozialhilfe eingestellt», sagt De Berardinis. «Das Absolvieren des Arbeitseinsatzes ist in der Regel Voraussetzung für den Bezug von Sozialhilfe», sagt auch Felix Wolffers, Leiter des städtischen Sozialamts. Die Sozialhilfe ganz einzustellen, könne er sich nur in gravierenden Fällen und bei Einzelpersonen vorstellen. «Wir lassen niemanden verhungern.» Bei den aktuell Betroffenen handelt es sich um Einzelpersonen. Wie man vorgehen wird, falls eine ganze Familie vom Sozialhilfeausfall betroffen wäre, weiss man nicht genau. «Gerade wenn Kinder involviert sind, würden wir die Sozialhilfe nur zum Teil einstellen», sagt De Berardinis.
Das Berner Modell für Testarbeitsplätze betrifft nicht alle Sozialhilfeempfänger. Konzipiert ist es für diejenigen, deren Arbeitsfähigkeit oder -wille man nicht hinreichend einschätzen könne, sagt Wolffers. Auch der Verdacht, dass jemand ungerechtfertigt Sozialhilfe bezieht, weil er daneben einer nicht deklarierten Arbeit nachgeht, kann ein Grund sein. Allerdings müsse die Gesundheit der Person einen Einsatz zulassen. Im Moment betrifft die Massnahme vor allem jüngere Sozialhilfeantragsteller.
Zugang nicht erschweren
Dadurch unterscheidet sich das Berner Pilotprojekt von dem Projekt «Passage» der Stadt Winterthur. Dort sind alle Personen, die Sozialhilfe beantragen, zu einem einmonatigen Arbeitseinsatz verpflichtet. Dadurch will man den Zugang zur Sozialhilfe bewusst erschweren. In Bern dagegen soll das neue Abklärungsinstrument den Zugang zur Sozialhilfe nicht generell erschweren. Trotzdem sei die erste Reaktion auf die Zuweisung für einen Testarbeitsplatz meistens grosser Widerstand, sagt De Berardinis. Für Juli sind laut De Berardinis sieben Sozialhilfeempfänger angemeldet. Wie viele von ihnen den Arbeitseinsatz antreten werden, wird sich zeigen. (Der Bund)
Erstellt: 17.06.2010, 07:55 Uhr
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Sibylle Weiss
Man sagt, man lasse niemanden verhungern.Dies gilt wahrscheinlich nur für Familien mit Kinder. Aber was ist mit dem Rest.Aus dem Bericht ist ersichtlich,dass es durchaus auch ARBEITSWILLIGE Sozialhilfeempfänger gibt,was f.mich wiederum heisst,dass die Soz.hilfeempfänger nicht unbedingt freiwillig zu Soz.Empfänger wurden! Antworten