Photoshop fordert Freistellungsopfer
Von Dölf Barben. Aktualisiert am 15.03.2010
Suchrätsel vor den Wahlen: Wo hat sich der Indianer versteckt? (Valérie Chételat)
705'000 Kuverts verschickt
Dieser Tage erhalten die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger des Kantons Bern dicke Post – sofern sie nicht in den Sortiermaschinen des Postverteilzentrums Härkingen hängen bleibt (siehe «Bund» von gestern). Insgesamt 705 000 Kuverts mit Wahlmaterial sind vom Kanton und den Wahlkreisverbänden auf den Weg zu den Empfängern geschickt worden. Dort sollten sie gemäss Gesetz bis spätestens zehn Tage vor dem Wahltermin eintreffen, also bis am 18. März. Auch der Start des Massenversands ist reglementiert: Damit die Parteien ihre Aktionen besser terminieren bzw. auf einen relativ kurzen Zeitraum konzentrieren können, dürfen die Wahlzettel und Prospekte frühestens 20 Tage vor den Wahlen in die Hände der Wähler gelangen. Die Kuverts wiegen um die 250 Gramm – je nach Wahlkreis kann es etwas mehr oder etwas weniger sein.
Dieser leicht giftige Geruch! So riecht Demokratie. Alle vier Jahre wieder. Doch wo anfangen? Beim Regierungsrat? Die sechzehn Kandidaten finden sich zusammen auf einem Blatt. Die sechs Bisherigen im oberen Teil. Die Bilder sind klein, die Personen alphabetisch angeordnet. Astier bei den Neuen an erster Stelle, Zuber am Schluss. Doch weg damit. Das Propagandamaterial der Parteien ist viel interessanter.
Einige Prospekte kommen einem vor wie alte Bekannte: der gelb-blaue der EVP. Auch die Frauen und Männer darin. Alle schön aufgeweckt, vor allem bei der Jungpartei; wie kriegt der Fotograf das bloss hin? Es gibt übrigens Leute, die von sich behaupten, sie seien fähig, die Parteizugehörigkeit von Kandidaten aufgrund der Frisur festzustellen. Wahrscheinlich stimmt das nicht: Bei der EVP finden sich auch Leute, die genauso frisiert sind wie Jungfreisinnige. Oder Grünliberale.
Da. Der Prospekt der SVP ist ebenfalls ein alter Bekannter. Weiss-Grün und irgendwo der Berner Bär, der die Zunge herausstreckt. Die Kandidaten liessen sich im Studio fotografieren. Bei vielen wirkt der Blick eigenartig stechend – so, als ob sie bei einem Sehtest gerade bei jener Buchstabenreihe angekommen wären, wo sie passen müssen. Dafür hat jedes Bild den gleichen Hintergrund. Irgendwie anders als in früheren Jahren kommt das Werbematerial der EDU daher. Die Bilder ihrer Kandidaten waren jeweils – Irrtum vorbehalten – etwas sehr brav gestaltet. Diesmal aber scheint nicht gespart worden zu sein. Die Fotos sind grossformatig und haben einen einheitlichen Hintergrund (Waldweg mit Licht und Schatten), vor dem die Frauen und Männer mit einem unaufdringlichen Lachen im Gesicht stehen. Sorgfältig bearbeitet wurde Spitzenkandidat Marc Früh. Ob er in einem Bildbearbeitungsprogramm vor einem neuen Hintergrund freigestellt wurde – was man annehmen muss –, ist an den Rändern seiner Frisur (Früh hat diesbezüglich eine nicht ganz einfache Frisur) nicht auf den ersten Blick erkennbar. Glückwunsch! Das Kunststück der Personenfreistellung ist nämlich nicht überall gleich gut gelungen. Die Kandidaten der Grünliberalen müssen diesbezüglich schon als Photoshop-Freistellungsopfer bezeichnet werden. An ihren Frisurenrändern sieht es so aus, als wären ihre Bilder noch mit Schere und Leim bearbeitet worden.
Vergleichsweise professionell sieht der Prospekt der BDP aus. Womöglich liegt es aber auch nur daran, dass jener der Grünliberalen nicht aus glänzendem Papier besteht. Punkte verliert die BDP aber wegen der gelben Streifen, die unter den Bildern durchlaufen. Das Gelb erinnert an die EVP (manche Frisuren an die CVP). Schon richtig erfrischend wirken einige Prospekte der Jungparteien: Die Jungsozialisten haben mit transparenten Textfeldern und Schriften gearbeitet. Glückwunsch! (Man müsste ihren Prospekt auf die Seite legen und in vier Jahren schauen, ob dannzumal die EDU etwas Ähnliches probiert.) Die Jungfreisinnigen haben mit dem Berner Bären als Symbol gearbeitet. Weil es mit ihm im Wappen aufwärtsgeht, sieht man nur noch den hinteren Teil seines Körpers (und keine herausgestreckte Zunge). Die Jungen Grünen versuchen ihre Hauptbotschaften ebenfalls nonverbal zu vermitteln – mit einprägsamen Schaubildchen. Eines zeigt, wie ein Bus fünf Autos ersetzt. Der Prospekt erinnert dadurch aber etwas an ein von einem Bundesamt herausgegebenes Lehrmittel. Schade.
Abgeklärt treten jene Parteien auf, die der Gestaltung ihres Werbematerials schon immer viel Gewicht beigemessen haben: die Grünen etwa. Oder auch die Sozialdemokraten, die ihre Leute nicht auf einem Faltprospekt präsentieren, sondern in einem kleinen Heft (fast wie bei einer Musik-CD). Für einmal mit fröhlichen Farbakzenten versuchen es die Freisinnigen. Auffällig ist, wie sie ihre Bisherigen mit grossen blauen Punkten kennzeichnen – ähnlich wie in Katalogen. Nur steht nicht «Preiskracher», sondern «bisher» darauf.Aus ihrer Sicht bestimmt in bewährter Manier greifen die patriotischen, umweltbewussten und bürgernahen Schweizer Demokraten nach dem Wahlerfolg: Die Titelseite ihres Prospekts ziert ein Indianerhäuptling, der sich «nicht gegen die Masseneinwanderung wehren konnte und deshalb nun in Reservaten lebt». «Ersparen wir uns dieses Schicksal», lautet die Schlussfolgerung. Im Innern des Prospekts sieht der Leser, der mehr wissen will, ein Gruppenbild vor dem Einkaufszentrum Westside. Bei solch unkomplizierten Bildern liegt der Vorteil auf der Hand: Es gibt keine Probleme mit dem Haarschnitt. (Der Bund)
Erstellt: 15.03.2010, 11:43 Uhr
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