Philippe Perrenoud: «Wir dürfen nicht mehr naiv sein»
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Sie mögen Konzepte: für Familien, für Spitäler, für Palliativpflege. Das Konzept für Heime hat aber angesichts des jüngsten Falls von sexuellem Missbrauch offenbar versagt.
Auch ich bin zutiefst schockiert. Jetzt muss schnell geklärt werden, ob die kantonale Aufsicht – und damit das Konzept – versagt hat. Eine totale Sicherheit wird es aber nie geben. Das liegt sicher nicht nur an unserem Konzept. Wichtig ist auch die Ausbildung des Personals, seine Sensibilisierung für sexuellen Missbrauch. Sie dürfen nicht vergessen, dass das Thema Missbrauch vor 25 Jahren noch ein Tabu für den Staat war. Als Psychiater habe ich viele Horrorgeschichten von Menschen gehört, die in den 1930er-Jahren geboren wurden und ins Heim kamen. Heute sind wir auf einem guten Weg, weil wir diese Fälle thematisieren.
Schon jetzt werden die Aufsichtsbehörden aber scharf kritisiert, weil sie keine unangemeldeten Kontrollen in Heimen machen.
Wir hatten in der Schweiz früher Modelle mit unangemeldeten Kontrollen in der Psychiatrie. Sie wurden aber aufgegeben, weil sie zu viel Aufwand verursachten. Trotzdem sind solche Kontrollen ein möglicher Weg. Ich will Mittel von der Prävention bis zur Kontrolle finden, denn so etwas darf nicht passieren.
Wie funktioniert heute das Kontrollsystem der Gesundheitsdirektion?
In erster Linie sind die Trägerschaften der Heime für die Kontrolle verantwortlich. Meine Direktion kontrolliert stichprobenweise oder wenn sie Hinweise auf Auffälligkeiten bekommt.
Dürfen Pflegende in Zukunft noch allein Nachtdienst leisten und Intimpflege verrichten?
Es wäre fatal, jetzt alle Leute, die in Heimen arbeiten, unter Generalverdacht zu stellen. Wir müssen in erster Linie mit den Heimleitungen anschauen, welche Massnahmen sinnvoll sein könnten.
Wäre eine schwarze Liste für Sozialtherapeuten sinnvoll?
Da müssen wir abwarten, was mit der nationalen Initiative, die Ähnliches fordert, passiert. Eine schwarze Liste wäre allenfalls ein gangbarer Weg. Klar ist: Wir dürfen nicht mehr naiv sein.
Heisst das, Sie waren naiv? Auch, weil niemand dem Mädchen, das den Täter 2003 belastete, glaubte?
Da kommt wieder die Sensibilisierung ins Spiel: Wir müssen zuhören und die Leute ernst nehmen. Menschen in Heimen brauchen mehr Bezugspersonen.
Aber der Personalmangel ist doch ein grosses Problem. Auch deshalb fand der Täter immer neue Stellen.
Dieses Problem sehe ich hier weniger. Immerhin war der Mann ein ausgebildeter Sozialtherapeut.
Die Heime haben ihre Sorgfaltspflicht also nicht vernachlässigt?
Das wird letztlich die Justiz klären müssen. In den Heimen arbeiten Leute, die ihren Job mit viel Herzblut machen, sie sind nun auch Opfer. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir überprüfen, ob es Fehler in unserem System gibt.
Der Grosse Rat fordert bereits einen Bericht. Wollen Sie diesen liefern?
Man muss sicher etwas machen. Ob es ein Bericht oder etwas anderes sein wird, kann ich erst sagen, wenn die Justiz ihre Arbeit abgeschlossen hat. (Der Bund)
Erstellt: 03.02.2011, 09:36 Uhr
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