Seilparks sollen sicherer werden
Von Sebastian Meier. Aktualisiert am 15.03.2010
Auf einer Plattform in gut sechs Metern Höhe kauert eine junge Frau in einer Baumkrone. Am Boden macht man sich derweil für den Rettungseinsatz bereit. «Wie viele Umlenkkarabiner brauchst du?», fragt der Einsatzleiter. «Zwei», antwortet ein Retter. Der Leiter kreuzt auf seinem Bewertungsbogen in der Kategorie «Richtiges und vollständiges Material vorbereitet» eine Vier an. Die Vier steht für «Vorgang vollständig ausgeführt».
Knapp drei Wochen vor Saisonbeginn wird im Seilpark Ropetech beim Thunplatz in Bern der Ernstfall geprobt. Erstmals werden hier Seilparkangestellte aus der ganzen Schweiz anhand des internationalen Standards der European Ropes Course Association (Erca) ausgebildet und geprüft. Der Ropetech in Bern ist schweizweit der erste und einzige Seilpark, der die ein- bis zweitägigen Kurse durchführen und die Zertifikate vergeben darf.
Zertifikat als Wettbewerbsvorteil «Bis anhin gab es in der Schweiz keine einheitlichen Kriterien für die Ausbildung von Seilparkmitarbeitern», sagt Pit Bangerter, Betreiber des Ropetech und Präsident des Verbands Schweizer Seilparks, dem rund die Hälfte der 30 bestehenden Parks angeschlossen sind. Jeder der Parks habe sein Personal nach eigenem Gutdünken rekrutiert und ausgebildet. Mit einem international anerkannten Zertifikat könne nicht nur die Sicherheit für den Kunden verbessert werden, sagt Bangerter. Der einheitliche Sicherheitsstandard sei auch eine Orientierungshilfe für die Seilparkbesucher und damit nicht zuletzt im Wettbewerb mit anderen, nicht zertifizierten Seilparks von Bedeutung. Schliesslich sei das Zertifikat auch juristisch relevant. Wenn es bei Unfällen darum gehe, eine allfällige Fahrlässigkeit des Personals abzuklären, sei es von Vorteil, sich auf internationale Standards berufen zu können.
Grundsätzlich hohe Sicherheit Die Initiative für die Vereinheitlichung sei indes nicht als Reaktion auf Sicherheitsmängel zurückzuführen, betont Bangerter. Im Gegenteil sei das Risiko, sich in einem Seilpark zu verletzen, relativ niedrig. «Im letzten Jahr haben wir schweizweit ein knappes Dutzend Unfälle mit ambulanter Behandlung registriert.» Auf die Gesamtbesucherzahl von um die 350 000 Personen sei dies ein vernachlässigbarer Wert.
Bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) bestätigt man die Einschätzung des Verbandspräsidenten. Laut Angela Zobrist, Mediensprecherin der Suva, sind die schweizerischen Seilparks grundsätzlich sicher. «Wir hatten nur vereinzelt Unfallmeldungen.» Handlungsbedarf sehe man insofern keinen, «die Seilparks sind aus der Sicht der Unfallversicherer gegenüber anderen Outdoor-Aktivitäten zweitrangig».
Trotzdem gehöre das Bergen von Kunden in einem Seilpark zum Tagesgeschäft und könne ohne ausreichende Ausbildung der Angestellten schnell zu brenzligen Situationen führen, erklärt Bangerter. Es komme immer wieder vor, dass es etwa Kinder in den Baumwipfeln mit der Angst zu tun bekämen oder dass leicht verletzte Parkbesucher den Abstieg allein nicht mehr schaffen würden. Auch für akute Evakuierungsszenarien – etwa einen aufziehenden Sturm – müssten die Seilparkangestellten gewappnet sein.
Seilparks boomen in der Schweiz Seilparks sind in der Schweiz ein relativ junges Phänomen. Im Jahr 2001 hangelten sich die ersten Erlebnishungrigen durch Schweizer Baumkronen. Seither entstanden rund dreissig Seilparks, davon sieben im Kanton Bern. Sieben weitere sind in Planung, darunter auch der Seilpark Wasserfallen im Baselbiet. Dort sind alle zehn angehenden Mitarbeiter dem Aufruf des Seilparkverbandes gefolgt und absolvieren den Kurs in Bern. Gerade für Neueinsteiger sei es wichtig, von kompetenten Seilparkveteranen auf das Unvorhersehbare vorbereitet zu werden, sagt Markus Erne, einer der künftigen Mitarbeiter. Dies gelte insbesondere auch für Situationen, die nicht simuliert werden können – etwa Kinder, die die Kooperation verweigerten, bewusstlose oder schwer verletzte Kunden.
Der Seilpark Wasserfallen will künftig alle neu rekrutierten Mitarbeiter in den Kurs nach Bern schicken. Das Zertifikat ist aber vorläufig für die Mitglieder des Seilparkverbandes nicht zwingend. «Dass alle Seilparkangestellten international zertifiziert sind, ist allenfalls ein Fernziel», sagt Bangerter.
Erneuerung nach drei Jahren Die Frau im Baum hat mittlerweile wieder festen Boden unter den Füssen. Oben auf der Plattform mimt nun ihr Retter den verängstigten Parkbesucher. Die Gerettete wird jetzt selbst zur Retterin. Nach dem Test in Bern wird ein parkspezifischer Kurs in ihrem Seilpark folgen. Weil sich die Seilparks technisch rasant weiterentwickeln, muss das Zertifikat nach drei Jahren mit einem Wiederholungskurs erneuert werden. (Der Bund)
Erstellt: 15.03.2010, 07:40 Uhr
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