Bern

Neue Schubkraft für die Hagelschützen

Von Simona Benovici. Aktualisiert am 27.06.2011

Die Hagelbekämpfung soll professioneller werden. Der Hagelabwehrverband Mittelland-Emmental setzt auf eine neue Koordinationsstelle – und hofft auf eine Trendwende.

Ulrich Friedli, Präsident des Hagelabwehrverbands Mittelland-Emmental, schiesst selber auf Hagelwolken. (Valérie Chételat)

Ulrich Friedli, Präsident des Hagelabwehrverbands Mittelland-Emmental, schiesst selber auf Hagelwolken. (Valérie Chételat)

Umstrittene Wirkung

Seit den 1950er-Jahren werden in der Schweiz Gewitterwolken mit Hagelraketen beschossen. Die Ladung der Raketen – je nach Raketentyp 10–15 Gramm Silberjodid – soll das unterkühlte Wasser in den Wolken binden, noch bevor sich daraus grosse Hagelkörnern bilden können. Das gebundene Wasser haftet den Silberjodid-Molekülen in Form von kleinen Eiskristallen an, fällt durch die noch schwache Thermik nach unten und taut in den wärmeren Luftschichten wieder auf. Ziel ist es also, dank dem Freisetzen von Silberjodid Hagel möglichst in Regen zu verwandeln. Die Effektivität der Methode ist jedoch umstritten. Wissenschaftlich ist sie nicht belegt. Eine im Napfgebiet 1983 durchgeführte fünfjährigen Versuchsreihe der ETH Zürich zeigte, dass nur gerade ein Drittel der Hagelschläge dank Silberjodid-Impfungen tatsächlich verhindert respektive abgeschwächt werden konnten.

Das Einzelkämpfertum bei der Hagelabwehr hat ein Ende. Seit zwei Wochen koordiniert im Kanton Bern eine zentrale Stelle den Abschuss der Silberjodid-Raketen. Ist Hagel im Verzug, kann künftig dank Radar- und Wetterbildern der Einsatz der Geschosse abgestimmt werden. Die Koordination soll der Hagelabwehr mitunter zu neuem Aufschwung verhelfen. Denn anders als in anderen Landesteilen – etwa der Ostschweiz – ist im Kanton Bern die Beteiligung am Hagelschiessen gering. Von 383 sind heute gerade noch 25 bernische Gemeinden aktiv in der Hagelabwehr tätig.

Drastischer Rückgang seit 1995

Seit vor sechzehn Jahren das Luftfahrtgesetz geändert wurde, ist im Mittelland die Schiesstätigkeit im Dienste der Hagelbekämpfung zurückgegangen. «Alles ist komplizierter geworden», sagt Ulrich Friedli, Präsident des Hagelabwehrverbandes Mittelland-Emmental. Die Vorschrift, wonach vor dem Abfeuern einer Rakete zuerst eine Abschussbewilligung einzuholen und der Einsatz des Sprengkörpers mit der Flugsicherung Skyguide abzusprechen ist, habe das Hagelschiessen erschwert. Viele Gemeinden hätten sich in den letzten Jahren zwar noch für die Hagelabwehr interessiert, diese aber nicht mehr aktiv betrieben. Waren 1995 – im Jahr, als die verschärften gesetzlichen Bestimmungen in Kraft getreten sind – noch 56 Gemeinden aktiv, waren es 2001 noch deren 50.

Heute, zehn Jahre später, hat sich die Anzahl Gemeinden, die dem einzigen noch bestehenden bernischen Verband angehören, nochmals halbiert. An eine flächendeckende Hagelbekämpfung war im Mittelland entsprechend schon lange nicht mehr zu denken: Im Gürbetal etwa stellen nur noch einzelne Gemeinden wie Belp, Belpberg oder Kirchdorf Schützen. Etwas besser verankert ist das Hagelschiessen noch im Emmental. Hier reicht das Aktivgebiet von Signau im Norden bis Schangnau im Süden und von Eggiwil im Osten über Röthenbach, Buchholterberg, Wachseldorn, Ober-, Unterlangenegg, Fahrni und Oppligen im Westen.

SMS-Alarm für Schützen

Ein neues Bewilligungs- und Alarmierungskonzept soll nun der Hagelabwehr auch in den verwaisten Gebieten des Kantons zu einem Comeback und vor allem zu mehr Professionalität verhelfen. Seit diesem Juni betreibt der Hagelabwehrverband Mittelland-Emmental eine eigene Koordinationsstelle. Diese fungiert als Schnittstelle zwischen den einzelnen Schützen und der Flugsicherung. Gestützt auf aktuelle Radar- und Wetterbilder, beurteilt der Koordinator die aktuelle Wetterlage, holt die nötigen Bewilligungen ein und informiert die Schützen via SMS-Alarm über herannahende Hagelfronten und mögliche Einsätze. Für die bernische Hagelabwehr ist das ein absolutes Novum. Schweizweit ging bisher nur die Hagelabwehr Ostschweiz so vor.

«Wir haben das Gefühl, dass dank der Koordinationsstelle die Schiesstätigkeit wesentlich verbessert werden kann», sagt Friedli. Einerseits verschaffe diese Vorgehensweise den einzelnen Schützen mehr Vorbereitungszeit für einen Einsatz. Andererseits könne so punktgenau bestimmt werden, wer wann und wo am effektivsten eine Rakete abfeuern soll. Und: Den Schützen werde der administrative Aufwand abgenommen. Denn bisher waren das Abschätzen der Wetterlage und das Einholen der Abschussbewilligung alleinige Sache der Schützen, was Absprachen und eine gezielte Abwehr ebenfalls erschwerten.

Einjährige Testphase

Vorerst will der Verband das neue Bewilligungs- und Alarmierungskonzept ein Jahr lang testen. Wird es für gut befunden, so müssten anschliessend Sponsoren gesucht werden, um die Kosten für Radarbilder und Wetterdaten decken zu können. Den finanziellen Aufwand auf die Verbandsgemeinden abzuwälzen, komme nicht infrage, so Friedli. «Das wäre ungerecht, da auch andere Gemeinden, die nicht im Einzugsgebiet des Verbands sind, von der Hagelabwehr profitieren.» Ausserdem wolle man der Tendenz der letzten Jahre, dass sich immer weniger Gemeinden aktiv am Hagelschiessen beteiligen, durch finanzielle Bürden nicht unnötig Vorschub leisten. Im Gegenteil: Ziel sei es, wieder mehr Gemeinden gewinnen zu können.

Gemeinden machen wieder mit

Einen ersten Erfolg darf der Verband in dieser Hinsicht bereits verbuchen. Letzte Woche hat die Gemeinde Riggisberg mitgeteilt, dass sie nach neun Jahren Unterbruch ab 2012 wieder aktiv an der Hagelabwehr teilnehmen will. Noch in diesem Jahr sollen Hagelabwehrschützen ausgebildet werden. Eine Entwicklung, die Friedli optimistisch stimmt. «Wir sind an einem Punkt des Umdenkens angelangt und hoffen, dass das Beispiel Riggisberg ein Fingerzeig für andere Gemeinden ist.» (Der Bund)

Erstellt: 27.06.2011, 06:25 Uhr

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