Bern

Pathos, Polkas und Funkgeräte

Einmal im Jahr steigt das Berner Symphonieorchester vom Orchestergraben auf die Open-Air-Bühne des Bundesplatzes. Mit Patent Ochsner hat das BSO gut unterhalten, ohne aber Musikgeschichte zu schreiben.

Schwierige Annäherung: Büne Huber mit Patent Ochsner und dem Berner Symphonieorchester am Samstagabend auf dem Bundesplatz. (Valérie Chételat)

Schwierige Annäherung: Büne Huber mit Patent Ochsner und dem Berner Symphonieorchester am Samstagabend auf dem Bundesplatz. (Valérie Chételat)

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Zunächst ist da doch ein zünftiges bisschen Enttäuschung. Da stellt man eine prächtige geräumige Bühne mit ebensolcher Tonanlage auf den Berner Bundesplatz, platziert darauf ein 75-köpfiges Sinfonieorchester, lässt aus Deutschland extra einen auf die Mikrofonisierung von Grosskapellen spezialisierten Experten einfliegen, warnt das Publikum noch, dass die Lautstärkenbelastung in den gehörschädigenden Bereich anschwellen könnte und verteilt deswegen Hunderte gelber Gummi-Ohrenpfropfen – und dann klingt dieses Orchester über die Verstärkeranlage dermassen schmächtig und matt, das die Funkgeräte der Bronco-Security zeitweise das Lauteste sind, was in den Rängen zu vernehmen ist.

Wir sind am alljährlichen Open-Air-Fest «Mobiliar Akkorde», die erwähnte Grosskapelle ist das Berner Symphonieorchester, und die Idee hinter der Austragung 2010 ist eine aparte: Das altehrwürdige Orchester soll mit der fast ebenso altehrwürdigen Berner Pop-Institution Patent Ochsner gepaart werden. Zwölf Stücke wurden gemeinsam eingeübt, der Berner Musiker Simon Hostettler und der Jazzpianist Philipp Henzi haben dafür die Arrangements geschrieben, und so verwundert es nicht, dass der Bundesplatz an diesem Samstagabend ob all den neugierigen Schaulustigen bald aus allen Nähten platzt.

Schon oft erprobt

Es haben sich freilich auch einige Katastrophentouristen unter die Menge gemischt, die das Experiment schon im Vornherein zum Scheitern verurteilt sehen. Wenn man bedenkt, wie oft der Flirt zwischen der klassischen Hochkultur und dem volksnahen Pop schon probiert wurde, und wie wenig wirklich Erspriessliches daraus resultierte, kann einem tatsächlich etwas Bange werden. Normalerweise steckt hinter einer solchen Klassik-Pop-Produktion der Wille eines Popstars zur grossen Geste. Es soll der Beweis erbracht werden, dass seine Lieder nicht nur im schnelllebigen Pop-Geschäft bestehen können, sie sollen in der klassischen Umsetzung zum Monument anschwellen, das die Zeit überdauert. Kein Wunder, dass die meisten Versuche an dieser Überambitioniertheit scheitern und es meist bei der einmaligen Annäherung bleibt. Nur wenige Musiker können es sich leisten, die Sache zu vertiefen, das klassische Orchester als tragenden Bestandteil in ihre Musik zu integrieren und an den Möglichkeiten des Klangkörpers zu feilen – schöne Ausnahmen bilden Bands wie Arcade Fire, Portishead, The Divine Comedy oder die tollkühne Björk.

Die Sache mit dem Groove

Im Falle der BSO-Patent-Ochsner-Fusion stammt die Idee immerhin nicht von einem überambitionierten Büne Huber, sondern vom Manager einer Versicherungsgesellschaft, die sich das Unterfangen geschätzte 300 000 Franken kosten lässt. Obwohl die Annäherung der Planeten BSO und Ochsner anfangs etwas aufreibend gewesen sein soll, gibt sich der zuständige Dirigent Lavard Skou-Larsen im Interview unmittelbar vor dem Happening fürs klassische Milieu geradezu draufgängerisch: Es sei egal, was man spiele; ob Chopin oder Ochsner, es müsse einfach grooven, da werde die Post abgehen.

Doch just in der Groove-Disziplin vermag das BSO an diesem Abend nicht sonderlich zu punkten. Im zünftig pathetischen Finale des Stücks «21 Gramm» schrammen die beiden Kapellen in Sachen Timing gehörig aneinander vorbei, und im anpackenden «Vohinger u vovoor» verkommt das Grossorchester zum schwerfälligen Fremdkörper. Doch es gibt auch den angestrebten magischen Moment zu verzeichnen: das Finale mit dem schwerblütigen «Scharlachrot» gerät stimmungsvoll, hier befruchtet das Orchester den Song und ist der Dramaturgie des Liedes zuträglich. Ebenfalls gelungen ist der «Altwybersummer» – eine Polka aus der Feder von Peter Zinsli – oder das rumplige «No geit’s»: Hier klatscht die Burgergemeinde auf der Ehrentribüne geschlossen den Viervierteltakt, und die «W. Nuss vo Bümpliz» tönt im Chor aus 10'000 Kehlen über den Bundesplatz.

Verschmelzung der Welten

Dass an diesem Abend dann doch nicht Musikgeschichte geschrieben worden ist, liegt nicht zwingend an den Direktbeteiligten und schon gar nicht an den äusserst fintenreichen und mit schönen Details verzierten Arrangements der Herren Hostettler und Henzi. Es liegt am eingangs erwähnten Dilemma, dass das Orchester im verkabelten Zustand zu keiner Zeit des Konzertes die nötige Wucht und Dynamik erzeugt, um sich neben dieser sympathischen Rumpelband in Szene setzen zu können. Gerade im Bassbereich fehlt es an Druck und klanglicher Differenziertheit, bei vier Kontrabässen ein doch erstaunlicher Missstand. Die Verschmelzung der Welten, sie mag auf der Bühne stattgefunden haben, am Mischpult wollte sie nicht so recht gelingen. (Der Bund)

Erstellt: 30.08.2010, 07:20 Uhr

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4 Kommentare

Sebastian Schindler

31.08.2010, 14:23 Uhr
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Als BSO Mitglied habe Ich dieses einmalige Ereignis sehr genossen.Von der Bühne aus war dieser Abend einfach genial.Am Ende des Konzerts hätten wir unbedingt nochmal die W.Nuss spielen sollen.Aus meiner Sicht war dieser Event grosse Klasse!!!Gerne einmal wieder.Schade dass Ane Hebeisen so kühl über diesen emotionalen Event berichtet hat. Antworten


Lena Sullivan

30.08.2010, 15:13 Uhr
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...gebe den zwei Kommentar Schreibern absolut recht. Das Konzert war etwas besonderes und ich fand es genial!!! Ein bischen mehr offenheit seitens der Kritikerin würde definitiv nicht schaden. Glaube nicht das der Beifall am Ende etwas anderes ausgesagt hat als dass das Konzert auf sehr breite Begeisterung gestossen ist! Ich habe es auf jeden Fall genossen!!! MERCI Antworten


charles Heine

30.08.2010, 13:45 Uhr
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Liebe Ane Hebeisen, ich glaube sie sind an einem andern Anlass gewesen, Sie haben nicht den tollen und genussreichen Anlass besucht, den ich erlebt habe. Leider haben sie vergessen, dass die Akustik an einem Open-air nicht gleich tönen kann, wie in einem verstaubten Konzertsaal. Gerade das Experiment zwischen Klassik und groovigem Rock haben sie überhaupt nicht berücksichtigt. Das ist schade... Antworten


Rosmarie Borle

30.08.2010, 10:28 Uhr
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Da sehe ich beim BSO-Patent Ochsener-Konzert tausendfach glückliche Gesichter, Tränen der Rührung und viel Freude und Begeisterung, noch im Bus wird nur über dieses tolle Konzert geredet - aber in der Kritik beweist Ane Hebeisen, was sie alles weiss über Musik wie genau sie hinhören kann und zerschreibt dieses Geschenk total, seelenlos und akribisch, nicht mal mäkellos!!! Rosmarie Borle Antworten



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