Kommentar: Der menschliche Faktor
Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 23.11.2009
Die Sicherheitsansprüche in unserer Gesellschaft sind hoch. Wir verlangen nach dem totalen Schutz vor psychisch kranken Straftätern und vor der Schweinegrippe und sind empört, wenn unsere Institutionen diesem Anspruch nicht nachzukommen vermögen. Je mehr wir aber nach der absoluten Sicherheit verlangen, desto brutaler werden wir bei einem Unglück wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt. Die Erkenntnis nach solchen Vorfällen ist in ihrer Banalität oft beschämend, beschämend für unser Bestreben, alles im Griff haben zu wollen. «Der Bär hat reagiert, wie ein Bär reagiert, wenn er sich einem Eindringling gegenübersieht», sagte Tierpark-Direktor Bernd Schildger. Ein Zoo könne die Besucher vor Wildtieren schützen. Aber gegen aktives Eindringen von Menschen in Wildtiergehege gebe es keinen Schutz.
In einer absolut sicheren Gesellschaft gäbe es auch keine Selbstverantwortung mehr. Laut Schildger setzt das moderne Sicherheitskonzept des Bärenparks ein hohes Mass an Selbstverantwortung voraus. Errichtet man an der Stelle, wo der Mann ins Gehege eindrang, eine höhere Absperrung, schützt man nicht mehr die Menschen vor den Wildtieren, sondern die Menschen vor den Menschen. Es wäre auch keine Lösung, geistig behinderten Menschen den freien Ausgang zu streichen. Gegen den menschlichen Faktor nützt in diesem Fall keine Absperrung, kein Sicherheitskonzept und kein Verbot. Wer in den Bärenpark will, kommt da auch rein.
In Bärengraben und -park ist es von 1847 bis heute zu sechs Vorfällen gekommen, vier davon endeten tödlich. Laut Schildger waren alle auf Grenzüberschreitungen des Menschen zurückzuführen. Ein Bär reagiert wie ein Bär. Nur die Menschen verlieren manchmal den Kopf. (Der Bund)
Erstellt: 23.11.2009, 07:29 Uhr
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