Klimatag: «Wir sind nicht allein verantwortlich»
Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 16.06.2011 1 Kommentar
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Emanuel Schläppi
Emanuel Schläppi ist Gemeindepräsident von Grindelwald und Vizepräsident des Vereins Jungfrau Klima-Co2operation. Am gestrigen Klimatag hielt er ein Kurzreferat.
Führer zeigen in Grindelwald den Gletscherrückgang
In Grindelwald wird der Rückgang der Gletscher Interessierten neu auf geführten Gruppenrundgängen aufgezeigt. Einheimische Führer zeigen Stellen, wo der Klimawandel und seine Folgen besonders gut sichtbar sind. Das neue Angebot «Eiger Climate Excursions» ist eine Folge des Erfolgs der im vergangenen Jahr eingeführten Schülerführungen, wie die Organisatoren gestern auf der Pfingstegg bekannt gaben. Dort starten die Rundgänge und führen etwa zur Stelle, wo vor ein paar Jahren das Bergrestaurant Stieregg aufgrund eines Bergsturzes aufgegeben werden musste. Angeboten werden die Führungen vom Verein Jungfrau Klima-Co2operation. Diese Organisation vereint Gemeinden der Jungfrauregion, die Universität Bern und die BKW AG. Der Verein wurde mit dem Ziel gegründet, der Bevölkerung die Folgen des Klimawandels aufzuzeigen. Kein Ort in der Schweiz eigne sich so gut, um die Klimaveränderung und ihre Folgen aufzuzeigen, wie das einst für seine Gletscher international bekannte Grindelwald, sagte Professor Thomas Stocker, Klimaforscher der Uni Bern, gestern am Klimatag. Am Anlass sprach Bundesrat Ueli Maurer zur geostrategischen Bedeutung des Klimawandels für die Schweiz. Der Verteidigungsminister sagte, der Klimawandel werde die potenziellen Bedrohungen durch die Verknappung der Ressourcen und die Migration noch verstärken. Die Schweiz dürfte aber diese Probleme «einigermassen lösen können». (sda)
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Herr Schläppi, am Klimatag haben Sie heute die Frage aufgeworfen, ob die Tourismusgemeinde Grindelwald nicht tatsächlich nur auf das Geschäftemachen mit dem Klimawandel hinaus ist. Wie beantworten Sie Ihre Frage?
Wir sind ein Tourismusort und viele Menschen leben seit Jahrzehnten vom Tourismus. Der Klimawandel, so deutlich, wie er sich bei uns zeigt, zieht auch Leute an. Wir wollen uns nicht verstecken, die Leute sollen kommen und schauen. In dem Zusammenhang profitieren auch die Tourismusbetreiber. Die Leute gehen ins Restaurant oder benutzen eine Bergbahn. Dazu stehen wir.
Der Vorwurf des Geschäftemachens mit dem Klimawandel geht auf den Absturz der Moräne des Unteren Grindelwaldgletschers zurück. Hunderte Schaulustige pilgerten ins Gletscherdorf. Ein Dilemma?
Das ist so. Alles ist sehr nahe beieinander. Einerseits verzeichnete die Pfingsteggbahn einen der besten Sommer überhaupt, und das Berghaus Bäregg profitierte sehr vom Ansturm. Andererseits, nicht weit davon gelegen, war es für die Gletscherschlucht und das Restaurant dort eine der schlechtesten Saisons, weil die Gletscherschlucht wegen der Bergstürze geschlossen werden musste. Im Zusammenhang mit den von der Uni Bern errichteten Klimapfaden habe ich damals gesagt, es wäre schön, wenn viele Schulklassen angezogen würden. Der «Blick am Abend» schrieb dann, der Berg stürzt ein, und der Gemeindepräsident träumt von Touristenströmen. Das stimmt natürlich nicht.
Der schmelzende Obere Grindelwaldgletscher wird mit Eintrittsgebühr und Gletscherbar vermarktet.
Die Treppe zum Oberen Grindelwaldgletscher wird von einer Familie und der Bergschaft privat betrieben. Die Treppe wurde natürlich erstellt, um den Gletscher anzuschauen und nicht den Gletscherschwund.
Der Klimawandel ist mit Gletscherschwund, Bergstürzen und Überschwemmungen in der Region Grindelwald besonders gut sichtbar. Die grossen Umweltsünden werden aber nicht bei Ihnen verbrochen. Was löst das bei Ihnen aus?
Die Auswirkungen bedrohen uns nicht unmittelbar, aber sie stimmen uns nachdenklich. Nur weil man den Klimawandel hier besonders gut sieht, sind wir nicht allein verantwortlich. Aber wir sind mitverantwortlich.
Auch in Ihrer Gegend werden Klimasünden begangen: Der Bauboom hält an, Bergbahnen werden gebaut, und es wird Strassen- und Flugverkehr generiert.
Wir machen das nicht zum Vergnügen. Wir sind ein Teil des allgemeinen Lebens, wie auch die Menschen, die irgendwo in der Stadt Bern leben und arbeiten. Und gerade Zweitwohnungen besitzen ja beispielsweise die Leute aus dem Unterland.
Der Bauboom geht also weiter, und es sollen immer mehr Leute in die Berge reisen und sich vergnügen?
Der Bauboom lässt sich nicht von heute auf morgen abstellen. Früher gab es in Grindelwald keine Bauzone. Dann wurde eine erstellt, allerdings viel zu gross. In verschiedenen Schritten wurde sie verkleinert. Heute haben wir noch Baulandreserven, aber sie sind begrenzt. Im Moment stehen wieder viele Bauprofile, auch weil die Besitzer der Baulandreserven befürchten, das Bauland könnte irgendwann wieder ausgezont werden. Dieser Bauboom geht aber nicht mehr über Jahrzehnte so weiter.
Im Winter wird viel dafür getan, dass man trotz fehlendem natürlichem Schnee die ganze Saison Ski fahren kann. Wo bleibt hier das Umdenken?
Wir befinden uns in einer Höhe, in der noch über längere Zeit Wintersport betrieben werden kann. Unter dem Eiger ist es schattig. Und es gibt auch Entwicklungen: Man ersetzt etwa zwei alte Anlagen durch eine neue, die weniger Energie braucht, oder es wird an Hybridmotoren für Pistenfahrzeuge gearbeitet.
Aber wäre es nicht ehrlicher – auch gegenüber den Unterländern –, Skifahren nur noch dann anzubieten, wenn natürlicher Schnee liegt?
Es hat ja Schnee! Letzten Winter herrschte die Meinung vor, es liege kein Schnee, aber wir hatten eine gute Saison, und es gab auch natürlichen Schnee. Man kann Ski fahren, und wir wollen nicht künstlich eine gegenteilige Meinung verbreiten. Es ist möglich, diese Sportart auf vernünftige Art und Weise weiterzubetreiben.
Was macht der Verein Jungfrau Klima-Co2operation genau gegen den Klimawandel?
Der Verein wurde im Zusammenhang mit der Entstehung des Gletschersees auf dem Unteren Grindelwaldgletscher gegründet. Ziel ist es, zum Ausdruck zu bringen, dass wir hinschauen und mithelfen wollen. Wir unterstützen die wissenschaftliche Arbeit und wollen das Bewusstsein zum CO2-Sparen steigern. Konkret sind ein Holzheizwerk in Betrieb genommen worden, und es läuft ein dreijähriger Versuch mit einem ÖV-Betrieb im Ort.
Glauben Sie, dass der Klimawandel noch aufgehalten werden kann?
Wenn ich es global betrachte, habe ich das Gefühl, wir sind ein ganz kleines Räderwerk und können praktisch nichts beeinflussen. Aber jemand muss damit beginnen, und ich bin bereit mitzuhelfen – im Rahmen das Machbaren für die Einheimischen. Man darf nicht alles verwerfen. Es braucht kleine Schritte. (Der Bund)
Erstellt: 16.06.2011, 08:30 Uhr
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