Bern

«Schüler leiden unter ständigem Druck»

Von Interview: Reto Wissmann. Aktualisiert am 12.08.2009

Der neue Verein Volksschule ohne Selektion will zur parteiübergreifenden Basisbewegung werden. Bei der Selektion spielten Wohnort, Geschlecht und sozialer Hintergrund eine grössere Rolle als Leistung, sagt Präsidentin Eva Baltensperger.

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Gründungsversammlung

Gestern Abend ist unter anderem auf Initiative der SP-Grossrätin Eva Baltensperger aus Zollikofen der Verein Volksschule ohne Selektion (VSOS) gegründet worden. Laut Statuten will der Verein «Einfluss auf die Bildungspolitik zur Abschaffung der Selektion» nehmen und über die Parteigrenzen hinweg «Personen und Organisationen vernetzen, die im Bildungsbereich auf eine selektionsfreie Volksschule hinwirken».

An der Gründungsversammlung gestern in Bern waren rund 40 Personen anwesend. Der Verein zählt derzeit 44 Mitglieder. Baltensperger wurde einstimmig zur ersten Präsidentin gewählt. (rw)

«Bund»: Frau Baltensperger, Ihr Verein heisst Volksschule ohne Selektion, abgekürzt VSOS. Ist die Volksschule in Not?

Eva Baltensperger: Ja, bezüglich Selektion ist sie tatsächlich in Not. Die Schülerinnen und Schüler leiden unter dem ständigen Selektionsdruck. Die Lehrpersonen sind ebenfalls in Not, weil die Selektion ihrem beruflichen Selbstverständnis einer bestmöglichen Förderung jedes Kindes widerspricht. Und auch die Gesellschaft ist in Not, weil das Resultat der Selektion nicht den Erwartungen entspricht.

Wie meinen Sie das?

Die Selektion soll zu besseren Leistungen führen. Unterdessen ist jedoch wissenschaftlich erwiesen, dass dies nicht funktioniert. Wohnort, Geschlecht und sozialer Hintergrund spielen bei der Selektion eine viel grössere Rolle als die Leistung. Realschülerinnen und -schüler werden diskriminiert und können ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Die Selektion widerspricht zudem dem Ziel, Chancengleichheit zu gewährleisten.

Was hat Sie persönlich angetrieben, diesen Verein zu gründen? Das Thema beschäftigt mich seit Jahren. Schon als Mutter habe ich mitbekommen, unter welchem Druck die Kinder stehen. Als Mitglied einer Primarschulkommission habe ich die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Selektion ebenfalls mitbekommen. Und auch als Lehrerin sehe ich, dass die Selektionsentscheide oft nicht dem Potenzial der Schülerinnen und Schüler entsprechen.

Dennoch hängt die Gesellschaft an der Selektion. Warum?

Ein grosser Teil der Gesellschaft denkt, man tue dem Kind etwas Gutes, wenn man es in möglichst homogenen Gruppen fördert. Es ist aber bekannt, dass die Kinder in leistungsheterogenen Gruppen stärker profitieren. Hinzu kommt, dass die Entscheidungsträger die Gewinner des heutigen Systems sind und gar kein Interesse an einer Änderung haben. Und schliesslich spielt auch das Menschenbild, wonach Leistung nur unter Druck erbracht wird, eine Rolle.

Wie sieht für Sie bezüglich Selektion die ideale Schule aus?

Sie nimmt ein Kind von Beginn weg als Wesen mit vielen Fähigkeiten wahr und fördert diese individuell ohne Selektionsdruck. Das heisst aber nicht, dass von den Kindern keine Leistung verlangt wird.

Was kann Ihr Verein erreichen, was linke Politikerinnen und Politiker in jahrelanger Arbeit nicht erreicht haben?

Wir wollen eine möglichst breite Basis für unser Anliegen schaffen und über die Parteigrenzen hinaus den Druck auf die Politik verstärken. Ausserdem wollen wir die erziehungswissenschaftlichen Forschungsergebnisse in der Bevölkerung bekannter machen.

Der grüne Erziehungsdirektor will das Thema auch bei der nächsten Volksschulgesetzesrevision 2012 nicht aufnehmen. Sind Sie enttäuscht?

Es ist nur realistisch, dass man die Selektion nicht bis 2012 abschaffen kann. Zu denken gibt jedoch, dass es zwischen der Bildungsstrategie und dem heutigen Selektionssystem Widersprüche gibt.

Zum Beispiel?

Einerseits soll das Potenzial des Einzelnen laut Bildungsstrategie ohne Diskriminierung gefördert werden, andererseits ist die Selektion nachweislich diskriminierend.

Wann können Sie die Auflösung des Vereins bekannt geben, weil er seine Ziele erreicht hat?

Da wage ich keine Prognose. Wir gehen jedenfalls von einer längerfristigen Tätigkeit aus. (Der Bund)

Erstellt: 12.08.2009, 09:03 Uhr

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