Bern
Künftig lässt er es in Zürich tanzen
Vor zehn Tagen bestätigte das Berner Stimmvolk mit einem in dieser Deutlichkeit überraschenden Ja-Anteil von 73 Prozent die fi nanzielle Zukunft der Dampfzentrale Bern. «Ich verlasse Bern nach erfolgreicher Aufbauarbeit mit einem lachenden und einem weinenden Auge», sagt der 49-jährige Roger Merguin, in der Dampfzentrale verantwortlich für den Tanz. Er schliesse in Bern nach sechs Jahren als Co-Leiter des Zentrums für zeitgenössischen Tanz und Musik eine wichtige Phase seines Lebens ab und freue sich auf die Chance, «die mir das hervorragend aufgestellte Theaterhaus Gessnerallee in Zürich als führendes Haus der freien Theaterszene bietet.»
Gut vernetzt
Der 48-jährige Merguin war vor seiner Zeit in der Dampfzentrale bei verschiedenen Ensembles als Tänzer, Choreograf und Manager engagiert. Unter anderem war der diplomierte Kulturmanager für das Eröffnungsspektakel der Expo.02 in Yverdon verantwortlich. In der Dampfzentrale hat Merguin zweifellos einen wesentlichen Beitrag zur Neupositionierung des in den 80er-Jahren besetzten und später zunehmend profillos schlingernden Kulturdampfers geleistet «Seine professionelle Vernetzung und fundierte Kenntnisse der aktuellen Tanzszene» haben laut dem Vorstand der Dampfzentrale dazu beigetragen, dass die Dampfzentrale heute national und international «als profi liertes Haus für Tanz» wahrgenommen werde. 2008 lancierte Merguin das internationale Festival Tanz in. Bern als Nachfolgeveranstaltung der Berner Tanztage und legte dabei den Schwerpunkt auf neue, mitunter auch experimentelle und sperrige Kreationen von prägenden zeitgenössischen Tanzschaff enden aus dem In- und Ausland.
Mehr Mittel in Zürich
Als Nachfolger von Niels Ewerbeck, der in das Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm wechselt, wird Merguin ab August 2012 die Gesamtleitung der Gessneralle übernehmen. Neben dem freien Tanz- wird er im Gegensatz zu der bisherigen Aufgabe in der Dampfzentrale auch für das Theaterschaffen zuständig sein. «Das ist eine interessante Herausforderung für mich», räumt er ein, «die Spartentrennung in der freien Szene ist fliessend und durch meine bisherige Arbeit bringe ich neben dem Tanz auch im Bereich Theater und Performance ein Wissen mit das ich nun gerne in der Gessnerallee weiterentwickeln werde» Das im Vergleich mit der Dampfzentrale (1,9 Millionen) beträchtlich höhere Budget (4,5 Millionen Franken, davon werden jedoch fast 50 Prozent durch Ticketeinnahmen, Drittmittel und Erlöse aus dem Konzert- und Clubbetrieb «Stall 6» erwirtschaftet) eröffnet für Merguin «spannende Spielräume, um andere Formate auszuprobieren und ein grösseres Publikum zu erreichen». Die «intensive inhaltliche Zusammenarbeit» von Dampfzentrale und Gessnerallee möchte er auch von Zürich aus fortsetzen.
Aber auch in der Limmatstadt wird Roger Merguin, trotz mehr Mittel, nicht auf Rosen gebettet sein. Sein Vorgänger Ewerbeck hat erst kürzlich mit Nachdruck eine Erhöhung der Subventionen gefordert, wenn die Gessneralle auch weiter eine wichtige internationale Rolle spielen und ihr Potenzial ausschöpfen wolle. Kommt dazu, dass der geplante Ausbau der mittleren Bühne vom Zürcher Stadtrat vorerst auf Eis gelegt worden ist und der Nordflügel des Hauses weiter brachliegt.
«Standortbestimmung»
Co-Leiter Christian Pauli, in der Dampfzentrale zuständig für die Musiksparte, sieht keinen Grund, nach der Abstimmung vom 15. Mai «die Ausrichtung des Hauses auf die Sparten zeitgenössischen Tanz und Musik in Frage zu stellen». Pauli selber freut sich auf die Aufgabe, «das erfolgreich entwickelte Konzept der Dampfzentrale in den nächsten vier Jahren zur Blüte zu bringen». Die neue Ausgangssituation will der Vorstand der Dampfzentrale für eine «Standortbestimmung» nutzen. Zu diesem Zweck werden demnächst ausgewählte Persönlichkeiten zu einem Gedankenaustausch eingeladen. Die Findungskommission, welche für Ausschreibung und die Besetzung der neuen Leitung in der Sparte Tanz verantwortlich ist, wird voraussichtlich im August ihre Arbeit aufnehmen. Die Nachfolge von Roger Merguin soll bis Ende Jahr geregelt sein.
Erstellt: 26.05.2011, 11:11 Uhr
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