Bern

Rettungsdienste sorgen im Kanton für rote Köpfe

Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 22.01.2010

Weniger Rettungsdienste wären billiger. Fusionen stossen aber auf Widerstand.

Es ist eine Vorstellung, die Menschen auf die Barrikaden gehen lässt: Jemand liegt verletzt im Strassengraben oder erleidet einen Herzinfarkt – und stirbt schliesslich nur, weil der Rettungsdienst zu lange braucht, um am Ort des Geschehens zu sein. «Die Befindlichkeiten der Bevölkerung in Sachen Rettungsdienste sind mindestens so diffizil, wie wenn es um Spitalschliessungen geht», sagt Annamaria Müller, Leiterin des bernischen Spitalamts und seit Anfang Januar auch für das Rettungswesen verantwortlich. Ein offener Brief des Vereins Hausarzt Notfall Seeland (Hans) an Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (sp) gibt ihr recht. Der Verein «hat mit Befremden von den Plänen Kenntnis genommen, wonach der Rettungsdienst des Spitals Aarberg ausgelagert und an die Sanitätspolizei Bern übertragen werden soll», steht dort. «Der Wegfall der Anästhesiebegleitung wäre eine inakzeptable Qualitätseinbusse und würde die Versorgungssicherheit der Bevölkerung gefährden.»

Nur Aarberg rentiert

Michael Fricker, Präsident des Vereins, erklärt: «Die Rettungsdienste von Aarberg, Münsingen und Riggisberg werden von der Spital Netz Bern AG betrieben. Der Aarberger Dienst ist für 36 Gemeinden verantwortlich und im Gegensatz zu den beiden anderen nicht defizitär.» Zudem sei er der einzige im Kanton, der rund um die Uhr über diplomiertes Anästhesiepersonal verfüge. Dies könne in kritischen Situationen entscheidend sein für das Überleben eines Patienten. «Hinzu kommt, dass wir Hausärzte unseren Berufsalltag kaum noch planen könnten ohne die Profis an Bord der Ambulanzen – wir müssten dann jederzeit für Notfälle abrufbar sein. Kommt hinzu, dass viele von uns dafür nicht explizit ausgebildet wurden.» Auch die Bevölkerung und die Gemeinden wehrten sich gegen die geplante Neuerung; nicht zuletzt, um das Spital Aarberg nicht zu schwächen. Bei der Spital Netz Bern AG heisst es indes lakonisch, die Verhandlungen hätten noch nicht begonnen.

Hintergrund ist die Tatsache, dass Perrenoud die Rettungsdienste zu Fusionen bewegen möchte – dies auch, um Geld zu sparen. Heute gibt es im Bernbiet acht Dienste, sechs werden von Spitälern getragen, die Ambulanz Region Biel ist eine selbstständige Aktiengesellschaft, und die Stadt Bern betreibt eine Sanitätspolizei, die für 41 Gemeinden zuständig ist. Pro Jahr gibt der Kanton 22 Millionen Franken für die Dienste aus, ihr Betriebsaufwand liegt bei 47 Millionen – die Differenz bezahlen die Patienten und Prämienzahler. Für 2010 wurden die kantonalen Beiträge jedoch wegen der prekären Finanzlage um eine Million Franken gekürzt.

Deshalb sei «zügiges Handeln» angesagt, heisst es bei der Gesundheitsdirektion. Im Oberland, im Emmental und im Oberaargau sowie in der Region Bern wurden Arbeitsgruppen eingesetzt, die über Zusammenlegungen nachdenken. Die Initiative muss aber laut dem Kanton von den Rettungsdiensten selbst ausgehen. Beliebigen Freiraum haben diese nicht, gilt doch, dass 80 Prozent der Menschen in 30 Minuten erreicht werden müssen. Ob es in Zukunft, dem teureren Schweizer Standard entsprechend, 90 Prozent in 15 Minuten sein müssen, will Bern bald entscheiden.

Am Widerstand der Bevölkerung war Mitte 2008 übrigens bereits das Vorhaben gescheitert, das Einsatzgebiet der Berner Sanitätspolizei in den Bezirk Laupen auszudehnen. (Der Bund)

Erstellt: 22.01.2010, 07:53 Uhr

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