Lyss: Ein Turm zur Weitsicht, auch im Kopf
Der Lysser Aussichtsturm wurde noch im Jubiläumsjahr eröffnet. (Valérie Chételat)
Vom Städtli her kommend, versteckt sich der neue Lysser Aussichtsturm hinter Tannen und Baumästen. Er wirkt klein und unspektakulär. Doch steht man erst auf der Chrützhöchi, tun sich einem die wahren Ausmasse der viergliedrigen Holzkonstruktion auf. «Es fehlt nur noch King Kong, der zuoberst auf dem Turm brüllt», kommentiert der 60-jährige Raffael Montero aus Lyss.
Vier mehr als 100-jährige Douglasien-Baumstämme aus Lysser Wald tragen die 38 Meter hohe Konstruktion. Rund 16 Tonnen an Stahlseilen und Verschraubungen wurden zudem zur Verstrebung der Baumstämme eingesetzt. Andreas Möri vom Verein Lysser Aussichtsturm freut sich, dass der Turm in der «Rekordzeit» von vier Monaten aufgebaut werden konnte. Dies sei dem guten Wetter und der tollen Arbeit der zuständigen Holzbaufirmen zu verdanken. Für Möri bedeutet der Turm eine bleibende Erinnerung an das 1000-Jahr-Jubiläum der Gemeinde Lyss, das dieses Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert wurde.
Die Turmeröffnung darf der designierte Gemeindepräsident Andreas Hegg (fdp) vornehmen und – noch vor seinem Amtsantritt – das rote Band durchschneiden. «Dieser Turm soll der Lysser Bevölkerung eine tolle Aussicht auf ihre Gemeinde und die Umgebung, aber auch Weitblick im Kopf ermöglichen», erklärt Hegg. Zusammen mit den Lysser Kindern erobert er darauf unter Applaus den Aussichtsturm, dessen Treppe sich über 180 Stufen auf die finale Plattform hochdreht.
Turmbau-Abfall für die Erdbeeren
«Mami, ich habe das Schild gefunden, wir sind die 120. und die 125. Stufe», schreit ein Kind auf dem Weg nach oben. Die Sponsoren der Treppenstufen sind mit einem silbernen Schild vermerkt, doch noch nicht alle 180 Stufen sind vergeben.
Auf der Plattform angekommen, ziehen die Leute erst mal die Kragen ihrer Jacken hoch und ihre Mützen tiefer ins Gesicht. Ein eisig kalter Wind bläst in der Höhe, lange hält man es auf dem Turm bei diesem Wetter nicht aus. Der Lysser Erich Linder ist mit seiner Familie zur Eröffnung gekommen und zeigt auf sein Haus, das man vom Turm aus sehen kann. «Dies ist unser Spazierwald, und wir haben die Turmbaustelle während der Bauarbeiten oft besucht.» Sie hätten sogar Sägespäne, die bei den Schreinerarbeiten entstanden seien, nach Hause genommen – um die Erdbeeren im Garten zu schützen. Auch Sohn Michael hat sich auf der Baustelle mit Bauholz eingedeckt und daraus einen Weihnachtsmann gebastelt.
Der Blick in die Ferne ist am Eröffnungstag nicht möglich: Das stürmische Winterwetter lässt es nicht zu, die Aussichtsqualitäten des neuen Wahrzeichens von Lyss zu testen.
Vorgeschmack auf die Fernsicht
Wie die Aussicht vom Turm bei besten Wetterbedingungen aussehen könnte, zeigen die Bilder einer Diaschau während der Einweihungsfeierlichkeiten in der Aula der Schulanlage Grentschel. Zu «What a Wonderful World» von Louis Armstrong können die Anwesenden herrliche, vom Aussichtsturm aus geschossene Bilder der Alpen, des Juras und der Natur geniessen. Zudem werden die Bauarbeiten von der Abholzung der grossen Douglasien über die Betonierung des Fundaments und die Aufrichtung der Baustämme im Schnelldurchlauf gezeigt.
Der amtierende Gemeindepräsident Hermann Moser (fdp) dankt der Personalwaldkorporation (PWK) und den vielen Sponsoren für das Geschenk und wünscht der Lysser Bevölkerung viele «schöne, philosophische und vielleicht sogar romantische Momente» auf dem Aussichtsturm. Auch der Präsident der Personalwaldkorporation, Martin Aebi, freut sich als Lysser Burger über die gelungene Durchführung des Projektes. Aufgrund von Planungsanpassungen kam das Bauwerk anstatt auf 550 000 Franken schliesslich auf 740 000 Franken zu stehen. Laut Aebi müssen jetzt noch 60 000 Franken beschafft werden. Fast täglich meldeten sich interessierte Sponsoren, so beispielsweise ein 1000-Meter-Läufer, der die Besteigung des Turms in sein Trainingsprogramm einbauen werde. «Dass wir dieses Projekt trotz den wirtschaftlich schwierigen Zeiten ausführen konnten, macht mich stolz», erklärt Aebi. Zudem habe die PWK alles daran gesetzt, dass die Eröffnung des Turmes trotz den finanziell bedingten Verzögerungen noch im Jubiläumsjahr geschehen könne.
Blick vom Turm in die Zukunft
Zurück auf dem Aussichtsturm: «Siehst du mich», ruft Heinz Spychiger in sein Telefon und winkt stürmisch Richtung Lyss. Doch alles Winken nützt nichts, die Entfernung ist zu gross. «Ich bin oft am Morgen dort in meinem Haus beim Kaffee gesessen und habe Richtung Turmbaustelle geschaut», sagt Spychiger, der als Geschäftsführer der Holzbaufirma Felma massgeblich am Turmbau beteiligt war. Da sei er jeweils ganz «chribbelig» geworden, doch das ambitionierte Projekt sei glücklicherweise ohne Unfälle über die Bühne gegangen.
Eine Gruppe von drei Männern diskutiert auf der Turmplattform und verbindet den Ausblick auf Lyss mit dem Blick in die Zukunft: «Von hier aus erkennt man, dass Lyss gar nicht so gross ist. Unsere Gemeinde kann also zukünftig durchaus noch wachsen.» (Der Bund)
Erstellt: 14.12.2009, 08:18 Uhr
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