Polos Verschwinden
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 10.03.2010
Verfluchtes Brett
Obwalden hat es nicht leicht. Erst wird die Steuerstrategie vom Bundesgericht zerzaust, dann kommt auch noch Politaktivist, Musiker und Filmer Luke Gasser und prangert in «Die Nagelprobe» den Ausverkauf der Heimat an. Sein Film erzählt die Geschichte eines 600-jährigen Fensterladens, der bei Bauarbeiten an einem Multimillionenprojekt geborgen wird. Um das Projekt nicht zu verzögern, wird der Fund von Archivar Rolf Aschwanden vertuscht. Das Problem: Das Brett ist mit einem schlimmen Fluch belegt. Und Aschwandens Assistentin (Irène Ludin) macht sich auf eigene Faust daran, das Mysterium aufzuklären. Der Rest ist unerträglicher History-Fantasy-Kitsch. (len)
So eine Sonnenbrille ist schon toll. Auch in der finstersten Ecke des Restaurant des Pyrenées in Bern, auch mit 64 Jahren und 51 Wochen. So alt ist Polo Hofer. Und eigentlich bräuchte, wer so alt ist, keine Sonnenbrille mehr, um Distanz zu schaffen, um im Interview noch einige zusätzliche Sekunden rauszuschlagen für die Suche nach der träfen Antwort.
Aber: «Wer Rockstar werden will, der braucht zuerst einmal eine Sonnenbrille. Das hat der Stephan Eicher mal gesagt», sagt jetzt der Polo, der es ja wissen muss, alt, wie er ist. Und erfolgreich, wie er ist: Sein aktuelles Album «Prototyp» ist schon bald 60 000 Mal verkauft. Die Tour läuft fast noch besser. Vor zwei Wochen sind beim Konzert in Winterthur sogar BHs auf die Bühne geflogen.
Darüber lacht Polo jetzt so raumerfüllend, wie es nur Rockstars können. Dann greift er nach dem Roten, und dabei kommt ihm noch eine Geschichte aus den Siebzigerjahren in den Sinn, die er noch zum Besten geben muss, bevor er dem Mann, der ihn schon länger belauert, ein Album verkauft, ein «Macht drüezwänzg» hingrunzt und das Geld ins Portemonnaie schiebt. So ein Rockstarleben ist schon toll.
Kurz vor der Selbstauflösung
Rolf Aschwanden trägt keine Sonnenbrille. Wozu auch? Rolf Aschwanden ist Kantonsarchivar in Obwalden. Ein alter Mann, der immer so kurz vor der Selbstauflösung steht, dass eine Sonnenbrille ihn nicht entrückter, sondern greifbarer machen würde.
Drei Dinge fallen auf an diesem Aschwanden Rolf: Die Hände, die sich falten und verknoten, wenn eine Frage an Aschwanden gerichtet wird. Die Schultern, die hängen, weil sie so schwer zu tragen haben an den Sachzwängen des Amtes und am Leben überhaupt. Was vor allem ins Auge sticht, ist aber die Unauffälligkeit dieses Aschwanden, seine Begabung, zu verschwinden. In Menschenmengen sowieso, aber auch vor den weissen Wandschränken seines Arbeitszimmers.
Die Folie eines Jedermanns
Rolf Aschwanden ist einer von wenigen Gründen, weshalb der Besuch von Luke Gassers Film «Die Nagelprobe» empfehlenswert ist (Kritik: siehe Box). Gespielt wird Rolf Aschwanden von Polo Hofer. Das Erstaunliche dabei: Vom rauhen Charisma des Rockstars ist nichts geblieben. Zuerst verschwindet Hofer im Aschwanden, und dann verschwindet Aschwanden in der Kulisse. Zurück bleibt die fast durchsichtige Folie eines jämmerlichen Jedermanns. Es ist eine erstaunliche schauspielerische Leistung, dargeboten von einem, der zwar über Filmerfahrung (u. a. «Das Schweigen der Männer») verfügt, aber nie in einer anderen Figur auftrat als der von ihm selbst erschaffenen: Polo Hofer.
«Keine Trance oder so»
Über den Film «Die Nagelprobe» kann er nichts sagen. Polo hat ihn noch nicht gesehen. Und über seine Rolle? «Naja, ich habe mich da nicht in eine Trance versetzen müssen oder so.» Dieser Aschwanden sei einfach ein Büenzli, sagt Polo, und mit Büenzlis kenne er sich aus. Und die Mentalität dieser Agrarbevölkerung kenne er auch. «Obwalden und das Berner Oberland – wo liegt da der Unterschied?» Aber klar, dass er sich nicht so richtig in diese Rolle hineingekniet habe, hänge auch damit zusammen, dass er einfach ein fauler Siech sei. Dann lacht er wieder und sagt, in zwei Wochen werde er pensioniert. «Vielleicht finde ich dann Zeit für meine Schauspielkarriere.» (Der Bund)
Erstellt: 10.03.2010, 09:19 Uhr
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