Schafft zwei, drei, viele Jazzwerkstätten!
Von Tom Gsteiger. Aktualisiert am 03.03.2010
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Ein Grosserfolg
Das dritte Festival der Jazzwerkstatt Bern, das am Sonntag zu Ende ging, war nicht nur in künstlerischer Hinsicht ein Grosserfolg. Mehr als 1500 Besucher frequentierten die fünfzehn Konzerte. Am Freitag und Samstag vermeldete der Progr gar ein ausverkauftes Haus. «Die Rechnung wird am Schluss vermutlich knapp aufgehen», sagt der Veranstalter Marc Stucki. Ein solches Festival sei nur zu finanzieren, weil die beteiligten Künstler sich mit marginalen Gagen zufrieden geben. «Wir vergüten die Musiker pro Auftritt mit 100 Franken, was einer Gagensumme von fast 12 000 Franken entspricht», so Stucki. Anlässlich des zweiten Festivals der Jazzwerkstatt Bern wurde eine CD mit Aufnahmen des ersten Festivals präsentiert. Rechtzeitig zum dritten Festival ist nun die CD mit Aufnahmen des zweiten Festivals fertig geworden. Zu beziehen über www.jazzwerkstatt.ch. (ane)
Seit einigen Jährchen vermehren sich Jazzmusiker wie die Karnickel. Was tun? Die drei unermüdlich-frohgemuten Malocher der Jazzwerkstatt Bern, Benedikt Reising, Andreas Schaerer und Marc Stucki, haben – inspiriert von mutigen Vorläufern in Wien und Graz – erkannt, dass dieses exponentielle Wachstum neben Risiken auch enorme Chancen birgt. Sie fördern nicht nur die Bildung von Banden, die ohne Scheuklappen durch ganz unterschiedliche Stilterritorien marodieren, sondern auch die Vernetzung der Szenen über Kantons-, Landes- und Kontinentsgrenzen hinaus.
Das dritte Festival der Jazzwerkstatt Bern war in puncto Jazzbiodiversität jedenfalls kaum zu übertreffen – das Spektrum reichte von massiven Bigband-Klängen bis zu ausfransendem Improgeblubber, von der sanftmütigen Solosängerin Nadja Stoller bis zum nicht ganz so sanftmütigen Rapper Black Tiger. Und dazwischen bewies das Kaleidoscope String Quartet, dass auch ein Streichquartett halbwegs zum Grooven gebracht werden kann.
Fünf lange Tage lang tummelten sich im Progr über 70 Musikerinnen und Musiker aus fünf Ländern – die Programmierung war konsequent auf die Schaffung grösstmöglicher Kontraste ausgerichtet. Das führte zu einer Achterbahnfahrt, die nicht immer ganz schwindelfrei verlief. Man tat gut daran, nicht nach einem roten Faden zu fahnden, sondern sich dem kunter- bunten Treiben ohne Scheuklappen hinzugeben.
Dass es gleich mehrere für Jazzverhältnisse relativ grosse Formationen zu hören gab, ist eigentlich angesichts der eingangs geschilderten Situation nur folgerichtig, wäre aber ohne die Bereitschaft der Beteiligten zur Selbstausbeutung nicht denkbar. Der Bonus des homo jazzicus ist der süsse Vogel Freiheit, auch als Pleitegeier bekannt.
Jetzt auch in Zürich
Eine dieser eigentlich gar nicht so grossen Grossformationen firmierte unter dem reichlich spröden Namen Zürcher Werkstatt-Kollektiv, womit bereits verraten ist, dass es nun auch in «Bern Ost» eine Jazzwerkstatt gibt, der die eigentliche Feuertaufe – das erste eigene Festival – noch bevorsteht. Die Vorpremiere verlief vielversprechend. Wenn nicht alles täuscht, orientieren sich die Zürcher Werkstatt-Jazzer stärker am intellektuellen New-New-York-Jazz als ihre Berner Kollegen und legen entsprechend weniger Wert auf Überraschungsmanöver und nassforsches Draufgängertum.
Während der Auftritt des 13-köpfigen Ballbreaker Ensembles, bei dem es sich sozusagen um das Flaggschiff der Jazzwerkstatt Bern handelt, als eine Art Gesamtkunstwerk-Happening mit leckerer Impro-Garnitur daherkam, bekam man beim Auftritt des achtköpfigen Zürcher Werkstatt-Kollektivs viele ausführliche, zwischen Emphase und Logik oszillierende Langstrecken-Improvisationen zu hören. Etwa vom Altsaxofonisten Tobias Meier, der sich als kluger Meister der schrittweisen Verdichtung erwies, oder vom melodiös-expressiven Posaunisten Silvio Cadotsch, der sich durchaus als Schlangenbeschwörer bewerben könnte.
Ein Wundertütensortiment
Den stärksten Beweis, dass viele Köche den Brei nicht unbedingt zu verderben brauchen, lieferte das Ballbreaker Ensemble, das seinen letztjährigen Auftritt mit einem total frischen Repertoire ganz klar toppte. Die Stücke, für die Musiker aus den eigenen Reihen und drei Gäste verantwortlich zeichneten, waren derart unterschiedlich, dass man geneigt ist, die Band als erstklassigen Gemischt- warenladen mit gigantischem Wundertütensortiment zu bezeichnen.
Die Extrempole wurden markiert von Lukas Frei, dessen klar durchstrukturierte Komposition sich unüberhörbar an den Gepflogenheiten des zeitgenössischen Bigband-Jazz orientierte, und von Fred Lonberg-Holm, der unter Zuhilfenahme einer Lämpcheninstallation und eines Kreidebretts eine etwas ziellos mäandrierende Kollektivkonzeptimpro anzettelte. Die meisten Stücke zeichneten sich durch eine prägnant-furiose, mal vertrackte, mal fadengrade Rhythmik aus (mit zwei entfesselten Schlagzeugern), und der Faktor Humor kam nicht zu kurz. So spielten zum Beispiel bei Beat Kellers Stück «Mouthpieces» tatsächlich alle Bläser nur auf ihren Mundstücken. Kommt hinzu, dass die muntere Truppe in der Person von Benedikt Reising nicht nur über einen quirligen Altsaxofonisten, sondern auch über einen schalkhaft-originellen Ansager verfügt. Erfreut nahm man zur Kenntnis, dass das Ballbreaker Ensemble demnächst coram publico seine erste CD aufnehmen wird: am 29. und 30. April im BeJazz-Club in den Vidmarhallen. (Der Bund)
Erstellt: 03.03.2010, 16:28 Uhr
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