Scherbenhaufen in der Dampfzentrale
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 28.12.2011 6 Kommentare
Leiteten gemeinsam die Dampfzentrale: Christian Pauli und Roger Merguin. (Archiv: Franziska Scheidegger)
Kommentar: Führungsloser Dampfer
Auf dem Papier sieht alles prima aus: Die Eigenfinanzierung der Dampfzentrale übertrifft mit 50 Prozent die Vorgaben der Stadt Bern, in der Abstimmung im Mai hat das Berner Stimmvolk dem Dampfzentrale-Kulturvertrag mit über 70 Prozent zugestimmt, in einer kürzlich durchgeführten Umfrage wurde dem Backsteinhaus an der Aare ein überdurchschnittlich gutes Image attestiert.
Und dennoch gibt es – abgesehen von Reitschule und Stadttheater – keinen Berner Kulturbetrieb, über den leidenschaftlicher gestritten wird. Übersubventioniert sei er, poltern die einen, elitär, rufen die nächsten, ein Haus, das es in dieser Form in jeder grösseren Stadt geben müsste, meinen die anderen. Der Umstand, dass nun auch innerhalb des Hauses die Fetzen fliegen und der Dampfer quasi führungslos in die nächste Saison tuckert, wird die Lage nicht entspannen. Wohin soll die Reise gehen? Soll die Dampfzentrale eine Feierstätte der Avantgarde sein – wie es im Leitbild der jetzigen Führung gewünscht wird? Soll sie vom Nischen-Kurs abweichen und ein unverkrampfteres Verhältnis zur Popkultur pflegen? Wenn ja, wie ist das mit der Vorgabe der Stadt zu vereinbaren, keine nicht subventionierten Institutionen zu konkurrenzieren?
Auch wenn dies niemand bestätigt, werden hinter den Kulissen offenbar genau jene Machtspiele ausgetragen: zwischen einer Fraktion, die das Kulturhaus für ein breiteres Publikum öffnen will, und einer, die das bisherige scharfe Avantgarde-Profil bewahren möchte. Für beides gibt es gute Argumente, und es sind essenzielle Fragen, die sich ein derart exponiertes Haus ständig stellen muss. Umso eigenartiger mutet es an, dass nun just bei der Neubesetzung der Leitungsstelle die Diskussion ausgesetzt hat und vom Vorstand «vergessen» wurde, das bestehende Team in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen.
Gerade in einem Haus, dessen Profil nicht natürlich gewachsen ist, sondern auf dem Reissbrett der Kulturpolitik entworfen wurde, darf etwas mehr Demokratieverständnis erwartet werden. Die Diskussionen müssen weitergehen.
Ane Hebeisen
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Am Dientag hätte die neue Leiterin der Dampfzentrale der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen. Doch die designierte Nachfolgerin von Roger Merguin erteilte kurz nach ihrer Wahl dem Vorstand der Dampfzentrale eine Absage.
Gemäss Recherchen des «Bund» handelt es sich um die Ballettdramaturgin Bettina Fischer, die auch schon am Stadttheater Bern arbeitete und heute am Theater Basel tätig ist. Als Fischer am letzten Freitag der Dampfzentrale-Belegschaft vorgestellt wurde, musste sie realisieren, dass sie dort nicht willkommen ist. Am Heiligabend teilte sie dem Vorstand ihren Rückzug mit. Über diese Umstände schweigt sich der Vorstand der Dampfzentrale aus. Im gestern verschickten Mediencommuniqué teilt er lediglich mit, dass sich der Leitungswechsel verzögere, weil die gewählte Person die Stelle «wegen eines Unfalls im näheren Familienumfeld» nicht antreten könne. «Von der Absage sind wir überrascht worden», sagt Ruth Gilgen, Mitglied des Vorstands der Dampfzentrale.
Bisherige Co-Leiter zeigen sich alarmiert
Nicht nur wegen Fischers Absage steht der Vorstand vor einem Scherbenhaufen. Alarmiert zeigen sich Roger Merguin und Christian Pauli, die seit 2005 als Co-Leiter die Dampfzentrale zusammen führen. Nach Merguin wird nun auch Pauli die Dampfzentrale verlassen. Sein Abgang erfolgt allerdings nicht ganz freiwillig. Sein Vertrag ist bis Juli 2012 befristet. Das neue Stellenangebot, das ihm der Vorstand in Aussicht gestellt habe, sei für ihn nicht akzeptabel gewesen. Sei doch im neuen Leitungsmodell für ihn kein Platz vorgesehen, der seiner bisherigen Stelle entsprochen hätte.
In einer gemeinsamen Stellungsnahme nehmen Merguin und Pauli weiter mit Sorge zur Kenntnis, dass die Neubesetzung der Dampfzentrale-Leitung noch nicht geregelt ist, und weisen darauf hin, dass die Suche nach einem Leiter das Team der Dampfzentrale in den letzten sieben Monaten belastet habe.
Mehr als ein halbes Jahr hatte die Suche nach einem Ersatz für Roger Merguin gedauert. Merguin, der für den Tanz zuständig ist und eine 100-Prozent-Stelle hat, wechselt auf April 2012 ans Zürcher Theaterhaus Gessnerallee. Pauli ist im Rahmen seines 70-Prozent-Pensums für Neue Musik zuständig.
«Der Tanz hat mehr Gewicht»
In der Ausschreibung für die Nachfolge wurde nun das Stellenprofil für den Tanzverantwortlichen modifiziert: Dieser sollte künftig die Gesamtleitung der Dampfzentrale übernehmen. Zudem soll noch eine neue Assistenzstelle geschaffen werden, die die neue Leitung im administrativen Bereich entlastet. «Der Tanz hat gegenüber der Neuen Musik in der Dampfzentrale mehr Gewicht», sagt Ruth Gilgen. «Mit der Änderung der Leitungsstruktur will der Vorstand klarere Zuständigkeiten auf der operativen Ebene erreichen.»
Eine Änderung, die auch eine Reduktion von Paulis Pensum nach sich gezogen hätte, für den nur noch eine 50-Prozent-Stelle vorgesehen wäre. Ruth Gilgen betont, dass die Rückstufung Paulis nicht bedeute, dass man mit dessen Arbeit unzufrieden sei. «Christian Pauli war im neuen Modell als Spartenleiter Musik vorgesehen.»
Übergangene Belegschaft
Der Findungskommission gehörten neben den Vorstandsmitgliedern Nicola von Greyerz (Präsidentin), Ruth Gilgen, Ines Müller und Patrizia Mordini noch Margrit Bischof (Uni Bern), Gianni Malfer (Danse Suisse) und Carena Schlewitt (Kaserne Basel) an. Sie hatte die neue Leiterin aus 16 Bewerbungen aus dem In- und Ausland dem Vorstand zur Wahl vorgeschlagen. Die Belegschaft der Dampfzentrale war ins Auswahlverfahren nicht einbezogen worden. Erst nach einem Treffen in der Endrunde konnte Christian Pauli eine Stellungnahme zu seiner neuen potenziellen Vorgesetzten abgeben. «Wir haben vielleicht ein wenig voreilig reagiert und hätten die Belegschaft der Dampfzentrale früher einbeziehen sollen», räumt Ruth Gilgen ein. «Aber die Kündigung von Roger Merguin ist für uns ziemlich überraschend gekommen.» Die Zusammenarbeit mit der Dampfzentrale-Belegschaft werde sich nun ändern, verspricht Gilgen. «Es ist ein Superteam.»
Sie erinnert weiter daran, dass der Milizvorstand der Dampfzentrale erst seit zwei Jahren in dieser Zusammensetzung zusammenarbeite. Die Planung der Übergangszeit und der nächsten Saison sowie die Besetzung der Leitung wolle nun der Vorstand in Absprache mit der Belegschaft an die Hand nehmen.
Die Zeit drängt. Denn die neue Leiterin hätte ihre Stelle im August 2012 antreten, die Arbeit aber bereits nächste Woche im Rahmen eines Teilzeitpensums aufnehmen sollen. Die Leitung wird laut Ruth Gilgen nun neu ausgeschrieben. Ob das Stellenprofil weiter modifiziert wird, kann sie zurzeit noch nicht sagen. «Vielleicht kommen in der Diskussion mit der Belegschaft ganz neue Ideen auf.» (Der Bund)
Erstellt: 28.12.2011, 06:23 Uhr
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6 Kommentare
@herr huber - ich vermute, Sie haben noch nie ein kulturhaus von innen gesehen und kennen den unterschied nicht zwischen "event" und kultur. für ersteres gibt es auf dem markt viele agenturen, die das nach kundenwunsch organisieren. kultur funktioniert anders. die DZ strahtl überregional aus, veranstaltet professionell und hochstehend. der vorstand ist massiv in der verantwortung. Antworten
Ich weiss gar nicht, welches Wort hier angebracht ist: Unfähig? Typisch Berner Klüngel? Gedankenlose Mauschelei? 6 Monate zur Stellenbesetzung, man könnte meinen, die Leute müssten dankbar sein, in der Dampfzentrale arbeiten zu dürfen. Es graust mich, dass ich solche Sperenzchen und Brecheisenmethoden mit meinen Steuern mitfinanziere. Antworten
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