Leserbrief: «Ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag...»

Kann Bern Mobil auf Bedürfnisse eingehen? Ein weiterer Leserbrief zum ÖV in Bern.

Die Leserbriefe zum Thema Berner ÖV habe ich mir mit grossem Interesse zu Gemüte geführt. Ich wusste gar nicht, dass ich die Möglichkeit habe, absichtlich Fahrgäste einzuklemmen! Bis jetzt war ich überzeugt, dass die Automatik mit Klemmschutz, welche den Fahrgästen die Türen freigibt, von mir nicht beeinflusst werden kann.

Nun ein paar Gedanken zu den angesprochenen Themen; hier kurz ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag von mir: Am Bahnhof habe ich heute Arbeitsbeginn und fahre Richtung Endstation. Pünktlich komme ich an und habe drei Minuten Aufenthalt. Gäste steigen ein. Herr Dauerstress kommt zu mir, er hat vergessen, mir guten Tag zu sagen, stattdessen will er sofort wissen, wie lange ich zum Bahnhof benötige, er müsse auf den Zug! Während ich ihm die durchschnittlich benötigte Fahrzeit nenne, wird es Zeit, abzufahren.

Da kommt gerade noch Frau Eilig angerannt, selbstverständlich warte ich, bis sie ein Billett gelöst hat. Als ich losfahren will, kommt Herr Immerspät ganz ausser Atem. Herr Dauerstress wird bereits nervös und zunehmend sauer, er müsse auf den Zug!

Mit zweieinhalb Minuten Verspätung schaffe ich es, die Fahrt in Angriff zu nehmen. Bei der nächsten Haltestelle winkt mir Herr Rollstuhlfahrer Fröhlich zu, selbstverständlich ermögliche ich ihm den Einstieg, indem ich die Rollstuhlrampe auf- und wieder zuklappe.

Nun starren mir bereits vier Minuten Verspätung aus dem Display entgegen. Herr Dauerstress findet das ganz und gar nicht lustig. Ich komme nur sehr langsam voran, da es ausgerechnet heute mehr Fahrradfahrer als sonst unterwegs zu haben scheint.

Bei einem Fussgängerstreifen überquert Herr Zufriedenheit mit seinem Hund sowie dem weissen Blindenstock die Strasse.

An einer andern Stelle fällt einem fröhlich vor sich hinkreischenden Zappelphilipp sein Stofftierchen aus dem Kinderwagen, ausgerechnet mitten auf dem Fussgängerstreifen.

Endlich komme ich auf die reservierte Fahrspur für Busse und kann fahren. Sieben Minuten Verspätung . . . Herr Pünktlichkeit flucht und wettert über diesen Service, er will sich bei der Direktion sowie mit einem Leserbrief beschweren. Noch drei Haltestellen und wir sind beim Bahnhof, käme da nicht Herr Gemütlichkeit mit seinem Handy dem Bus entgegenspaziert . . . Ich öffne ihm die erste Türe, damit es möglichst schnell geht. Herr Gemütlichkeit spaziert vergnügt an der offenen Türe vorbei, offenbar will Herr Gemütlichkeit gar nicht zusteigen?

Ich verriegle und fahre . . . Beim Kontrollblick in den Spiegel sehe ich Herrn Gemütlichkeit bei der letzten Türe ausser Rand und Band, er flucht und gestikuliert wild mit den Händen. Dann wollte er scheinbar doch mitkommen?

Jedoch einsteigen, wo und wie er will! Bestimmt wird auch er im Betrieb anrufen und einen Leserbrief schreiben. Das kann ja wieder mal heiter werden, denn ich habe erst eine halbe Runde geschafft und weitere viereinhalb noch zu fahren…

Bern-Hart Büffel, Bern

Erstellt: 05.11.2009, 08:27 Uhr

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