Professor E. und die Kraft der Anziehung
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 26.07.2010
Einstein auf dem Gurten
Weitere Vorstellungen bis 11. September. www.theatergurten.ch
Auch Estella Katzenellenbogen liebte Professor Einstein, und die vermögende Inhaberin einer Blumenladenkette war bei weitem nicht die einzige Dame der Berliner Gesellschaft der 1920er-Jahre, die mit dem verheirateten Nobelpreisträger eine heisse Affäre hatte. Wie erotisch Erfolg und Macht sind, lässt sich bereits im Alten Testament nachlesen. Neu in diesem Kapitel ist heute einzig die öffentliche Abbitte, zu der sich berühmte Männer bemüssigt fühlen, wenn die Medien plötzlich das ganze Ausmass ihrer Philanderie dokumentieren.
Albert Einstein (1879–1955) musste sich nicht wie Tiger Woods und Co. für seine ausserehelichen Leidenschaften rechtfertigen. Wie ungehemmt er seinen Erfolg auch in den Bettstätten seiner zahlreichen Verehrerinnen auskostete, ist erst seit vier Jahren bekannt; damals machte die Hebräische Universität in Jerusalem, wo Einsteins Nachlass aufbewahrt wird, zahlreiche Briefe zugänglich. Dass diese erst seit 2006 eingesehen werden dürfen, hatte Einsteins 1986 verstorbene Stieftochter Margot verfügt. Denn gar kompliziert und fast ein wenig inzestuös war zeitweise Einsteins Liebesleben: Enthüllten doch die Briefe unter anderem, dass der Physiker sich 1918 nicht entscheiden konnte, ob er lieber Margots Mutter, seine Cousine Elsa Löwenthal, oder Ilse, deren Tochter und Margots Schwester, ehelichen sollte. Zweimal war Einstein verheiratet, der sich selber als wenig geeignet für die Ehe hielt und sich gern als «Einspänner» bezeichnete.
Titanic-Feeling
Wie nun dieser Einspänner in jenen Jahren galoppierte, in denen er sich das Zaumzeug des Zweispänners und Familienvaters überzog, zeigt Livia Anne Richard in «Einstein», der neusten Produktion des Freilichttheaters Gurten. Die Berner Theatermacherin verzichtet allerdings darauf, den ganzen Reigen von Einsteins Geliebten vorzuführen, lässt stellvertretend einzig das kecke Fräulein Katzenellenbogen dem Nobelpreisträger schöne Augen machen.
Richards Einstein tritt weder in der vertrauten Umgebung von Bern noch in Berlin oder Amerika auf. Auf schwankendem Boden (Bühne Markus Keller), in einem Gewimmel von über 60 Reisenden setzt sie den damals 53-jährigen Einstein aus. Ein gelungener Einfall. Zusammen mit seiner Ehefrau Elsa und deren Töchter besteigt Einstein im Hafen von Antwerpen die Red Star, die ihn nach Amerika bringt, wo er als Professor an das Institute for Advanced Study von Princeton berufen worden ist. Dass es ein Abschied für lange Zeit von der Alten Welt ist, weiss Einstein zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch eine Vorahnung ist wohl die leise Melancholie, die ihn an Bord befällt.
Möwengekreisch begleitet den Aufbruch in die neue Welt. Als Erinnerungen mit von der Partie sind aber auch seine alten vertrauten Gespenster – und neue. Auf dem Alten Kontinent, den er verlässt, ist für Juden wie ihn bald kein Platz mehr, das macht ihm in der ersten Klasse Helge Herwerth in seiner Paraderolle als blonder Superarier unmissverständlich klar.
Ein bisschen Titanic-Feeling kommt da auf mit den Reisenden erster und dritter Klasse – die einen befrachtet mit Hoffnungen und Ängsten, die andern mit Pelz und Schmuck –, und sie alle zusammen geben ein malerisch-stimmiges Zeitbild der frühen Dreissigerjahre ab. Zwischen diesen Welten bewegt sich Einstein, ein Passagier der Luxusklasse mit abgetragenem Mantel und ohne Socken in den Schuhen, ein Freigeist, der sich nicht um Äusserlichkeiten schert, der das Träumen noch nicht aufgegeben hat und über dessen Marotten sich seine zweite Ehefrau Elsa zunehmend nervt.
Versonnen liebenswürdig und geheimnisvoll ist Oliver Steins Einstein, den man allen Schwächen zum Trotz sofort ins Herz schliesst, derweil Christiane Wagner den undankbaren Part der eifersüchtigen Ehefrau mit viel Gift tränkt.
Es ist das alte Lied von Mann und Frau, die längst voneinander enttäuscht sind und doch einander nicht lassen können, das auf dem Gurten angestimmt wird. Aus Bequemlichkeit der eine, den gesellschaftlichen Konventionen zuliebe die andere. Einstein schaut zu den Sternen und in die Augen hübscher Passagierinnen, Elsa keift und versucht, den Womanizer unter Kontrolle zu halten. Doch bevor der hässliche Ehekrach weiter ausartet, gefriert die Szene. Immer wieder. Und ein anderer Einstein tritt auf, ein übermütiger, ungeduldiger Heisssporn, ein Schwärmer, der vom älteren Einstein und den übrigen Schiffspassagieren neugierig beäugt wird.
Einstein gegen Einstein
Auch der junge Einstein entpuppt sich als charmanter Feigling, der einer Auseinandersetzung mit den starken Frauen, die ihm wichtig sind, lieber aus dem Weg geht. Einstein will seine dominante Mutter nicht enttäuschen, auch wenn er deswegen seine grosse Liebe, die brillante Physikerin Mileva Maric, verrät und demütigt. Vermutet wird zudem, dass er sie gezwungen habe, die gemeinsame uneheliche Tochter wegzugeben. Geschickt mischt Christoph Keller als junger Einstein eine überzeugende Portion Unbeholfenheit und Unschuld in den Charakter des wankelmütigen Physikers, der ohne technische Hilfsmittel unendlich lange Formeln entwickeln kann, vom Resultat seiner Handlungen aber regelmässig überrumpelt wird. Und berührend glaubwürdig vermittelt Andrea Hofmann als Mileva jene Verbitterung, in die sich die Ehefrau einkapselt, die Einsteins Zwängen genauso ausgesetzt ist wie jenen der damaligen Gesellschaft.
Kein Monster macht Livia Anne Richard aus dem Nobelpreisträger, ihr Einstein ist ein kleinmütiger Held, der mit seinem Charisma und seinen Gefühlen ganz den Gesetzen seines grossen bequemen Egos folgt. Der allerdings auch mal zu ziemlich drastischen Mitteln greift, wie die acht Gebote belegen, die er Mileva aufzuzwingen versucht, als seine grosse Liebe für die kluge und ihm auf wissenschaftlicher Ebene ebenbürtige Frau erloschen ist und sie in seinem Leben nur noch als Mutter seiner beiden Söhne eine Rolle spielen darf.
Mit lakonisch schlichten Dialogen und Bildern zeichnet Livia Anne Richard das private Straucheln des Genies nach, der auch als Vater versagt und unfähig ist, die Schizophrenie seines jüngeren Sohnes Eduard zu akzeptieren (beeindruckend, wie es André Ilg in seinem kurzen Auftritt gelingt, das ganze Drama Eduards zu illustrieren).
Und so gewöhnlich dieses Scheitern sein mag, die Autorin, die auch Regie führt, bleibt leider dabei ein bisschen zu häufig in den allzu vertrauten Klischees der egoistischen Frauenhelden und der eifersüchtigen Ehefrauen hängen und schöpft nicht ganz das Potenzial der vielversprechenden Konstellation aus, die sie mit den Figuren des jungen und des älteren Einstein angelegt hat. Möglicherweise treten die Klischees noch stärker zutage, weil einzelne Szenen wegen der lähmenden Kälte, die am Premierenabend herrscht, wohl ein wenig der Schwung abhanden kommt. Erst im letzten Auftritt geraten die beiden Einsteins aneinander, als sich der ältere sein Versagen eingesteht und sich der Frage stellt, ob es denn richtig gewesen sei, seine Arbeit über die Familie zu stellen. Zu diesem Dilemma, das heute noch aktuell ist, hätte auch Mileva Maric wohl einiges zu sagen gehabt. (Der Bund)
Erstellt: 26.07.2010, 09:59 Uhr
Kommentar schreiben
Bern
- 14:55Der Botanische Garten erhält das lang ersehnte Sommercafé
- 13:54Ein breiteres Bett für den Könizer Problembach
- 12:26Defekter Boiler: Kindertagesstätte geflutet
- 11:53Denkmalschutz-Kriterien sollen gelockert werden
- 10:52Roadpricing-Projekt wird ausgebremst
- 09:41«Perspektiven»: Syrien, Sudan – und die Schweiz
Bern
- 14:55Der Botanische Garten erhält das lang ersehnte Sommercafé
- 13:54Ein breiteres Bett für den Könizer Problembach
- 12:26Defekter Boiler: Kindertagesstätte geflutet
- 11:53Denkmalschutz-Kriterien sollen gelockert werden
- 10:52Roadpricing-Projekt wird ausgebremst
- 09:41«Perspektiven»: Syrien, Sudan – und die Schweiz


































