Kraftwerke Oberhasli müssen Kreide fressen

Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 03.09.2010

Die KWO können endlich Wasserkraftwerke neu bauen und aufwerten, ohne mit Einsprachen durch Umweltschützer rechnen zu müssen. Allerdings kommt sie die Einigung teuer zu stehen – und die Erhöhung der Grimsel-Staumauern geht wieder den Rechtsweg.

Eine der Grimsel-Staumauern: Um 23 Meter sollen sie erhöhen.

Eine der Grimsel-Staumauern: Um 23 Meter sollen sie erhöhen.
Bild: Keystone

Handeck und Innertkirchen

Die Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) will die mittlerweile über 60-jährigen Kraftwerkkomplexe Innertkirchen 1 und Handeck 2 aufwerten. Erstens sollen neue Druckstollen und -schächte Reibungsverluste verringern. Zweitens werden zwei neue Maschinen die Leistung um 240 Megawatt steigern. Wichtige Bauelemente sind ein Parallelstollen vom Räterichsbodensee auf die Handeckfluh, die Erweiterung der Zentralen Handeck 2 und Innertkirchen 1 mit neuen Turbinen und ein Unterwasserstollen zwischen den Anlagen Innertkirchen 1 und Innertkirchen 2. Zudem soll ein Beruhigungsbecken bei der Wasserrückgabe in Innertkirchen die Aare ökologisch aufwerten. Von den Ausbauten versprechen sich die KWO 70 Gigawattstunden Energie pro Jahr. Investieren werden sie 280 Millionen Franken in das Vorhaben, die Bauzeit beträgt voraussichtlich fünf Jahre.

Pumpspeicherwerk Grimsel 3

Ein neues unterirdisches Pumpspeicherwerk namens Grimsel 3 soll es den Kraftwerken Oberhasli (KWO) ermöglichen, «Strom bedarfsgerecht zu produzieren und Produktionsschwankungen aufzufangen», wie das Unternehmen schreibt. Das Kraftwerk wird Wasser zwischen den beiden bestehenden Stauseen Oberaar und Räterichsboden verarbeiten. Wichtige Bauteile sind der Druckschacht zwischen dem Wasserschloss Kessiturm und eben Grimsel 3, eine neue Kraftwerkzentrale mit drei drehzahlregulierten Pumpturbinen und ein Unterwasserstollen zum Räterichsbodensee. Die Leistung des Werks wird 600 Megawatt betragen, kosten dürfte es die KWO rund 600 Millionen Franken. Die Bauzeit für Grimsel 3 wird sechs Jahre betragen. Die Auswirkungen des Werks auf die Umwelt seien minimal, halten die KWO fest.

Gestern war ein guter und wichtiger Tag für die zukünftige Versorgung der Schweiz mit Strom – darin dürften für einmal alle Streithähne einig gehen. Denn die Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) hat sich mit den Umweltschutzorganisationen im Grundsatz über zwei grosse Ausbauvorhaben in Sachen Wasserkraft an der Grimsel geeinigt. Wahrscheinlich können diese nun ohne Beschwerden und langwierige Gerichtsverhandlungen über die Bühne gehen, wie die KWO zusammen mit Umweltschützern und der bernischen Energiedirektorin Barbara Egger-Jenzer (SP) gestern in Bern vor den Medien bekannt gaben. Noch dieses Jahr sollen die entsprechenden Konzessionsgesuche eingereicht werden, voraussichtlich 2012 wird der bernische Grosse Rat über die Konzessionen entscheiden.

Beachtliche Leistungssteigerung

Konkret sollen nun die Kraftwerke Handeck 2 und Innertkirchen 1 aufgewertet werden, was eine Leistungssteigerung von 280 Megawatt einbringen wird (siehe linker Kasten). Dass dies beachtlich ist, zeigt ein Vergleich: Das Atomkraftwerk in Mühleberg bringt es auf 370 Megawatt und trägt damit rund fünf Prozent zur Stromversorgung in der Schweiz bei.

Ausserdem wollen die KWO jetzt das unterirdische Pumpspeicherwerk mit dem Namen Grimsel 3 bauen (siehe rechter Kasten) – seine Leistung soll 600 Megawatt betragen. Allerdings produziert dieses Werk nur bei Bedarf Strom. Zu diesem Zweck speichert es die zu gewissen Zeiten auf dem Markt vorhandene «überschüssige» Energie, indem es Wasser in ein höher gelegenes Speicherbecken pumpt.

Gesprochen wird über diese und andere Projekte schon seit 1999. Damals wich ein überdimensioniertes 3-Milliarden-Franken-Paket der KWO dem Ausbauvorhaben «KWO plus»: Für insgesamt sieben Aufwertungen, Erweiterungen und Neubauten will das Unternehmen in den nächsten Jahren eine Milliarde Franken ausgeben.

Die Leiden des Direktors

«Ich habe während der Verhandlungen mit den Umweltverbänden gelitten», gab KWO-Direktor Gianni Biasiutti gestern unumwunden zu. Die KWO müssen zugunsten von 50 umweltschützerischen Massnahmen auf 55 Gigawattstunden Energie verzichten – dies entspricht einem grossen Kraftwerk. Gestritten wurde etwa darüber, wie viel Wasser in den Flüssen verbleiben soll, damit Flora, Fauna und Landschaftsbild nicht gestört werden. Auch über Fischtreppen, Renaturierungen von Auenlandschaften und Aufforstungen wurde verhandelt. «Wir ziehen den nun erreichten Kompromiss aber dem langwierigen und ungewissen Rechtsweg vor», sagte Biasiutti. Wie viel die Massnahmen kosten werden, lasse sich noch nicht abschätzen.

Auch er habe Kreide fressen müssen, sagte Lucca Vetterli von Pro Natura als Vertreter der Umweltschutzorganisationen. Vetterli relativierte sogleich den «Energieverlust» der KWO: Erstens gehe es dabei um eine Korrektur der bisherigen Übernutzung und zweitens betrage die Produktionsabnahme gemessen an dieser nur zwei Prozent. «Aus unserer Sicht ist der nun gefundene Kompromiss akzeptabel.» Allerdings könnten die Umweltschützer erst dann endgültig grünes Licht geben, wenn die Konzessionsgesuche vorlägen und sich die Massnahmen auch in der Praxis bewährt hätten.

Umstritten wie eh und je

Was gestern bekannt gegeben wurde, stellte Regierungsrätin Egger vor allem als Verdienst der von ihr angeregten kantonalen KWO-Begleitgruppe dar – in ihrem Rahmen setzten sich die Streithähne vor mehr als einem Jahr an einen Tisch. Die Gruppe ist nun aber beim einzigen wirklich umstrittenen Punkt gescheitert: der Erhöhung der Grimsel-Staumauern um 23 Meter («Bund» vom 10. Juli). Während die Umweltschützer nie grundsätzlich gegen die beiden anderen Vorhaben waren und eine Einigung immer im Bereich des Möglichen lag, stellen sie sich weiterhin vehement gegen die Staumauer-Erhöhung.

Mit dieser Massnahme wollen die KWO die Speicherkapazität des Grimselsees für 220 Millionen Franken ausbauen, um mehr lukrativen Winterstrom zu produzieren – Gegner werfen dem Unternehmen aber vor, auf diese Weise wertvolle Landschaften zu überschwemmen, nur um Kohle- und Atomstrom zu veredeln und in Zeiten hoher Nachfrage teuer ins Ausland zu verkaufen. Egger hat mehrmals die Wichtigkeit der Mauererhöhung – welche die KWO das «Herzstück» ihrer Ausbauvorhaben zu nennen pflegten – betont. Gestern nun räumte die Regierungsrätin aber ein, dass in der Begleitgruppe lediglich Einigkeit darüber herrsche, dass man auf dem Verhandlungsweg nicht weiterkomme und «die Sache auf dem Rechtsweg entschieden werden muss». Bereits 2009 hatte das Bundesgericht erklärt, dass es für die Erhöhung ein aufwendiges Konzessionsverfahren brauche – und damit die Pläne der KWO durchkreuzt. (Der Bund)

Erstellt: 03.09.2010, 10:19 Uhr

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