Seydou Doumbia: «Ich denke, ich denke, ich denke, voilà »
Von Thomas Schifferle, Vanderbijlpark. Aktualisiert am 14.06.2010
Der erste Konvoi wird von einem Polizeiauto angeführt und einem zweiten abgeschlossen. Dazwischen reihen sich neun Limousinen und Jeeps. Funktionäre werden gut bewacht ins Quartier ihrer Mannschaft zurückgebracht. Der zweite Konvoi, der die Strasse zum Hotel unten am Fluss herunterkommt, ist noch eine Spur eindrücklicher. Voraus zwei Polizeiwagen, dahinter der Mannschaftsbus, gefolgt von einem Polizeiwagen, drei Materialwagen, zwei Polizeiwagen, einer Limousine, einem Krankenwagen und einer Limousine.
Es macht etwas her, wenn die Delegation der Elfenbeinküste durch Vanderbijlpark kurvt. Hier haben die Elefanten ihre Basis, nur drei Kilometer vom Hotel der Schweizer entfernt. Auch ihr Gelände ist bestens abgeschirmt, überall Sicherheitsleute mit wachsamem Blick. Auf dem Mannschaftsbus steht: «Elefanten, kämpft um den Sieg.»
Zum zweiten Mal sind sie an einer WM dabei. 2006 in Deutschland gaben sie ihr Debüt und waren nach 1:2-Niederlagegen gegen Argentinien und Holland frühzeitig ausgeschieden. Mit dem 3:2 gegen Serbien-Montenegro taten sie etwas für die statistische Ehre. Jetzt hat es das Los wieder nicht nett mit ihnen gemeint: Diesmal sind es Brasilien und Portugal, die sich vor ihnen aufbauen.
Mit fetten Kopfhörern
Im Gartenpavillon laden die Ivorer zur Pressekonferenz. Der Kreis der Journalisten ist klein. Aruna Dindane kommt, in seinem Schlepptau Seydou Doumbia, ungeduscht noch nach dem morgendlichen Training, aber ausgerüstet mit fetten Kopfhörern. Die beiden setzen sich hinter die Mikrofone. Didier Drogba ist das erste Thema, der Chefbulle der Elefanten. Vor zehn Tagen hat er sich bei einem Test im Sittener Tourbillon den Ellbogen gebrochen. Es ist ein schwerer Schlag gewesen für das Team. «Er ist nicht nur unser Stürmer», sagt Dindane, «er ist unser Bruder, unser Leader, unser Idol.»
Doumbia wird gefragt: «Seydou, spielst du jetzt?» Doumbia sagt: «Ich bin gut aufgenommen worden, die Mannschaft ist eine Familie. Donc, voilà , ich habe gut trainiert.» Er ist froh, hat er die Antwort hinter sich gebracht. Dindane ist es, der mehr redet, er ist mit seinen 30 auch schon weit erfahrener und hat in seinem Palmares zwei WM-Tore, doppelt so viele wie der grosse Drogba.
Respektable Adressen des europäischen Fussballs
Die Ivorer bauen auf Spieler, die an respektablen Adressen des europäischen Fussballs engagiert sind. Kolo Touré: Manchester City, Yaya Touré: Barcelona, Emmanuel Eboué: Arsenal, Salomon Kalou und Drogba: Chelsea, Kader Keita: Galatasaray, Guy Demel: Hamburg, Artur Boka: Stuttgart …
... Und ihr Trainer ist der vielgereiste Schwede Sven-Göran Eriksson. «Es gibt nicht 500 000 Taktiken», sagt Dindane, gefragt nach Eriksson, der erst seit drei Monaten im Amt ist, «unser Trainer bringt seine Erfahrung ein.» Das ist ja schon einmal etwas.
Am liebsten schweigt er Doumbia schaut zwischendurch mit starrem Blick ins Leere, manchmal lächelt er, am liebsten schweigt er. Ein Conférencier ist er nur, wenn er spielt, wie die letzten zwei Jahre für die Young Boys. In dieser Zeit erzielte er 51 Tore in der Meisterschaft, was ihm einen Millionenvertrag beim ZSKA Moskau eingebracht hat. Und jetzt heisst die Frage: «Seydou, wie viele Tore schiesst du an der WM?» Doumbia sieht es einfach: «Manchmal treffe ich, manchmal treffe ich nicht. Wenn ich treffe, ist es wunderbar. Voilà .» Voilà sagt er gerne und oft. Bei ihm bedeutet das so viel wie «äh».
Portugal als erster Gegner
Portugal ist morgen Dienstag der erste Gegner. Vielleicht darf Doumbia spielen, anstelle Drogbas, der zumindest wieder leicht trainiert. «Seydou», fragt einer, «was muss man gegen Portugal machen?» Doumbia studiert, sagt: «Ich denke», studiert nochmals, sagt nochmals, «ich denke», bevor er zum Schluss kommt, «ich denke, wir müssen kämpfen.» Er lacht.
Bald ist der Termin vorbei. Einem ivorischen Journalisten schreibt Doumbia seine Telefonnummer auf: «Du musst halt versuchen, ob sie stimmt.» Zwei Russen möchten ihn in Trachtenstiefel ihrer Heimat fotografieren. «Soll ich die anziehen?», fragt er. Der Pressechef der Elfenbeinküste sieht das und ruft energisch: «Nein! Nein!» Er nimmt Doumbia an der Hand und reisst ihn weg. Dann schlägt er ihm die flache Hand auf den Rücken. Doumbia versteht die Zeichen. Er rennt zurück auf sein Zimmer. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.06.2010, 10:55 Uhr
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