Kommentar: Werte schaden der Schule nicht
Christliche Fundis unterwandern die Pädagogischen Hochschulen und das Schulsystem, wo sie Gehirnwäsche an Kindern betreiben. So lautet – zugespitzt – das Szenario, das manche Zeitungsartikel und Fernsehsendungen in letzter Zeit vermittelt haben. Wenn dem so wäre, müsste eingeschritten werden, denn die Schule ist keine religiöse Lehranstalt, sondern eine staatliche Bildungsstätte: Kinder mit christlichem, konfessionslosem, jüdischem, muslimischem oder einem andern Hintergrund sollen hier die Bildungsbasis für ihr Leben erhalten.
Der Lehrberuf ist kein Schleck. Nur wenige Pädagogen üben ihn bis zur Pensionierung aus, Burnouts und der oft frustrierte Rückzug aus dem Schuldienst sprechen eine deutliche Sprache. An einigen Brennpunkten droht die Schule an gesellschaftlichen Problemen zu ersticken: Drogen, Vandalismus, Gewalt, Pornografie, sexuelle Übergriffe, zerrüttete Familien, Disziplinlosigkeit. Gleichzeitig wird der Schule die Rolle eines gesellschaftlichen Reparaturbetriebs zugeschoben, an der sie nur scheitern kann: Sie soll Kindern Anstand und sonstige Grundtugenden beibringen, Migrations- und Integrationsprobleme lösen und sogar ein Frühstück servieren, wenn die Kinder zu Hause keines bekommen haben. Wenn sich Lehrkräfte also dieser Aufgabe verschreiben, beweisen sie Mumm. Bleibt die Frage, weshalb es – vagen Schätzungen zufolge – überproportional viele bekennende Christinnen und Christen ins Schulzimmer zieht, in dem das Schulgebet längst abgeschafft ist. Da es ihnen gesetzlich nicht erlaubt ist, Schüler religiös zu beeinflussen, sie in Gewissenskonflikte zu stürzen oder sich abfällig über andere Orientierungen zu äussern, ist für plakative Mission kein Platz. Erlaubt und vom Gesetz gedeckt ist das Vorleben von christlichen Werten – wobei hier kein christliches Monopol auf Werte postuliert werden soll. In einer Diskussion mit älteren, mündigeren Schülern darf ein Lehrer auch den eigenen Standpunkt deklarieren.
In den 1970er-Jahren wurden linke Lehrer entlassen – nicht etwa, weil sie eine Verfehlung begangen hatten: Schulbehörden unterstellten ihnen eine Art subversiver Ausdünstung. Das allein genügte. Diesen Fehler sollte man nicht wiederholen. Es darf nicht skandalisiert werden, wenn in einem seit über 1000 Jahren christlich geprägten Land Lehrkräfte auch im Beruf zu ihrer christlichen Identität stehen. Lehrpersonen mit Halt, Haltung und Gelassenheit, die souverän mit anderen Meinungen umgehen können, sind für die Schule – und womöglich nicht nur dort – ein Gewinn. (Der Bund)
Erstellt: 04.11.2009, 07:32 Uhr
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