«Seid ihr alle am Leben da draussen?»

Bruce Springsteen und seine E-Street Band gaben am Dienstagabend im Stade de Suisse ein überwältigendes Konzert. Besser kann Rock ’n’ Roll nicht klingen.

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Das Schwierigste für einen Musiker bleibt, gegen seine eigenen Höchstleistungen anzutreten. Erst recht für einen wie ihn, der für seine mitreissenden, stundenlangen Konzerte bekannt geworden ist, vor allem in Stadien, vor einem Massenpublikum. Jedes Mal erwartet man von Bruce Springsteen einen weiteren Höhepunkt, egal wie viele er schon gefeiert hat, egal wie alt er seither geworden ist.

Ihn scheint das nicht zu kümmern. Er kommt mit wiegenden Hüften auf die Bühne, küsst seinen Saxofonisten, packt die Gitarre und legt los. Nach «Badlands», dem ersten Stück seines zweieinhalbstündigen, triumphalen Konzertes, hat er das Publikum so weit wie andere nach der letzten Zugabe. «Is everybody alive out there?», schreit er in den aufbrausenden Applaus hinein, zählt den nächsten Song an, dann den übernächsten: one, two, three, four.

Schweissnass und hemmungslos

Dabei gelingen auch neue Stücke wie «Outlaw Pete» oder «Working on a Dream», die auf Platte seltsam matt klingen, in Bern aber mühelos überzeugen. Spätestens mit der grossartigen Version von «Seeds», einem Outtake aus der Erfolgsplatte «Born in the USA», wird restlos klar: Bruce Springsteen spielt und singt so gut, wie man ihn je gehört hat.

Schweissüberströmt steht er am Bühnenrand und drischt auf seine Gitarre ein, hemmungslos. Der Mann wird in drei Monaten sechzig; er gibt einem das Gefühl, als werde er zum ersten Mal auf ein Publikum losgelassen. Das gilt diesmal auch für seine E-Street Band, von der sich Springsteen zwischendurch getrennt hatte – und die trotz der Wiedervereinigung in den letzten Jahren oft enttäuschte. Diesmal begleitet sie ihren Boss mit derselben Spielfreude, die auch ihn durchglüht.

Lauter Höhepunkte

Und es spielt keine Rolle, dass sich seine Stücke mit ihren immergleichen Wendungen allzu ähnlich sind. Weil es hier nicht auf harmonische Vielfalt ankommt, sondern auf den schieren Enthusiasmus, mit dem Sänger und Band diese Songs aufführen, von denen sie weit über hundert eingeprobt haben. Damit auch das Publikum ein bisschen mitbestimmen kann, klettert der Sänger nach etwas über einer Stunde in die Menge, konfisziert ein paar Plakate mit Songwünschen drauf und erfüllt sie einen nach dem anderen. Zwei davon, «Downtown Train» und «Because the Night», klingen wie Gospelsongs, wie Gebete: zum Heulen schön.

Ein Gefangener des Rock ’n’ Roll

Längst hat man das Gefühl für Zeit und Raum verloren, dabei sind erst anderthalb Stunden vergangen, und er und wir haben Stücke wie «The River» «Born to Run» oder «Glory Days» noch vor uns. Als er sie singt, singen alle mit. Ganz zuletzt schreit er dem entfesselten Publikum zu, was allen im Stadion klar ist. «Ich bin ein Gefangener des Rock ’n’ Roll». Als brauche es noch einen Beweis dafür, singt er zum Abschied «Rocking All Over the World» von John Fogerty, eine weitere, eine letzte Hymne an das schiere Glück, am Leben zu sein. Was für ein Gefühl das ist. Was für ein Konzert das war. (Der Bund)

Erstellt: 01.07.2009, 15:11 Uhr

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