Querkopf, Behördenschreck und Philosoph
Von Mireille Guggenbühler. Aktualisiert am 09.12.2009
Irgendwie wussten alle etwas über ihn, Eduard Aegerter. Aegerter, das ist der Millionär. Der Hundehalter. Der ehemalige Munitionshersteller, Eismeister, Bademeister, Bootsbesitzer, Liegenschaftseigentümer und Antiquitätenhändler. Der Behördenschreck. Der Querulant. Der komische Kauz. Der Wirrkopf. Der Frauenverführer. Der Philosoph. Er, Eduard Aegerter, das ist der intelligente, liebenswürdige, aggressive, starrsinnige, galante, charmante, böse Mann aus Thun. Eduard Aegerter, geboren 1913, gestorben 2005. 92 Lebensjahre, während deren so viele dachten, ihn zu kennen. Und doch wusste niemand so recht, wer er eigentlich war. Wie er wirklich lebte. Mit wem er verkehrte.
Vier Jahre recherchiert
Bettina Joder Stüdle ist Pflegefachfrau und wohnt in Steffisburg. Sie lernt Eduard Aegerter 1996 kennen und begleitet ihn bis zu seinem Tod. Zusammen mit Franziska Streun, Redaktorin beim «Thuner Tagblatt», hat die 47-Jährige eine Biografie über Eduard Aegerter verfasst. Franziska Streun kannte Aegerter nicht persönlich, liess sich aber dennoch für das Buchprojekt begeistern. 2005 haben die beiden Frauen begonnen, der Lebensgeschichte des stadtbekannten Mannes nachzugehen.
Von 1996 an bis 2005 hatte Bettina Joder Stüdle Eduard Aegerter jede Woche einmal an der Hofstettenstrasse in Thun besucht. Im Haus, das über Thuns Grenzen hinaus bekannt war – vorab wegen des Chaos auf dem Trottoir vor dem Haus, der Antiquitäten, die Aegerter dort lagerte. Während der Begegnungen mit Eduard Aegerter lernt Bettina Joder Stüdle Stück um Stück seine Lebensgeschichte kennen. Und nimmt sie, mit Einverständnis von Aegerter, auf Tonband auf. Er sagt ihr, dass es schön wäre, wenn es mal «ein Büchlein» geben würde über ihn.
Unschmeichelhaftes Aegerter-Bild
Aegerter – er wünschte sich wohl auch eine Biografie, die ihn öffentlich rehabilitiert, wie Bettina Joder Stüdle sagt. Denn Aegerter wusste wohl, dass «die meisten Thunerinnen und Thuner sich ein unschmeichelhaftes Bild von ihm machten», wie Joder Stüdle im Buch schreibt. Doch: Wer wusste wirklich etwas über Aegerter? Zum Beispiel, dass er mit acht Geschwistern aufgewachsen war. Einen Vater hatte, der ihn schlug und nicht wollte, dass «Edi» die Sekundarschule besuchte, weil er Angst hatte, dass einer der Söhne ihm über den Kopf wachsen könnte. Kaum jemand in Thun glaubte ernsthaft, dass Aegerter sich bei der Arbeit in der damaligen Munitionsfabrik tatsächlich eine Quecksilbervergiftung geholt hatte.
Keiner wusste, dass er, trotz zahlreichen Affären, nur eine einzige Frau in seinem Leben wirklich liebte und eine Tochter mit ihr hatte. Und wer wusste denn schon, dass der Ehemann dieser Frau Aegerter unter seinem Dach leben liess, die Tochter aber als seine Tochter ausgab und so eine sehr spezielle Familienkonstellation kaschierte? Rudolf G., Mitglied in einer Freikirche, konnte dank dem eigenwilligen Arrangement seine Homosexualität verbergen, seine Ehefrau Emilie die Geburt eines unehelichen Kindes und Aegerter die Existenz einer unehelichen Tochter, um die er sich indes rührend kümmerte, der er aber seine Vaterschaft erst gestand, als sie schon dreissig war.
Wem war später noch bewusst, dass Eduard Aegerter der Einzige im Berner Oberland war, der Kunsteis herzustellen vermochte in den 1950er-Jahren und eine Wasserkläranlage erfunden hatte, die das damalige Schwimmbad Steffisburg vom Flussdreck reinigte? Wer konnte wissen, dass Aegerter später zwei Enkel und eine Enkelin hatte und Letztere seitens der Familie die engste Verbündete und Bezugsperson für ihn war, die eigene Tochter ihn jedoch selten besuchte, weil das Verhältnis zwischen den beiden getrübt war?
Mann, der sich mit allen anlegte
Bettina Joder Stüdle und Franziska Streun haben in vierjähriger Arbeit nicht nur die Tonbandgeschichten Aegerters niedergeschrieben, sondern auch zahlreiche Weggefährten, Behördenvertreter und einige Familienmitglieder interviewt. Stück für Stück rollen die Autorinnen die Lebensgeschichte des «Querkopfs und Aussenseiters», so der Titel des Buchs, auf. Biografie, Erzählungen und Interviews sind im Buch miteinander verwoben. Zum Vorschein kommt eine vielschichtige Persönlichkeit, die mehr ist als ein Thuner Original. Über ein Original mag man sich lustig machen. Bei Aegerter war das anders. Nie, sagt Bettina Joder Stüdle, habe sich jemand getraut, «ihn zu bevormunden oder zu entmachten». Auch das war Aegerter: ein Mann, der sich mit allen anlegte, den Behörden, den Ämtern, den Gerichten, der Polizei und den Tierschutzorganisationen.
Wer ihm in die Quere kam
Die Autorinnen blenden denn diese Seite Aegerters auch nicht aus. So lassen sie etwa den ehemaligen Tierschutzbeauftragten des Kantons Bern, Benjamin Hofstetter, in ihrem Buch zu Wort kommen, der auch deutliche Worte findet: «Ich bin wohl der erste Mensch, der Aegerter wirklich in die Quere gekommen ist. Das traf ihn vermutlich mehr als das Entfernen seiner Hunde. Mir ist bewusst, dass ich sein Feindbild und Erzfeind war. Er drohte, mich zu erschiessen. Aegerter galt in Thun als Stadtoriginal, und das erleichterte die Sache nicht. Er beanspruchte eine gewisse Narrenfreiheit.» Die wurde ihm in Thun zugestanden, wie Behördenmitglieder im Buch auch einräumen, nicht aber vom Kanton. Auf Geheiss von Hofstetter wurden Eduard Aegerter seine 60 Hunde weggenommen, mit denen er zuletzt in einer seiner vier Liegenschaften an der Hofstettenstrasse auf engstem Raum lebte.
Ein Zeitdokument mit Tabus
Wenn das Buch auch «keinen historischen Anspruch» hat, wie Franziska Streun sagt, so ist es doch ein Zeitdokument. Eng mit der Lebensgeschichte Aegerters sind Ereignisse in Thun verknüpft, die zum Teil bis heute wohl nie richtig aufgearbeitet worden sind. Zum Beispiel die Vergiftungen der ehemaligen Munitionsfabrikarbeiter, die ein Arzt aus Hilterfingen im Buch bestätigt. Auch wer Aegerter nicht persönlich gekannt hat, kommt im Buch nicht nur ihm, sondern auch der vergangenen Zeit etwas näher.
Das Buch «Eduard Aegerter – Querkopf und Aussenseiter» ist im Zytglogge-Verlag erschienen und ab sofort zu kaufen. (Der Bund)
Erstellt: 09.12.2009, 08:45 Uhr
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