Segeln mit Kinderlähmung

Von Stefan Sonderegger. Aktualisiert am 15.08.2011

Die Behindertenorganisation Sailability expandiert ins Seeland und eröffnet am Bielersee eine Basis.

Tomas Tomka segelt - mit zerebraler Kinderlähmung.

Tomas Tomka segelt - mit zerebraler Kinderlähmung.
Bild: Manuel Zingg

Segeln für Behinderte im Seeland. Um dies zu ermöglichen, hat der Segelverein Sailability am Samstag auf der Wassersportanlage des Bundesamtes für Sport (Baspo) in Ipsach eine Segelbasis eröffnet. Nebst Arbon am Bodensee ist dies schweizweit der zweite Standort des behindertenfreundlichen Segelclubs – einen vergleichbaren Verein mit den nötigen Spezialbooten gibt es in der Schweiz sonst nirgends. Vor fünf Jahren, als Sailability in Arbon eine Basis eröffnete, startete man mit zwei Jollen. Heute sind es 14 Boote. Obwohl die Windverhältnisse am Bielersee am Eröffnungstag dürftig waren, steuerten behinderte Segler ihre Schiffchen aus dem Ipsacher Hafen.

«Ich bevorzuge starken Wind», sagt Tomas Tomka aus Bubendorf im Baselbiet. Der 19-jährige leidet an zerebraler Kinderlähmung und hat das Segeln diesen Sommer in einem einwöchigen Segelkurs für Behinderte gelernt. Angst vor dem Wasser hat der Gymnasiast keine, denn er kann schwimmen. Aus Spass habe er schon versucht, sein Boot zu kippen, aber es gehe wirklich nicht, sagt er. Denn die australischen Zweiplätzer besitzen ein mit Blei gefülltes Schwert, das ein Kentern praktisch verunmöglicht. Tomka segelt meist alleine und steuert das Boot mit einem Knüppel. Die Konstruktion ermöglicht es ihm, auch beim Wendemanöver sitzen zu bleiben. «Man muss aber schon etwas verstehen von den Windverhältnissen», erklärt er. Für den Notfall sei immer ein Motorboot im Wasser, das ihn an Land ziehen könne. Denn Sailability lässt seine Segler nicht unbeaufsichtigt auf den See. Tomka braucht die Hilfe der Instruktoren lediglich beim Einsteigen. «Einmal auf dem Wasser, finde ich mich allein zurecht.»

Kurse für geistig Behinderte

Sailability bietet auch Segelkurse für schwerbehinderte Menschen an. «Die einzige Bedingung fürs Mitmachen ist, dass die Teilnehmer aufrecht sitzen können», sagt Willi Lutz, Gründer und Präsident von Sailability Schweiz. So führt die Organisation etwa Segeltage für Menschen mit Downsyndrom durch, und die Boote sind auch geeignet für Rollstuhlfahrer. «Schwerstbehinderte brauchen natürlich mehr Betreuer», sagt der Arboner Arzt.

Für Lutz steht das Erlebnis im Vordergrund. Die Boote ermöglichten behinderten Menschen, sich frei auf dem Wasser zu bewegen, sagt er. «Wo sonst haben sie eine solche Freiheit?» Im Gegensatz zum Strassenverkehr könnten auch Schwerstbehinderte ein Schiff lenken, denn einen Segelschein brauche es für die kleinen Jollen nicht. Alt-Bundesrat Samuel Schmid, Stiftungsrat der Behindertenorganisation «Denk an mich» und prominenter Gast in Ipsach, pflichtet ihm bei: «Segeln gibt behinderten Personen ein Gefühl der Unabhängigkeit.» Er sei auch schon mitgesegelt und habe das gesehen.

Kran für Rollstuhlfahrer fehlt

Für den Betrieb einer unabhängigen Segelschule fehlt es Sailability in Ipsach an Personal. «Wir sind auf der Suche nach Instruktoren», sagt Lutz. Vorläufig würden die Leiter aus Arbon anreisen, wo die Organisation zwei Segellehrer beschäftigt. Zudem fehlt auf der Baspo-Anlage ein Kran, der es ermöglicht, schwere Rollstuhlfahrer in die Boote zu heben. Um dieses Problem zu lösen, will Lutz das Gespräch mit dem Baspo suchen, das die Anlage an Sailability vermietet. Der stellvertretende Baspo-Direktor, Walter Mengisen, ebenfalls unter den Gästen, hat ein offenes Ohr für die Anliegen von Sailability, wie er sagt.

In Zukunft will der Verein sechs Boote dauerhaft in Ipsach stationieren. Ob das Konzept so gut funktioniert wie in Arbon, hängt gemäss Lutz vor allem von den Behindertenorganisationen ab: «Nur, wenn die regionalen Institutionen mitmachen, haben wir Erfolg», sagt er. Sailability ist bisher gut auf Kurs. Die Sailability-Instruktoren trainieren sogar behinderte Segler für internationale Wettbewerbe. So gewannen zwei Schweizer Crews im Mai an den Europameisterschaften die Silber- und die Bronzemedaille der Access-Klasse. Auch bei Tomka sieht Lutz Potenzial: «Der Junge ist begabt», sagt er. Tomka winkt sogleich ab: «Nach nur einer Segelwoche ist es zu früh, an die Olympiade zu denken.» (Der Bund)

Erstellt: 15.08.2011, 08:35 Uhr

0

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.
Noch keine Kommentare

Bern

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Mitarbeiter/in Administration Esprit Personalberatung AG, Zürich

Sales- & Business SupporterIn Esprit Personalberatung AG, Zürich

Sachbearbeiterin/ Sachbearbeiter Buchhaltung 80 oder 100% Esprit Personalberatung AG, Glattbrugg