Lehrermangel: «Wir rennen den Leuten hinterher»
Von Dölf Barben. Aktualisiert am 28.07.2010 1 Kommentar
Noch 26 Lehrerstellen frei
Zwei bis drei Wochen vor Beginn des neuen Schuljahres sind im Kanton Bern noch 26 Lehrerstellen frei. Man sei zuversichtlich, dass sie noch rechtzeitig besetzt werden könnten, sagt Martin Werder, Kommunikationschef der Erziehungsdirektion, auf Anfrage und bestätigt damit einen Bericht der «Berner Zeitung». Bei knapp der Hälfte der Stellen handle es sich um solche im Bereich Heilpädagogik; in den meisten Fällen seien es Teilzeitstellen. Die Situation präsentiere sich ähnlich wie in vergangenen Jahren, sagt Werder. Trotz des Lehrermangels würden im Kanton Bern in aller Regel Leute eingestellt, die über die entsprechenden Patente verfügten. «Vermutlich wird es ganz wenige Ausnahmen geben.» Eine entsprechende Umfrage, deren Ergebnisse nach Schulbeginn erwartet werden, wird Aufschluss darüber geben. Unter dem Lehrermangel leiden laut Werder vor allem die Schulbehörden in Randregionen. Schreiben sie eine Stelle aus, melden sich manchmal nur vereinzelte Kandidaten, sodass von einer Auswahl kaum die Rede sein kann.
Besondere Massnahmen zur Bekämpfung des Lehrermangels mussten die Kantone Zürich und Aargau ergreifen. In Zürich sind Dutzende freie Stellen an Studierende der Pädagogischen Hochschule vergeben worden, die sich in der Endphase ihrer Ausbildung befinden. Anfang Woche waren in Zürich noch 86 Stellen nicht besetzt, zwei Wochen zuvor waren es noch 195 gewesen, wie die «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens berichtet hatte. Der Kanton Aargau hatte offene Stellen in Deutschland und Österreich ausgeschrieben, wie er dies seit über zwanzig Jahren tut. Mit dieser Methode hat er Erfolg; nicht besetzt sind im Moment vor allem noch Teilzeitpensen. Hochgerechnet auf ganze Stellen waren es Anfang Woche 21. Im Frühling wurden noch Lehrerinnen und Lehrer für 200 Stellen gesucht. (db/sda)
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Im Stellenmarkt für Lehrerinnen und Lehrer im Kanton Bern waren gestern im Bereich Volksschule und Kindergarten 31 offene Stellen ausgeschrieben. Es sind Stellen in Schüpbach, Signau, Nidau, Langenthal, Bern, Thun, Inkwil, Biglen, Huttwil, Interlaken, Büren zum Hof, Niederwangen, Lützelflüh, Ostermundigen, Reconvilier, Burgdorf, Hilterfingen, Neuenegg, Rüfenacht, Brienz, Oberhofen und Feutersoey. In 26 Fällen werden Lehrpersonen gesucht, die bereits in zwei bis drei Wochen mit Unterrichten beginnen sollen.
Was steckt zum Beispiel hinter dem Inserat aus Feutersoey, einem Ortsteil der Gemeinde Gsteig, die ganz am Rand des Kantons Bern liegt? Gesucht wird dort eine Primarlehrkraft, die wöchentlich vier Lektionen Französisch erteilt. Kontaktperson ist Schulleiter Thomas Raaflaub. Die Stelle habe glücklicherweise dieser Tage besetzt werden können, sagt er auf Anfrage am Telefon. Doch ein Problem habe er immer noch, fährt er fort: Für die Schule in St. Stephan, für die er ebenfalls zuständig ist, suche er nach wie vor eine Französischlehrkraft. «Wir suchen seit März», sagt er. Er rechne gar nicht damit, dass sich jemand auf das Inserat melde. In Tat und Wahrheit «rennen wir den Leuten hinterher». Er habe bereits zahlreiche Personen angefragt, ob sie das Pensum übernehmen könnten.
Thomas Raaflaub hofft, dass sich noch eine Lösung ergibt. Falls nicht, werde er die Lektionen selber erteilen. Lehrer können ihr Pensum bis auf 105 Prozent ausweiten. Falls er mit seiner Lektionenzahl diese Limite übersteige, werde er dies im nächsten Schuljahr ausgleichen können. Und wenn das nicht geht, werden ihm die Lektionen langfristig gutgeschrieben. Mit dieser Lösung wäre er aber nicht zufrieden, sagt er.
«Kanton hört bei Erlenbach auf»
«Wir spüren den Lehrermangel hier oben schon viel länger», sagt der 55-jährige Schulleiter. «Auswählen können wir fast gar nicht mehr.» Nun aber drücke der Mangel allmählich auch auf andere Regionen durch. Für Raaflaub ist klar, warum Schulbehörden in Regionen wie dem Saanenland Mühe bekunden, Lehrpersonal zu finden: Für junge Lehrerinnen und Lehrer «hört der Kanton Bern bei Erlenbach oder Oberwil auf», sagt er. Was weiter weg von den Zentren sei, interessiere sie kaum mehr – «weil sie nicht mehr pendeln können».
Früher sei es für Lehrer dagegen eine Selbstverständlichkeit gewesen, dort zu wohnen, wo sie unterrichteten, und im Dorf auch Aufgaben zu übernehmen «wie das Dirigieren eines Chörlis». Heute sei das anders: Von vielen jungen Kolleginnen und Kollegen werde der Lehrerberuf als ganz normaler Job aufgefasst, Privat- und Berufsleben würden konsequent getrennt – «man kommt am Morgen und geht am Abend». Mit den grossen Oberstufenzentren werde diese Entwicklung noch gefördert, das Berufsbild des herkömmlichen Dorf- und Klassenlehrers verschwinde zunehmend, sagt Raaflaub, der sich deshalb auch als Auslaufmodell betrachtet.
«Es ist ein wunderbarer Ort»
Vor 35 Jahren war er aus Bern ins Saanenland gezogen, um dort als Lehrer zu arbeiten. Drei Jahre gab er sich. Doch dann lernte er dort seine Frau kennen, die ebenfalls in Bern aufgewachsen war. Sie entschlossen sich zu bleiben. «Es ist ein wunderbarer Ort, um Kinder aufzuziehen», sagt Raaflaub. Er verstehe es nicht, dass junge Lehrer den Eindruck hätten, sie würden in die Wüste geschickt, wenn sie ins Saanenland ziehen müssten. «Eine solche Lebensqualität muss man zuerst finden», sagt er und schwärmt von Gstaad, das ähnliche Vorteile biete wie eine Stadt – «nur ohne deren Nachteile». Und trotzdem reicht dies nicht aus, die jungen Menschen an die Region zu binden. Ein Grund liegt darin, dass es nicht sehr viele Stellen gibt für Hochschulabsolventen. Wer einen Beruf ergreife wie Gymnasiallehrer oder Chirurg, sei gezwungen zu gehen. (Der Bund)
Erstellt: 28.07.2010, 08:45 Uhr






Peter Kobelt
Was im Artikel nicht erwähnt wurde: Die von Herrn Raaflaub erwähnte Stelle ist auf 1 Jahr befristet. Dass ein im hintersten Winkel des Berner Oberland gelegenes Dorf bei der Suche nach einer befristeten Teilzeitlehrkraft mit Kleinstpensum Probleme hat, war wohl schon in geburtenstärkeren Jahrgängen so. Antworten