«Lebenslust Emmental»: Mit geerdetem Naturleben im Trend
Von Matthias Raaflaub. Aktualisiert am 09.08.2010
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Der kleine Landverlag aus Trubschachen zeigt den grossen Schweizer Medienkonzernen, wies geht: Im Juli hat der Verlag die erste Ausgabe des Magazins «Lebenslust Emmental» veröffentlicht. Das Hochglanzheft zeigt Land, Leute, Handwerk und Kultur aus der Region. Nach dem Vorbild des deutschen Erfolgshefts «Landlust» widmet es seine Seiten dem einfachen Landleben. Weil das vor allem bei städtischen Leserinnen und Lesern im Trend liegt, möchte etwa der Ringier-Konzern auf die Erfolgswelle aufspringen. Dessen CEO Marc Walder sagte kürzlich in einem Interview mit der «SonntagsZeitung», man prüfe einen Schweizer Ableger der «Landlust». Auch Verena Zürcher, der Frau hinter dem Landverlag, diente die «Landlust» als Vorbild für das neue Emmentaler Magazin. «Als ich regionale Ausgaben davon in Deutschland sah, dachte ich, dass sich das auch bei uns machen lassen müsste», sagt sie. Die Verwandtschaft mit dem deutschen Vorbild wird schon im Titel deutlich.
Möglich macht das Experiment der überraschende Erfolg der hauseigenen Emmentaler «Mordsgeschichten». Weil die Suche nach Partnern für das Projekt erfolglos verlief, nahm Zürcher – wortwörtlich – das Heft selbst in die Hand. Obwohl das Magazin in Aufmachung und Qualität einem Produkt aus einer professionellen Tourismusschmiede gleicht, ist es ein Irrtum, dahinter Region und Tourismus Emmental zu vermuten. Es entsteht zu einem grossen Teil in Freiwilligenarbeit. «Die Anzeigen decken nicht viel mehr als die Druckkosten», sagt Zürcher. Viele Mitarbeiter sind Autoren aus dem hauseigenen Verlag und schreiben aus eigenem Antrieb. Die Korrektorin aus Zürich verrichte ihre Arbeit kostenlos. Es sei ihr genug Lohn, damit ihre ferne Heimatregion kennen zu lernen, sagt Zürcher.
Ein Schuss Nostalgie
Konzeptionell distanziert sich die «Lebenslust» zwar klar von Emmentaler-Klischees. «Wir wollen keine Postkarden-Idylle zeigen, keine Blumentröge», sagt Zürcher. Dennoch stehen positive Geschichten, Lebensfreude und auch eine Prise Heimatnostalgie im Zentrum des Hefts. Im Mix aus Porträts, Geschichten, Natur und Kultur haben persönliche Erinnerungen ebenso Platz wie eine Reportage aus der Alphornwerkstatt oder das Rezept für traditionelle Butterwaffeln. In ihrem Magazin wolle sie nicht politische und wirtschaftliche Probleme der Region wälzen, sagt Zürcher. Das scheinen auch Einheimische zu goutieren. Der Verlag hat viele positive Rückmeldungen erhalten. Die Abonnenten, derzeit rund 200, verteilen sich je zur Hälfte auf Emmentaler und Auswärtige. Die Zielgruppe der Publikation seien Einheimische und Touristen gleichermassen, sagt Zürcher – und «Heimweh-Emmentaler» wie die Abonnenten aus Kanada.
«Weniger ist manchmal mehr»
Warum aber liest das Publikum heute offenbar gerne Urchiges und Natürliches? Mehr als an das Motto «Zurück zur Natur» glaube sie an «Vorwärts zum Echten», sagt sie. In einer Welt, die schneller und komplizierter geworden sei, suche manch einer etwas Geerdetes. Das Landleben biete sich da an. «Mir scheint, weniger ist manchmal eben mehr», so die Verlegerin.
Das Magazin erscheint vier Mal jährlich in einer Auflage von 3500 Exemplaren. Ob es im nächsten Sommer fortgeführt wird, steht noch nicht fest. Nach einem Jahr will die Verlegerin über den Fortbestand entscheiden. (Der Bund)
Erstellt: 09.08.2010, 07:17 Uhr
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