Bern

Rummel in der Auenlandschaft

Von Sarah Nowotny und Inka Grabowsky. Aktualisiert am 06.10.2010 1 Kommentar

Noch ein paar Tage lang kann man auf der Engstligenalp bei Adelboden Golf spielen – mit «mobilen» Löchern. Im Winter soll dann eine Natureisbahn folgen. Der Naturschutz lehnt den Rummel indes ab.

Auf 2000 Metern über Meer kann man im Oberland noch bis zum 10. Oktober Golf spielen. (zvg)

Auf 2000 Metern über Meer kann man im Oberland noch bis zum 10. Oktober Golf spielen. (zvg)

Anfang September verliessen 500 Rinder die Engstligenalp bei Adelboden, gekommen sind seither 250 Golfer aus Bern, Zürich, Basel, der Westschweiz, den USA, Deutschland, Holland und Italien. Noch bis zum 10. Oktober nennen Marketingleute das Naturdenkmal von nationaler Bedeutung den «höchsten 18-Loch-Golfplatz Europas» – ähnlich hohe, kleinere Golfplätze gibt es indes auch auf der Riederalp und in Realp beim Furkapass. Im Berner Oberland nehmen die Spieler die Löcher allerdings selber mit: Benutzt werden die Metallplättchen, die man für Golf im Büro verwendet. Nur das 18. ist ein richtiges Loch: Das Grün wurde dort mithilfe von Schaumstoffmatten höher gelegt – wühlen im Boden ist verboten.

Bergbahnen brauchen Geld

Die Abschläge schliesslich sind mit Kunstrasen überzogene Paletten. Alle paar Tage werden sie versetzt, um die Pflanzenwelt darunter nicht zu ersticken. Und die Tees – kleine Stäbchen, auf denen der Ball vor dem Abschlag ruht – bestehen ausschliesslich aus Holz. Als Klubhaus dient auf der Engstligenalp ein verwaister Kuhstall, wo man sich auf mit Rentierfellen belegten Strohballen Hobelkäse und Trockenfleisch gönnen kann – für 200 Franken ist der geneigte Golfer Mitglied. Im Gelände muss er dann bloss noch aufpassen, dass er den Ball nicht mit Silberdisteln, Champignons und weissen Steinen verwechselt.

Was die Werber in Sachen «Natur pur» versprechen, wird schliesslich vor allem im Auengebiet rund um die letzten elf Löcher wahr: Man spielt über die Wasserläufe, die später zum Bach Engstligen werden, über Felsen und Erdwälle. Auf 2000 Metern über Meer ist auch das Wetter unberechenbar: Plötzlich ist die Sichtweite vor lauter Nebel auf 15 Meter beschränkt.

Für unabsehbar hält schliesslich die Naturschutzorganisation Pro Natura die Folgen des alpinen Abschlagens. «Dramatisch sind die Konsequenzen für die Umwelt wohl nicht, aber wir möchten auf keinen Fall, dass der Golfplatz zu einem Präjudiz wird», sagt Geschäftsführer Jan Ryser. Für Pro Natura gehe es auch um eine «philosophische» Frage: «Müssen die Berge wirklich zunehmend inszeniert werden, können sie nicht aus sich heraus wirken?» Für Pro Natura ist der Golf auf der Engstligenalp vor allem ein «PR-Gag», eine einmalige Geschichte. «Ansonsten müssen wir uns die Sache genau ansehen», sagt Ryser. Doch für die Bergbahnen Engstligenalp ist klar, dass das Spektakel nach Möglichkeit auch nächstes Jahr stattfinden soll. «Bei Golfspielern, Wanderern und Bauern kommt unser Vorhaben gut an», sagt Almut Marschner im Namen der Bahnen. Bisher hätten keine sichtbaren Schäden an der Natur festgestellt werden können, verloren gegangene Golfbälle würden jeden Abend eingesammelt. Marschner betont, dass die Bahnen bald mit Pro Natura sprechen wollen, hält aber zugleich fest, dass «die Engstligenalp schon seit langer Zeit eine Kulturlandschaft ist».

Noch diesen Winter sollen die Golfer denn auch durch Eisläufer abgelöst werden: Laut Marschner ist auf der Alp eine Natureisbahn geplant. So viel Eifer auf der Suche nach neuen Angeboten verrät es bereits: Hinter dem sich abzeichnenden Konflikt zwischen Naturschutz und Nutzung steckt auch eine wirtschaftlich Dimension. Die Bergbahnen müssen nämlich nach jedem finanziellen Strohhalm greifen, den sie erwischen können. Seit zehn Jahren schreiben sie Verluste – was auch mit dem Kauf des Berghotels Engstligenalp zu einem überhöhten Preis zusammenhängt. Die angespannte Lage führte vergangenes Jahr zum Rücktritt von sechs der sieben Verwaltungsräte. Beim Sanieren der Bahnen hilft nun die Zürcher Swiss Spa Group AG, die in Adelboden auch das millionenteure Alpenbad realisieren will.

Bewilligung nur nach Prüfung

Gegen die Dynamik, die auch dank der Hilfe aus Zürich entstanden ist, werden die Naturschützer nicht viel unternehmen können. Der Golfplatz besteht aus mobilen Bauten, sogenannten Fahrnisbauten. Um sie zu erstellen, ist keine öffentliche Auflage mit der Möglichkeit von Einsprachen nötig, es reicht eine Genehmigung des Regierungsstatthalters. Allerdings hat sich die kantonale Abteilung Naturförderung eingeschaltet. «Es gibt auf den betroffenen Flächen Pflanzenarten, die jede für sich nicht besonders selten sein mögen, die aber nur noch an wenigen Orten so zusammen zu finden sind wie hier», sagt ihre Leiterin Franziska von Lerber. «Deshalb gehe ich diesen Monat und nächsten Frühling vor Ort. Wenn sich herausstellt, dass die Natur keine Schäden davongetragen hat, gibt es indes keinen Grund für ein Nein von meiner Seite.» A priori werde sie dem Vorhaben aber kein grünes Licht geben – die Alp soll kein Präzedenzfall werden. «Die Vorbehalte von Pro Natura kann ich gut verstehen – man darf aber nicht vergessen, dass das Gebiet schon lange von Menschen touristisch genutzt wird.» Klar ist: Vor den Golfern werden erst einmal die Rinder zurückkehren. (Der Bund)

Erstellt: 06.10.2010, 08:56 Uhr

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1 Kommentar

Fabienne Muriset

06.10.2010, 13:44 Uhr
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Gut. Dann weiss ich ja jetzt, wo ich nächste Woche sicher NICHT wandern gehe. Antworten



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