Magischer Moment der Machtlosigkeit
Von Dölf Barben. Aktualisiert am 30.03.2010 11 Kommentare
Am Sonntagabend stellte sich das Gefühl, etwas Besonderes zu erleben, wieder ein. Kurz vor 18 Uhr im Berner Rathaus: Der Staatsschreiber – nicht etwa der Regierungspräsident – tritt vor die Leute, die in der grossen Halle versammelt sind. Und er, der in der Öffentlichkeit sonst fast nie das Wort ergreift, verkündet die Namen der Gewählten.
Es gibt Länder, in denen eine Wahl dann entschieden ist, wenn einer der Kandidaten seine Niederlage eingesteht. Oder wenn ein anderer seinen Sieg laut genug behauptet. Hier ist es anders: Die wiedergewählten, die noch amtierenden, aber auch die neu gewählten Regierungsmitglieder scheinen in dem Moment, in dem sie sich in der Halle unter die Leute mischen, über keine Macht zu verfügen.
Es ist, als hätten sie sie bei der Garderobe abgegeben. Und sie haben nichts zu sagen. Keiner hält eine Ansprache. Keiner dankt seinen Anhängern. Das Wort gehört dem Staatsschreiber. Und spätestens dann, wenn dieser den letzten Namen ausspricht, bricht bei einem Teil der Versammelten Jubel aus. Während andere verstummen. Es ist zu beobachten, wie Gesichter plötzlich strahlen. Und wie Blicke erstarren. Die Gewählten nehmen Glückwünsche entgegen und Blumen. Aber vor allem anderen: Es gibt keinen Zweifel. Keine Unruhe. Keinen Tumult. Keine Gewalt.
Es ist ein gutes Gefühl, einen solchen Vorgang mitzuerleben. Dabei schwingt auch ein wenig Stolz mit. Es ist der Stolz, in einem Staat zu leben, in dem so etwas nicht nur möglich, sondern selbstverständlich ist. Es ist ebenfalls gut zu wissen, dass im Rathaus kein ausgewähltes Publikum und keine geladenen Gäste warten. Wer dabei sein will, ist dabei. So wie jener Mann, der in abgewetzten Kleidern und etwas verstört durch die grosse Halle irrt. Vor dem Rathaus sind Polizisten postiert, das schon, aber ihn haben sie eingelassen. Das Rathaus, in dem sich Bürgerinnen und Bürger einfinden, unter ihnen Mächtige und Machtlose, Arme und Reiche, Linke und Rechte, Gläubige und Ungläubige, wird in diesem Moment, der ohne Macht auszukommen scheint, zu einem Symbol für den Staat.
Selbstverständlich entsteht am Abend des Wahlsonntags nirgendwo ein richtiges Machtvakuum. Die Macht der alten Regierung geht in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni auf die neue Regierung über. Dann erst beginnt die neue Legislaturperiode. Am Wahltag liegt die Macht ganz eindeutig noch in den Händen des alten Regierungsrats. Deshalb ist der Staatsschreiber, wenn er vor die versammelten Leute im Berner Rathaus tritt, auch kein Machthaber – und doch ist er etwas Besonderes: Er ist in diesem Moment, wie dies Staatsschreiber Kurt Nuspliger selber ausdrückt, «der Treuhänder des Volkswillens».
Und diese Funktion übt er bewusst «unter den Augen der Öffentlichkeit» aus. Dazu gehört auch, nicht einfach ein Schlussresultat bekannt zu geben. Die Ergebnisse, die nach und nach aus den Wahlkreisen eintreffen, werden laufend veröffentlicht – im Internet und auf Bildschirmen im Rathaus. Ausser beim letzten Wahlkreis. Sobald dessen Resultate eintreffen, gibt es einen Unterbruch. Bevor das Schlussresultat verkündet wird, überprüft der Staatsschreiber mit seinen Leuten, ob damit alles in Ordnung ist: Haben die Personen auf den ersten sieben Plätzen das absolute Mehr erreicht? Oder braucht es etwa einen zweiten Wahlgang? Und noch etwas anderes passiert in diesen zehn bis fünfzehn Minuten: Die Kandidaten werden informiert. Dabei geht es vor allem um die Verlierer. Damit sie draussen bleiben können, wenn sie das wollen. (Der Bund)
Erstellt: 30.03.2010, 10:04 Uhr
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11 Kommentare
@Mireille Guggenbühler. Das behaupten Sie, als Jouralistin. Bei der BdP ist immer noch Vorsicht geboten, einerseits haben Sie recht, dass die BdP mal links, mal rechts entscheidet. Der Ball liegt in den Händen der beiden Parteien. Da braucht's keine Versöhnung. Antworten
Liebe Frau Masshardt, es sind nicht primär Alter oder Geschlecht, die ein Programm ausmachen. Genau so wenig dürften es smarte Onlineauftritte und/oder Videofilmchen sein, die überzeugen. Hoffentlich zählt immer noch das SEIN und nicht der SCHEIN. Zwei Drittel der Berner verzichten auf die Passfotowahlen. Der Proporz muss kandidatenbezogen wieder schlanker werden...! Kumuliert die Besten. Antworten
Eh, eh - Ruedi Joder. Haben Sie vergessen, dass auch die SVP ab und "links" stimmt. Ihr Berner Unterländer hättet bei der Ersatzwahl von Werner Luginbühl besser auf die Oberländer gehört und nicht dem Taktierer Neuhaus hofiert. Dass wir "herti Grinde" haben und ab und "täupelen", das sollte ja auch in Belp ausreichend bekannt sein - Dr. Albert Rösti hat in Bern/Biel verloren und nicht im Oberland! Antworten
Das Problem der SP ist nicht der Anti-SVP Reflex. Das Problem der SP ist ihre ideologiebehaftete realitätsfremde multi-kulti Politik. Wer halt immer alles abstreitet und verharmlost weil es nicht der Ideologie entspricht (Ausländerkriminalität, Islam in der Schweiz, ausländische jugendliche Straftäter, Sozialhilfemissbrauch etc etc) erhält die Quittung in Form von Volksentscheiden. Simple as that. Antworten
Wieso wird die EDU in solchen Grafiken immer ganz rechts dargestellt? Dies entspricht nicht den Tatsachen. Gemäss Sachpolitik, wie z.B. im Smartvote ersichtlich, politisiert die EDU Mitte-Rechts etwa auf Höhe von BDP und FDP, und ist somit "links" der SVP. Antworten
Liebe "Genossen" Erinnert ihr euch an den SP-Jubel im Nationalratssaal, als Blocher abgewählt und Widmer-Schlumpf gewählt wurde? Ohne diesen Winkelzug gäbe es keine BDP. Diese BDP nimmt euch jetzt die Stimmen weg... Wie man sich bettet, so liegt man. Es gibt keinen Grund, sich zu beklagen. Antworten
Oben beschriebene Wahlanalise der SP,betreffend SVP BDP zielt an einem nicht unwichtigen Grund vorbei.Mit der Abwahl von CB wurde der Grundstein der Schwächung der SP,CVP,FDP,erfolgreich eingeleitet. Dies zeigte sich im nachhinein für FDP, SP, CVP und auch Grüne immer mehr als Eigengoal.War so voraus zu sehen.Bitte Politiker,seid weiter alle gegen die SVP,das Volk sieht zu und wählt.Besten Dank. Antworten
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Gubser Beat
@Rudolf Burgener Die EDU politisiert Mitte-Rechts, allerdings nicht liberal, sondern konservativ. Antworten