Neues Fernsehzeitalter in Bern
Von Hans Galli. Aktualisiert am 10.11.2010 1 Kommentar
Von Bern bis Solothurn
Die Finecom Telecommunications AG in Biel mit 40 Mitarbeitenden gehört der Besonet-Gruppe. Ihr angeschlossen sind mehrere Kabelnetzunternehmen aus den Kantonen Bern, Aargau, Solothurn und Wallis: Energie Seeland AG Lyss, Energie Belp, EW Aarberg, Gemeinschaftsantenne (GA) Weissenstein GmbH Solothurn, GA Grenchen, GA Region Herzogenbuchsee, GB Muri, Renet Langenthal, Localnet AG Burgdorf, GGSnet Schwängimatt und Valaiscom AG Brig-Glis. Finecom liefert das Fernsehsignal für die 200 000 Haushalte im Besonet-Gebiet. Davon haben 70 000 das Multimedia-Produkt Quickline abonniert. Laut Finecom handelt es sich um den grössten schweizerischen Kabelnetzverbund nach der Cablecom. Die heutigen Fernsehkabelnetze bestehen aus Glasfaser- und Kupferkabeln (Koaxialkabel). In Bern will Finecom die ersten Erfahrungen mit dem reinen Glasfasernetz (Fibre-to-the-Home) sammeln und gestützt darauf über den Einstieg in Glasfasernetze in weiteren Städten entscheiden.
Nun können die ersten Kunden in Bern Fernsehen, Festnetztelefonie und Internet über das Glasfasernetz nutzen. Das Netz wird von Energie Wasser Bern (EWB) und der Swisscom (SCMN 352 0.09%) gemeinsam gebaut. Vorerst ist es für 500 Haushalte in der Länggasse freigegeben. Ende Jahr sollen es 2500 Haushalte sein, und fürs kommende Jahr ist ein Anstieg auf 30 000 geplant.
Drei Anbieter bewerben sich um die Kunden. Die Swisscom schliesst allerdings gegenwärtig nur Testhaushalte an. Den definitiven Start plant sie in allen Schweizer Glasfasernetzen gleichzeitig, wie Konzernchef Carsten Schloter gestern gegenüber den Medien sagte. Gesamtschweizerisch seien 240 000 Haushalte mit Glasfasern erschlossen – bis die Swisscom ihre Werbekampagne starte, müssten es noch einige mehr sein.
Sendungen 24 Stunden verfügbar
Die Mygate AG dagegen hat den Einstieg in Bern schon vor einer Woche bekannt gegeben. Die Bieler Firma Finecom hofft, an der morgen beginnenden Hausbau- + Energiemesse in Bern die ersten Verträge abschliessen zu können. Finecom hat einen Heimvorteil: Sie ist bereits auf den Kabelfernsehnetzen rund um Bern präsent, und sie hat im vergangenen Jahr den Testbetrieb mit 15 Haushalten auf dem EWB-Netz durchgeführt. Nun bietet sie in Bern ihr Multimediaprodukt Quickline Fiber an, mit Internet, Festnetz, Mobilnetz und interaktivem Fernsehen. Letzteres umfasst rund 200 Fernsehsender und 150 Radiostationen. Als Besonderheit nennt Firmenchef Nicolas Perrenoud das zeitversetzte Fernsehen: Von den 24 meistgesehenen Sendern bleiben alle Sendungen 24 Stunden auf den Servern von Finecom gespeichert und können von dort abgerufen werden.
Zeitversetztes Sehen ist die grosse Spezialität des Digitalfernsehens. Alle Provider offerieren diese Möglichkeit. Exklusiv ist laut Firmenchef Nicolas Perrenoud, dass Finecom 24 Sender speichert, ohne dass der Kunde etwas programmieren muss. Der Zusatzservice kostet jedoch 5 Franken pro Monat. Der Kunde hat die Möglichkeit, weitere ausgewählte Sendungen zu speichern.
Zum Finecom-Angebot gehören zudem 12 Sender mit hochauflösender Bildqualität (HD) sowie Bezahlfilme. Die Videothek umfasst laut Perrenoud 500 Filme. Die Preise pro Film bewegen sich zwischen Fr. 4.50 und Fr. 7.50. Finecom bietet wie Cablecom und Mygate auch Erotikfilme an, während die Swisscom darauf verzichtet – aus Gründen des Familienschutzes.
Nicht mithalten kann die Konkurrenz bei der Liveübertragung von Fussball- und Eishockeyspielen. Die Swisscom hat sich via Teleclub die Exklusivrechte gesichert. Vorläufig will sich Finecom auf andere Sportkanäle sowie den Aufbau eines SCB-Fernsehens mit Interviews und Hintergrundberichten konzentrieren: Quickline gehört schon heute zu den SCB-Sponsoren.
Neben einem Informationsteil mit regionalen Meldungen und regionalisiertem Wetterbericht wird auch der Zugang zu Facebook über das TV-Gerät angeboten. Allerdings dürfte nicht jeder Teenager erpicht darauf sein, dass die ganze Familie parallel zu «Wetten, dass . . ?» mitverfolgen kann, was seine Freunde gerade tun. Da dürfte schon eher auf Begeisterung stossen, dass er via TV-Fernsteuerung eine Pizza bestellen kann.
Billiger als die Swisscom
Digitalfernsehen und schnelles Internet sind die Hauptargumente für den Bau von Glasfaserleitungen bis in jede Wohnung. Die Anbieter hoffen, dass möglichst viele Kunden ein Gesamtpaket mit Fernsehen, Internet und Telefonie nutzen. Bei Finecom kostet das All-in-One-Paket pro Monat 99 Franken. Eingeschlossen ist entweder Festnetztelefonie oder ein Mobilfunkabonnement. Der Internetanschluss hat eine Bandbreite von 30 000 Kilobit pro Sekunde beim Herunterladen sowie von 10 000 Kilobit pro Sekunde beim Senden von Daten.
Mygate verlangt für ihr Dreierpaket mit 30 000 Kilobit Empfangen und 2000 Kilobit senden ebenfalls 99 Franken. Mit der halben Internetgeschwindigkeit kostet es 79 Franken.
Bei der Swisscom gibt es noch kein Angebot für das Glasfasernetz. Casa Trio für das Kupferkabel ist mit 111 Franken teurer als die Angebote der Mitbewerber. Zudem ist die Internetbandbreite mit 20 000 Kilobit Download und 1000 Kilobit zum Senden deutlich kleiner.
Alle gegen die Cablecom
Alle neuen Anbieter müssen sich auf dem Platz Bern mit der langjährigen Anbieterin Cablecom messen. Sie bietet ein Dreierpaket für 75 Franken an. Hinzu kommt die Grundgebühr für den Kabelanschluss von gut 23 Franken. Insgesamt ist das Cablecom-Angebot etwa gleich teuer wie jenes von Finecom und Mygate. Die Senderzahl ist mit 120 allerdings geringer, und die Internetbandbreite ist mit 20 000 Kilobit beim Herunterladen und 2000 Kilobit beim Senden von Daten tiefer.
In den kommenden Monaten dürften weitere Anbieter auf das Berner Glasfasernetz drängen. Schon früh Interesse angemeldet hat beispielsweise Sunrise – allerdings hat das Unternehmen noch keine TV-Strategie bekannt gegeben. EWB wünscht sich laut Aussagen eines Sprechers insbesondere einen weiteren Partner mit Angeboten für Berner Unternehmen. Finecom-Chef Perrenoud sagt jedoch, die Zahl der Anbieter auf dem Berner Netz dürfe nicht zu gross werden, sonst werde der Marktanteil für den Einzelnen zu klein, und die Investitionen lohnten sich nicht mehr. (Der Bund)
Erstellt: 10.11.2010, 09:38 Uhr
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