Perspektiven: Nacktwandern in der Volksrepublik Schweiz
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Eine Zusammenfassung der 1.-August-Reden landauf, landab wird sich am Montag, 2. August, auch in dieser Zeitung finden, wobei inhaltlich kaum mit Überraschungen zu rechnen ist.
Früher flossen bei Gelegenheit des Nationalfeiertags viel Rütli, Reduit und Rechtschaffenheit über die Rednerpulte; heute sind bei rot-grün-progressiven Festrednerinnen und -rednern Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit und multikulturelle Toleranz angesagt, während sich rechte Nationalisten an Freiheit, Unabhängigkeit und Sicherheit klammern – Freiheit und Unabhängigkeit natürlich nicht im Sinn von «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit», sondern negativ definiert als Abschottung, Abwehr und Isolation, und Sicherheit nicht im Sinn von sozialer Stabilität, sondern als Schutz vor kriminellen Ausländern und jenen bösen Feinden, die jenseits der Grenzen nur darauf warten, unser Vaterland einzusacken.
Halt doch etwas Besonderes?
Bei vielen dieser rhetorischen Höhen- oder Tiefflüge sickert irgendwo das Bewusstsein durch, halt doch etwas Besonderes zu sein, ein «Sonderfall» eben. Dass auch andere Nationen und Völker für sich Einmaligkeit reklamieren – die «Grande Nation», «God’s Own Country», das «Auserwählte Volk» –, kann der stolzgeschwellten Schweizerbrust mindestens am Nationalfeiertag nichts anhaben.
Es ist deshalb hilfreich, die Nabelschau jemandem zu überlassen, der nicht vom patriotischen 1.-August-Schauder geschüttelt wird. Diccon Bewes, 43, hat das ideale Buch* zum Schweizer Nationalfeiertag geschrieben. Er hat, als Engländer, die nötige ironische Distanz; trotzdem kennt er sein Objekt à fond, vielleicht besser als mancher Schweizer Patriot.
Denn Bewes lebt schon seit fünf Jahren in Bern, wohin es ihn der Liebe wegen verschlagen hat. Und er hat sich gründlich auf das Land eingelassen: Ein Deutschkurs an der Migros-Klubschule legte das linguistische Fundament (auch wenn er sich mit Schweizerdeutsch schwertut); unzählige Reisen kreuz und quer durchs Land lieferten das Anschauungsmaterial.
Dass Diccon Bewes Reiseschriftsteller war, verhilft seinem Buch zu einem besonderen Flair: Der Autor beobachtet aufmerksam, mit sicherem Blick für das skurrile oder exotische Detail und gibt das Beobachtete mit typisch englischem Witz wieder – ein erfrischender Kontrast zu jener Dumpfbackigkeit, die manchem patriotischen Exkurs noch immer zu eigen ist. (Zudem fördert er das kosmopolitische Selbstbewusstsein seiner Leser, denn das Werk ist vorerst nur auf Englisch zu haben.)
Und dann die Appenzeller
Wie Bewes die Landsgemeinde in Appenzell-Innerhoden beschreibt, als dort das Nacktwandern verhandelt wurde, ist eine wunderbare Realsatire. Die Ernsthaftigkeit, mit der die Appenzeller dieses weltbewegende Thema angegangen sind, belegt ausserdem, was wir eigentlich längst wissen: Die Welt wäre froh, unsere Probleme zu haben.
Alle helvetischen Eigenheiten hat Bewes ausgegraben: Konkordanz und Käsekonsum. (Ein Schlüsselerlebnis war der erste Besuch am Coop-Käsestand, als der Autor entdeckte, dass es Hunderte anderer Sorten gibt neben jenem Greyerzer und jenem Emmentaler, die er vorher ausschliesslich gekannt hatte und welche in der nach England exportierten Version «nach nichts schmecken und die Textur von Plastik haben».) Minarettverbot und Militarismus. Freitod-Begleitung und Zauberformel. Die Fontänen vor und das «viktorianische Feeling» sowie die «neugotischen Lüster» im Bundeshaus.
Bewes scheut sich nicht, die pompösesten Politiker zu verspotten: Christoph Blocher habe nach seiner Abwahl aus dem Bundesrat «getrotzt wie ein kleiner Bub, dem sein Spielzeug abhandengekommen ist». Wer dachte das nicht nach der Abwahl des Volkstribuns? Und wer hat es zu schreiben gewagt?
Der neunnamige Staat
Wenn Bewes ausführlich schildert, dass es neun verschiedene Ausdrücke dafür gibt, wird einem bewusst, wie verrückt dieses Gebilde, das wir Heimat nennen, tatsächlich ist: Die Schweiz hat sozusagen vier Vornamen: Schweiz, Suisse, Svizzera, Sviza. (Switzerland, weil nicht offiziell, ist da gar nicht mitgezählt.)
Und dann hat es fünf formellere Nachnamen sozusagen, wie wenn man jemanden siezt: Schweizerische Eidgenossenschaft und ihre Übersetzungen ins Französische, Italienische und Romanische sowie jene ominöse fünfte Bezeichnung, die sich hinter dem Kürzel CH verbirgt: die Confoederatio Helevtica, der Kunstname, der, tief aus der keltischen Vorgeschichte schöpfend, eine direkte, wenn auch historisch wacklige Beziehung herstellt zwischen den stolzen Helvetiern, die sich gegen die Römer wehrten, und der modernen Schweiz, und das ausgerechnet auf Lateinisch.
Merci, Napoléon!
Bewes stellt Historisches richtig, das wir im patriotischen Überschwang gern verdrängen: dass die Schweiz keineswegs seit 1291 eine Demokratie ist. Als Napoleons Armeen 1798 einmarschierten, war «die alte Eidgenossenschaft im wesentlichen eine lockere Koalition von 13 Ministaaten, einige immer noch mit aristokratischen Regierungen und feudalen Regierungssystemen». Daneben gab es über 70 Territorien in unterschiedlichsten Beziehungen zu den 13 Alten Orten: starke Stadtstaaten wie Genf oder St. Gallen, Untertanengebiete wie das Tessin, Protektorate. Erst Napoleon schuf den demokratischen Staat mit einer Zentralregierung. Gut, dass uns ein Brite diese Tatsachen wieder einmal vor Augen hält.
Neben Tiefschürfendem findet Diccon Bewes Lustiges. Zum Beispiel die Locarneser Verkehrsbetriebe oder Ferrovie Autolinee Regionali Ticinesi, deren Akronym FART auf Englisch einen ganz besonderen Duft verströmt.
Vergessen Sie Nordkorea
Mit fortschreitender Lektüre allerdings ertappt man sich dabei, dass man sich von diesem Buch die Begeisterung für dieses kuriose Land nicht etwa hat austreiben lassen, ganz im Gegenteil.
Der Autor scheint selber beeindruckt: «Die Schweizer sind eine Nation der Widersprüche, zusammengehalten durch die Fähigkeit und den Willen, diese zu überwinden», hat er schon im Vorwort bemerkt. Und wenn er die Funktionsweise der direkten Demokratie schildert, scheint er selber am meisten überzeugt: «Keine Einzelperson oder Partei hat je die volle Kontrolle – das Volk hat sie. Vergiss China oder Nordkorea; falls irgendein Land es verdient hat, Volksrepublik genannt zu werden, ist es die Schweiz.»
*Diccon Bewes: Swiss Watching – Inside Europe’s Landlocked Country, London und Boston 2010, 310 Seiten, Fr. 29.90.
Die nächsten «Perspektiven» erscheinen am Samstag, 21. August. (Der Bund)
Erstellt: 02.08.2010, 13:56 Uhr
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