Smartvote ertappt die Schäfchen im Abseits
Von Dölf Barben. Aktualisiert am 09.02.2010 1 Kommentar
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Smartvote
Das Prinzip der Online-Wahlhilfe Smartvote ist ähnlich wie jenes der Partnerwahl im Internet: Kandidierende und Wählende beantworten die selben Fragen – der Computer ermittelt die Übereinstimmungen. Er befördert aber auch Abweichendes ans Tageslicht: Beispielsweise Kandidierende, die sich mit ihren Antworten ein bisschen ins Abseits manövriert haben – und nicht wissen, warum.
«Ich habe selber auch gestaunt, als ich das Resultat sah und merkte, wie weit links ich bin.» In der Tat: Der 59-jährige SVP-Kandidat Urs Semling aus dem oberaargauischen Madiswil ist ein Ausreisser, grafisch betrachtet jedenfalls. Im Koordinatennetz der Online-Wahlhilfe Smartvote, das auf die beiden Achsen links-rechts und liberal-konservativ ausgerichtet ist, landete er etwas links der Mitte. Und damit Welten entfernt von den fünf anderen Oberaargauer SVP-Kandidierenden, die bis gestern die über 60 Politik-Fragen von Smartvote beantwortet haben und seither, fürs interessierte Publikum sichtbar, politisch verortet sind.
Er habe die Fragen «ganz nach Bauchgefühl» beantwortet, sagt Semling. Warum und bei welchen Antworten es im Vergleich zu seinen Kollegen zu Abweichungen kam, habe er nicht analysiert, womöglich sei da und dort seine soziale Ader zum Ausdruck gekommen. An seiner Parteizugehörigkeit zweifelt Semling jedoch keine Sekunde: «Ich bin absolut in der richtigen Partei. Meine Gesinnung ist rechter als rechts.»
Von den 1937 Frauen und Männern, die für einen Sitz im Grossen Rat kandidieren und an den Wahlen vom 28. März teilnehmen, haben bis gestern Nachmittag über 860 die Smartvote-Fragen beantwortet. Sogenannte Wahlempfehlungen wurden im Gegenzug schon etwas über 3800 ausgegeben. Die vor sieben Jahren von jungen Politologen lancierte Online-Wahlhilfe beruht auf Gegenseitigkeit: Die Kandidierenden beantworten Fragen. Die Wählenden beantworten die gleichen Fragen. Und der Computer vergleicht alles mit allem und spuckt eine Liste mit den Namen der Kandidierenden aus, deren Ansichten mit den eigenen am meisten übereinstimmen. Es ist wie Partnerwahl im Internet. Aber: Nicht ganz alle Smartvote-Fragen sind ganz einfach zu beantworten. Oder anders gesagt: Nicht bei jeder Frage ist sofort erkennbar, woher der Wind weht. «Würden Sie es befürworten, wenn anstelle von Hausaufgaben sogenannte Aufgabenstunden nach dem Unterreicht eingeführt würden?», lautet beispielsweise eine der sechs Fragen im Bereich Bildung und Forschung.
Gerade weil der Fragebogen nicht so ohne Weiteres zu durchschauen ist und teilweise recht viel politisches Wissen voraussetzt, ist ein Gedanke naheliegend: Die Parteizentralen helfen ihrer Kandidatenschar beim Ausfüllen. Sie wollen schliesslich nicht, dass sich ihre Schäfchen auf dem Koordinatennetz verirren und damit das Profil der Partei aufweichen.
Vorgaben «schlagen nicht durch»
Daniel Schwarz, Politologe an der Universität Bern und einer der Smartvote-Gründer, bestätigt die Vermutung: «Das gibt es», sagt er. Da und dort zirkulierten Wegleitungen und Musterfragebogen. Es gebe aber keinen Grund, etwas dagegen unternehmen zu wollen. Denn erstens sei jeder für seine Antworten selber verantwortlich. Zudem: Wenn jemand der Partei zuliebe seine Überzeugungen verleugne, werde er dies später wohl auch im Parlament tun. Zweitens aber, sagt Schwarz, hätten er und seine Kollegen festgestellt, dass solche Hilfestellungen «nie voll durchschlagen». Die Kandidierenden betrachteten solche Papiere zwar als Orientierungshilfe, beantworteten die Fragen aber trotzdem frei – insbesondere die Fragen, die ihnen persönlich sehr wichtig seien.
Über die Parteizentralen lässt sich die Existenz solcher Wegleitungen nicht nachweisen. Zu Beginn des Wahlkampfs stünden Kandidatenschulungen auf dem Programm, sagt Aliki Panayides, Geschäftsführerin der bernischen SVP. Bei dieser Gelegenheit würden die Leute ermuntert, bei Smartvote mitzumachen. Inhaltlich gebe es jedoch keine Vorgaben. Neulinge würden lediglich darauf hingewiesen, sich bei Problemen an erfahrene Kandidaten zu wenden.
Ausreisser? Wo ist das Problem?
Ähnlich tönt es bei anderen Parteien und auch bei der EVP, die weitaus am meisten Kandidatinnen und Kandidaten in den Wahlkampf schickt (und bei der deshalb der Anteil der Unerfahrenen am grössten sein dürfte): Smartvote sei ein «für uns sehr gutes Instrument», sagt Co-Geschäftsführer Gallus Tannheimer. Den Kandidaten werde deshalb mitgeteilt, «dass es gut wäre», wenn sie mitmachten. Mehr aber nicht. Selbstverständlich gebe es Kandidaten, die unsicher seien und deshalb Hilfe anforderten – zum Beispiel bei Fragen, welche die nationale Politik betreffen. Aber schliesslich, sagt Tannheimer, stellten die Ausreisser gar kein Problem dar. Als Volkspartei sei das politische Spektrum der EVP relativ gross.
Da hat er recht: Auch bei anderen Parteien – vor allem bei den grossen Bürgerlichen – hängen die Kandidaten weit verstreut im Koordinatennetz. Anders bei SP und Grünen: Hier sieht die Grafik oft so aus, als hätte ein Zen-Mönch sich im Bogenschiessen geübt.
Haarscharf am rechten Rand
Auch die befragten Kandidaten selber wollen nichts von Wegleitungen wissen: «Es gibt keinerlei Instruktionen», sagt Patrick Freudiger, Langenthaler Stadtrat und Vizepräsident der Jungen SVP Kanton Bern. Er selber befindet sich auf der Grafik, auf der Urs Semling nach links abgedriftet ist, bloss zwei Millimeter vom rechten Rand entfernt. Wie hat er das geschafft? Er habe darauf verzichtet, Fragen mit «eher ja» oder «eher nein» zu beantworten, sagt er. Wer in einem Parlament sitze, könne ja auch nicht so abstimmen. Aber keinesfalls habe er den Fragebogen mit dem Ziel ausgefüllt, möglichst weit nach rechts zu gelangen. Wer so vorgehe, sei schlecht beraten; denn einige Fragen seien in Bezug auf ihre Auswirkungen auf der Grafik «etwas unberechenbar».
Aber nicht alle: Bei vielen Fragen ist rasch klar, worauf sie hinauslaufen – etwa dann, wenn es um Polizei und Sicherheit geht. Er sei überzeugt, sagt deshalb BDP-Grossrat Lorenz Hess, dass es Kandidaten gebe, die bei Smartvote darauf aus seien, ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln. «Es ist wie beim Liebestest in der ,Glückspost». Wer das Ergebnis «feuriger Liebhaber» anstrebe, kreuze bei seiner Automarke auch nicht Renault an – «sondern Ferrari».
Und im Übrigen habe er «auch schon gehört», dass es Parteien gebe, die den Kandidaten beim Ausfüllen helfen, sagt Hess. Belegen könne er es aber nicht. Bei der BDP sei dies aber nicht der Fall: «Es gibt keine inhaltlichen Tipps.» Smartvote sei sowieso nur dann interessant, «wenn die Fragen ganz ehrlich beantwortet werden». (Der Bund)
Erstellt: 09.02.2010, 13:38 Uhr

















Walter Sahli
Urs Semling wird mit "Meine Gesinnung ist rechter als rechts." zitiert. Wenn einer sagt, seine Gesinnung sei linker als links, dann wird er sehr wahrscheinlich als roter Hund bezeichnet. Welche Farbe müsste demnach Semling zugeordnet werden? Ob Semling wohl weiss, was er sagt??? Antworten